Mittwoch, 22. Dezember 2010

Prolog Teil 2

Während  des Meetings drehen sich meine Gedanken um den Mann im Zug. Ich überhöre eine an mich gerichtete Frage und bin den fragenden Blicken meiner Kollegen ausgesetzt. Ich schaue in die Runde und ernte einen vorwurfsvollen Gesichtsausdruck meiner Chefin. Die Frage wird wiederholt und leicht stockend nehme ich den Faden wieder auf und beteilige mich wieder an der Diskussion. Der Mann geht mir nicht aus dem Kopf.
Zurück am Arbeitsplatz, nutze ich den Großteil meiner mir zur Verfügung stehenden Zeit, um im Internet zu recherchieren. Ich versuche Informationen über den Vorfall am Hauptbahnhof zu erlangen und scheitere. Meine Suche nach ähnlichen Beobachtungen bleibt ebenfalls erfolglos und als ich meine Frage in einem Forum poste ernte ich nur die üblichen „Scheiß Bullen nt“ oder „Typisch Bayern, höhöhö“-Antworten. Schwarmintelligenz wurde das Internet einst genannt. Schwarm ja, Intelligenz noch ausstehend. Ich liebe das Internet.
Wieder lande ich auf Nachrichtenseiten. Ich suche nach Hinweisen auf mögliche Giftgasanschläge. Hatte der Mann eventuell einen Container mit Giftgas bei sich? Wären dann die Beamten so ruhig geblieben? Bei Sprengstoff doch aber eigentlich auch nicht, oder? Mir gehen die Gedanken durch den Kopf und mache etwas früher Schluss. Ich will nach Hause, zu meiner Familie. Ich fühle mich plötzlich nicht mehr wohl und dränge darauf, nach Hause zu kommen. Zurück am Hauptbahnhof das gleiche Bild. Geschlossene Eingänge und schwer bewaffnete Polizisten, die die offenen Eingänge kontrollieren und Hunde, die Gepäckstücke und Reisende beschnüffeln. Wieder dieses Gefühl des Unwohlseins, ein leichtes Frösteln, ein kurzes aufblitzen von Panik, das sogleich wieder verschwindet, als ich die Menschentraube verlassen habe.
Am Bahnsteig steht schon mein Zug, davor wieder Polizisten. Ich frage mich, ob es die gleichen von heute morgen sind, ob ich sie fragen soll, ob sie wissen, warum der Mann abgeführt wurde, bzw. ob er zwischenzeitlich schon wieder auf freiem Fuss ist. Ich entscheide mich wieder dagegen und gehe zum Zug. Ich will nach Hause. Fünf Minuten vor Abfahrt ist das Abteil noch nicht mal zur Hälfte gefüllt. Im Zug herrscht gespenstisches Schweigen. Ich erkenne einen Mitreisenden von heute Morgen wieder und schaue zu ihm. Er dagegen beachtet mich nicht und starrt nur aus dem Fenster. Ich setze wieder meine Kopfhörer auf und Bruce Dickinson singt gerade „You watch the world exploding every single night“ als der Zug losfährt. Es setzt gerade die Dämmerung ein, als der Zug den Bahnhof verlässt und ich stelle erfreut fest, dass der Regen aufgehört hat.
„Your time will come, your time will come“.
Im Kreise meiner Familie angekommen fühle ich mich besser, aber meine Frau ist überrascht, dass ich früh dran bin. Ich vertröste sie auf später und während sie das Abendbrot richtet, versuche ich erneut über das Internet Informationen zu sammeln. Mein Forumspost hat nach den ersten Antworten inzwischen weitere Antworten generiert. Inzwischen ist das ganze Spektrum von „Das war sicher ein Außerirdischer“ bis „Der wusste etwas!“ abgedeckt. Mit sinnvollen Antworten rechne ich nicht mehr und dehne meine Suche auf andere Foren aus. Ich versuch’s in den Kommentaren der Nachrichtenseiten und gehe dort unbeachtet unter. Kein Mensch interessiert sich für meine Beobachtung und ich komm langsam zur Überzeugung, dass es sich wohl um einen kleinen Drogenkonsumenten gehandelt hat, der von der bayrischen Ordnungsmacht festgesetzt wurde.  Ergibt sicher ein super Resümee: Polizeieinsatz 10.000.000 Euro und als Erfolg lässt sich ein Drogenkonsument vorweisen.
Beim Abendessen erzähle ich meiner Frau von meinem Tag. Sie ist der Überzeugung, dass es der Typ schon verdient haben wird und versteht gar nicht, warum mich das so aufregt. Ich gebe mich überzeugt, schlafe die folgende Nacht aber nur sehr unruhig und träume davon, wie sich der Mann in unserem Abteil in die Luft sprengt. Ich werde aus dem Fenster geschleudert und lande in einem Rinnstein. Wasser fließt über mich und bunte Herbstblätter werden rund um mich vom Wasser herum gewirbelt. Ich fühle nichts und plötzlich bricht im Traum der Schmerz über mich herein. Ich schreie. Ich schreie so laut, dass meine Frau und mein Sohn wach werden. Mein Sohn fängt an zu heulen und meine Frau eilt ins Kinderzimmer, um ihn zu beruhigen. Ich sitze im Bett und ich habe ein schlechtes Gewissen.
Nach einigen Minuten kommt meine Frau zurück ins Schlafzimmer und sieht mich vorwurfsvoll an. Ich murmle etwas davon, dass ich einen Alptraum hatte, was ihren vorwurfsvollen Blick abmildert und einem anderen, einem besorgten Gesichtsausdruck weichen lässt. Sie verspricht mir die bösen Gedanken zu vertreiben und beginnt, sich ihres Nachthemds zu entledigen. Sie löscht das Licht und beginnt mich zu küssen. Ich spüre ihren Mund am ganzen Körper - ihren Mund und ihre Zunge.  Mit einem Mal scheinen meine ganzen negativen Gedanken wie fortgeblasen und nach fünfzehn Minuten ergießen sich meine Zweifel in die Scham meiner Frau. Ich fühle mich erleichtert, nehme meine Frau in die Arme und schlafe die restliche Nacht friedlich und traumlos.

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