Mittwoch, 12. Januar 2011

Kapitel 11

Im heutigen Kapitel wird die Ruhe vor dem Sturm zelebriert. Das Tempo hab ich absichtlich noch einmal rausgenommen und lasse meinen Charakter noch einmal normales Familienleben durchleben, bevor sein bisheriges Leben komplett aus den Angeln gehoben wird.

Kapitel 11
Ich sitze im Auto und bin genervt. Seit über einer Stunde schon. Der Verkehr schiebt sich zäh aus der Bayrischen Landeshauptstadt auf die Autobahnen. Gestern wollte ich auf Landstraßen ausweichen und hab 20 Minuten länger gebraucht. Ich bin genervt. Der Radiomoderator nervt mit seinen witzigen Sprüchen, die ich alle heute Morgen schon gehört habe. Zwei Stunden lang. Die beste Musik Bayerns erzählt mir ein Jingle. Doof, muss ich überhört haben, dass es zwischen Werbung, Jingles, dummen Witzen, Einspielungen und Nachrichten auch noch Musik gibt auf dem Sender. Normalerweise würd ich eigene Musik hören, aber ich will die Verkehrsdurchsagen hören.
Der Moderator kündigt ein Lied für die Leute im Stau an. Highway to Hell. Haha, ein Witzbold. Ich bin genervt. Seit dem Vorfall letzte Woche bin ich auf mein Auto umgestiegen, der Zugverkehr wurde eingeschränkt, Züge verkehren nur noch nach Notfahrplan. Schuld ist die geringe Auslastung. Nein, Schuld ist der durchgeknallte Junkie, der mir den Spaß am Bahnfahren genommen hat. „No stop signs, speed limits“ kreischt Bon Scott durch die Boxen. Ich fühle mich leicht verarscht und immer noch ziemlich genervt.
Hinter mir liegt ein Scheiß Wochenende. Oskar ist tot. Zwei Tage lang hörten wir nichts mehr von Oskar. Karin war am Boden zerstört. Nachfragen beim Krankenhaus waren erfolglos und von einem Pflegezentrum wollte niemand etwas wissen. Einzig bei der Polizei erhielt sie nach mehrmaligen Anrufen die Auskunft, dass man sich um ihren Mann kümmere und man auf sie zukommen würde, wenn es Neuigkeiten gäbe.
Tatsächlich gab es am Wochenende Neuigkeiten. Eine Beamtin überreichte Karin eine schlichte Urne und eine Sterbeurkunde  und spulte ihren Standardtext ab, wie leid es ihr täte und ob sie weiteren Beistand bräuchte. Den Beistand lieferten meine Frau und ich. Den ganzen Tag ließen wir zusammen mit einer weiteren Nachbarin, Beate, die Wehklagen von Karin über uns ergehen. Mein dummer Spruch zwischendrin, dass sie sich jetzt immerhin nicht um einen Sarg kümmern braucht, brachte mir neben den bösen Blicken von Beate und meiner Frau neue Tränen von Karin.
Ich habe ein schlechtes Gewissen ob meiner Taktlosigkeit. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Und wo hatte Karin die ganzen Tränen her, denk ich mir noch, als es endlich weitergeht. Langsam nähere ich mich dem Zubringer zu meiner Autobahn. Auf der anderen Autobahn geht’s etwas flüssiger vonstatten. Das Radio meldet keine weiteren Staus mehr für meinen Abschnitt und erstmals seit meiner Abfahrt nähert sich die Nadel auf dem Tacho der 100er-Grenze.
Das allerdings nur kurz, denn bereits die nächste Auffahrt fordert wieder ihren Tribut. Nach endlos erscheinenden 45 Minuten erreiche ich mein Zuhause. Ich habe Hunger, Durst und muss auf die Toilette. Als ich hochgehe, finde ich die Wohnung leer vor. Ich rufe auf dem Mobiltelefon meiner Frau an und höre es im Wohnzimmer läuten. Wenn ihr Mobiltelefon daheim rumliegt, kann sie nicht weit sein. Ich hol mir die Reste des Wochenendbratens aus dem Kühlschrank, stell mir eine Portion in der Mikrowelle und verrichte meine Notdurft.
Beim Essen mache in den Fernseher an. Immer mehr „Neue Grippe“-Fälle in Europa und den USA. USA schließt die Grenzen zu Mexiko, Grenzpatrouillen werden verstärkt und durch die Nationalgarde unterstützt. Aha. Die Nato gibt bekannt, ein EU-weites Manöver durchzuführen. Ich vermute, als Antwort auf die Manöver der GUS-Staaten.  Unser Bundesverteidigungsminister erklärt einem Reporter, dass wir aufgrund unserer Stellung in der EU das Manöver mit allen zur Verfügung stehenden Truppenteilen unterstützen werden, um die länderübergreifende Zusammenarbeit der Streitkräfte auch in Zukunft gewährleisten zu können.
Im nächsten Einspieler wird über eine Schießerei in Berlin berichtet, bei dem sich eine Bande der russischen Mafia ein Feuergefecht mit der Polizei geliefert hat. Dabei kam es zu sieben Toten, darunter ein Beamter. Tragische Geschichte, denk ich beiläufig und setze meine Mahlzeit fort. Das Fleisch hätte ruhig noch etwas wärmer sein können, überlege ich, und trinke einen Schluck Apfelschorle hinterher. Bei einem Bericht über Randale im Chinesenviertel in Paris geht die Tür auf und meine Frau kommt mit meinem Sohn herein. Mein Sohn trägt um seinen Arm einen Verband.
Bestürzt springe ich auf und laufe zu meiner Frau und meinem Sohn. Der Verband ist nicht sonderlich dick und weist auch sonst nicht auf eine ernste Verletzung hin. Natürlich will ich sofort wissen, was ihm widerfahren ist und bekomme zur Antwort, dass er beim spielen im Garten gestolpert ist, und sich leicht den Arm aufgekratzt hat. Er wollte aber unbedingt so einen Verband wie sein Freund im Kindergarten, der sich letztes Jahr den Arm gebrochen hatte. Sein Kratzer sei schließlich eine große Verletzung und nur mit viel gutem Zureden konnte ihn meine Frau davon überzeugen, dass ein Krankenhausbesuch bei dieser Verletzung überflüssig sei.
Ich nehme meinen Sohn in den Arm, drücke ihn an mich und gehe zurück an den Esstisch. Dort esse ich noch den Rest meines Bratens und lasse mir von meiner Frau vom Tag erzählen. Die war heute bei einem recht formlosen Gedenkgottesdienst zu Ehren Oskars und danach noch bei Karin, um mit ihr zu reden. Zu Lebzeiten hatte Oskar sich nicht viel aus der Kirche gemacht, im Tode findet auch er zurück, denk ich mir, während ich den letzten Bissen des Bratens mit einem Schluck Apfelschorle hinunterspüle.

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