Donnerstag, 13. Januar 2011

Kapitel 12

Kapitel 12

Ich bin wieder auf den Zug umgestiegen. Scheiß auf durchgeknallte Junkies und Notfahrpläne. Bevor ich mich nochmal vier Stunden auf die Straße stelle, lass ich mich lieber von einem Idioten in die Hand beißen. Am Bahnhof passiere ich die Beamten und gehe auf den Bahnsteig. Dort bietet sich mir noch immer das gleiche Bild, dass nur noch wenige Leute noch mit dem Zug fahren. Es sind eher noch weniger geworden. Ein paar der Gesichter kenne ich vom sehen und ignoriere sie. Wie früher.  Trotz Notfahrplan fährt der Zug pünktlich ein und ich steige mit den wenigen Unverdrossenen ein.
Im ganzen Abteil sind außer mir vielleicht noch acht bis zehn andere Reisende, darunter eine Mutter mit Kind. Ich höre das Kind schreien. Hat wohl Hunger, der oder die Kleine, denk ich mir, als ich meinen Laptop auspacke und ein Spiel starte. Neben dem kleinen Schreihals hör ich noch jemand, der ein Problem mit seinen Lungen zu haben scheint, so wie er vor sich hin bellt. Ich werfe einen Blick auf den Gang des Abteils und sehe den Ursprung des Hustens: Allein in einer Vierergruppe und sich ein blutiges Taschentuch vor den Mund haltend sitzt da ein Kerl und scheint sich die Lunge aus dem Leib zu husten. Ich höre die ganze Zeit nur das ständig wiederkehrende Bellen, dass sich zusammen mit dem kreischenden Baby zu einer Kakophonie des morgendlichen Nahverkehrgrauens entwickelt.
Ich beschließe, dem Lärm mit mehr Lärm zu entfliehen, doch selbst Tom Araya kann nicht gegen den Lärm anschreien. „Death will be their acquisition“ verpufft wirkungslos im Ohr und ich staune noch ob der Ausdauer des kleinen Erdenbürgers.
Nach ungefähr zehn Minuten verstummt das Husten und auch das Baby gibt endlich Ruhe. Ich werfe einen Blick auf den Kerl und sehe ihn mit eingesunkenem Kopf dort sitzen. Ich klappe meinen Laptop zu und beobachte den Kerl ein, zwei Minuten. Keine Regung. Ich bemerke keine Atmung. Könnte natürlich nichts sein, ich will aber kein Risiko eingehen.
An die nervige und zeitaufwändige Befragung beim letzten Zwischenfall denkend stehe ich auf und gehe in ein anderes Abteil. Ich hab keine Zeit für den Quatsch. Im nächsten Abteil finde ich gleich einen Platz und breite mich dort aus. Mein Spiel läuft noch. Ich setze die Ohrstöpsel ein und starte meinen MP3-Player und Mille brüllt mir „Like raging beasts among the sheep“ ins Ohr.
Kurz vor München bricht eine Unruhe bei den Mitreisenden aus. Ein Mann mittleren Alters erhebt sich und geht zur Tür des Abteils, aus dem ich vorhin gekommen bin. Ist der Kerl vorhin wohl tatsächlich gestorben. Gut, dass ich das Abteil gewechselt hab. Diesmal umgeh ich den Stress mit der Polizei, denk ich mir und bin zufrieden mit meiner Entscheidung. Der Mann kommt kreidebleich ins Abteil zurückgelaufen, schreit irgendwas. Ich nehm die Kopfhörer ab und schalte den Laptop ab. Ist ja nicht mehr weit. Das Brüllen des Manns ist unverständlich, er schreit was von „Blut“ und dauernd „Scheiße“.
Die anderen Mitreisenden starren den Mann an. Der Mann versucht sich zu beruhigen, schaut mit wirrem Blick ins Abteil und scheint zu überlegen. Wir passieren gerade die Haltestelle Hackerbrücke, als der Mann wieder zu sich findet. Mit einer sich überschlagenden Stimme und hochrotem Kopf teilt er uns mit, dass im Nachbarabteil alles voller Blut sei und dort drüben Menschen miteinander streiten oder kämpfen würden. Ich höre jetzt auch die Schreie aus dem Nachbarabteil. Noch immer bin ich mit meiner vorherigen Entscheidung zufrieden und laufe lieber noch ein Abteil weiter. Ich habe keinen Bock, deswegen schon wieder Überstunden zu machen.
Als der Zug in München eintrifft, steh ich schon vor der Tür und versuche möglichst schnell zur U-Bahn zu gelangen. Ich passiere das erste Abteil meiner heutigen Reise und fühle mich wie vom Schlag getroffen. Rote Farbe... nein, Blut an den Fenstern. Hinter den Fenstern sieht es nicht besser aus. Während die Eindrücke auf mich einstürmen, scheint sich die Zeit zu verlangsamen.
Der vorhin als tot vermutete Mann kniet über der Mutter des Kindes, hat seine Zähne in ihren Hals versenkt und reißt sich ein Stück aus ihr heraus. Blut spritzt auf das Gesicht des Angreifers. Der lässt sich davon nicht beirren kaut das Stück Fleisch und schluckt es dann hinunter. Noch während er zum zweiten Biss ansetzt sehe ich eine ältere Frau mit zwei Männern kämpfen, die sich in den Arm von einem der Männer verbissen hat.
Eine junge Frau liegt auf einem der Sitze. Ihre Kehle ist aufgerissen und Stücke ihres Gesichts und ein Auge fehlen. Das auf der linken Seite des Gesichts freiliegende Gebiss lässt die Frau für einen Augenglick grinsen, ihre toten Augen spiegeln dagegen den Schrecken wider, den sie im Augenblick ihres Todes gespürt haben muss.
Die visuellen Eindrücke wahrnehmend, fühle ich, wie meine Knie weich werden. Das Blut scheint meinen Kopf zu verlasse, was zur Folge hat, dass mir die Füße ihre den Dienst verweigern. Ich stütze mich an einer Telefonzelle ab, versuche wegzuschauen, kann aber nicht, bin wie gebannt. Ich sehe, wie dieser Verrückte der Mutter noch ein Stück Fleisch aus dem Hals reißt. Der Mann ist fast vollständig mit Blut besudelt, am Fenster ist ein blutiger Handabdruck der Mutter und die Augen der Frau haben bereits den stumpfen Ausdruck des Todes angenommen.
Einem der Männer ist es gelungen, die ältere Frau von sich wegzustoßen, dabei reißt sie noch ein Stück Fleisch aus seinem Arm. Die Frau kaut und schluckt das Stück hinunter, bevor sie sich wieder auf den Mann stürzt und ihn unter sich begräbt.
Der andere Mann versucht der toten Mutter zur Hilfe zu eilen und reißt den Verrückten von ihr herunter. Dabei zieht der die Mutter noch so weit mit, dass sie mit einem Klatschen an der Fensterscheibe landet und eine Blutspur hinter sich herziehend daran herunterruscht. Die Welt dreht sich um mich. Andere Reisende bleiben stehen, manche von ihnen schreien, andere rennen panisch davon, doch ich höre alles nur noch wie durch Watte, sehe nur die Bilder aus dem Abteil. Ich sehe zwei Polizisten, die sich einen Weg durch die Menge in den Zug bahnen. Mein Blick geht wieder in das Abteil und ich sehe das Baby, oder das, was davon übrig ist, auf einem der Sitze liegen und werde von einer sich um mich legenden Dunkelheit von dem Grauen des Augenblicks erlöst.

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