Samstag, 15. Januar 2011

Kapitel 15

Die Geschichte setzt wieder bei unserem Hauptdarsteller ein. Das Ende dieses Kapitels erscheint mir irgendwie sehr abrupt, ich wollte das aber nicht unnötig hinauszögern.

Kapitel 15

Als ich erwache, sitzt ein Sanitäter neben mir. An meinem Arm hängt ein Schlauch an einer Infusionsnadel und ich liege auf einer Trage mit Rollen. Der Sanitäter spricht mit mir, fragt mich nach meinem Namen, woher ich komme, wie alt ich bin, ob ich mich daran erinnere, wo ich zuletzt war. Ich beantworte seine Fragen, fühle mich gut, bis ich von der Erinnerung eingeholt werde, die wie ein wütender Sturm über mich hereinbricht und mich hinwegzufegen droht. Ich spüre ein Rauschen in den Ohren, höre den Sanitäter Fragen stellen und beantworte sie, so gut es geht. Das Rauschen verschwindet, ich versuche die Erinnerung zu unterdrücken.

Der Sanitäter geht wieder. Ich will aufstehen, bin aber am Oberkörper fixiert. Ich versuche den Gurt zu lösen, überlege es mir dann aber doch noch anders. Stattdessen schaue ich mich um. Ich bin in einem Raum mit anderen Personen. Ich richte mich auf und erkenne Reisende aus dem Zug. Neben zwei Betten liegt Erbrochenes. Der ätzende Geruch von Magensäure steigt mir in die Nase und lässt mich würgen. Ein Mann in grün betritt den Raum und macht sich daran, das Erbrochene aufzuputzen. Der Geruch wird schwächer und mein Magen entspannt sich wieder leicht. Ich frage den Mann, was da im Zug passiert ist. Er sagt, dass er es selber nicht weiß, dass wohl mehrere Menschen getötet wurden, und die Polizei die Angreifer mit gezielten Kopfschüssen außer Gefecht gesetzt hat.

Die Angreifer… überlege ich. Dort gab es keine… „Angreifer“. Der Mann mit dem Husten… er riss der Mutter ein Stück Fleisch aus dem Hals und ein Stück der Arterie gleich mit. Ich spüre wieder das Blut durch meine Adern pulsieren. Blut… aus der Arterie… ich höre ein Klopfen in den Ohren, mein Puls beschleunigt. Ich denke an das Kind. Ich will das Bild aus dem Kopf bekommen. Die Mutter… Der Mann… wenn ich sitzengeblieben wäre…

Ein Arzt tritt in das Zimmer. Er kommt zu meinem Bett, fragt mich, wie es mir geht. Ich erzähle ihm von den schrecklichen Bildern, von meinem Schwindelgefühl, von meinem schlechten Gewissen, aber er scheint gar nicht zuzuhören. Ob ich verletzt sei, will er wissen. Ich erwidere wahrheitsgemäß und schon geht er zum nächsten Bett. Ich falle in einen traumlosen Schlaf.

Ich weiß nicht, wie spät es ist, als ich erwache. Der Raum ist fensterlos. Ich bin allein, bin mit einem Krankenhauskittel bekleidet und in einem Bett. Das Zimmer ist karg eingerichtet. Die Infusion wurde entfernt, ich bin auch nicht am Bett fixiert. Ich setze mich langsam auf, das Schwindelgefühl ist verschwunden. Ich bleibe noch kurz sitzen, bevor ich meine Füße auf den Boden gleiten lasse und mich vom Bett erhebe.

Mit einer Hand halte ich mich am Bett fest und gehe vorsichtig einen Schritt. Nichts. Ich lasse los und gehe noch einen Schritt. Immer noch nichts. Sehr gut. Ich untersuche das Zimmer und finde einen Schrank. Er ist leer, also gehe ich weiter zu einem Waschbecken. Ich drehe das Wasser auf, befeuchte mein Gesicht und führe mir mit der Hand ein bisschen Wasser an den Mund. Erst jetzt bemerke ich, dass mein Mund ganz trocken ist. Dankbar nimmt mein Körper die Flüssigkeit auf.

Ich sehe eine Tür, gehe hin und drücke den Türgriff nach unten. Die Tür schwingt auf und ich trete in einen Flur. Der Boden fühlt sich kalt an, ein Lufthauch lässt mich spüren, dass mein Kittel hinten offen ist, was ich jetzt erst bemerke. Peinlich berührt drücke ich mich an der Wand entlang, bis ich an einen Schalter komme. Der Schalter ist leer. Hinter dem Schalter ist ein Raum. Ich rufe hinein, bekomme aber keine Antwort.

Statt einer Antwort höre ich einen Stuhl rücken und schlurfende Schritte. Eine müde aussehende Schwester kommt aus der Tür und begrüßt mich leicht gelangweilt. Fragt mich, ob ich jetzt wieder unter den Lebenden weile. Ich frage, wo ich bin, wo meine Kleidung, mein Eigentum ist. Sie erklärt mir, dass ich mich im Krankenhaus Pasing befinde. Ich hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten und man wollte mich erst mal weiter unter Beobachtung stellen. Meine Kleidung würde zusammen mit meinem Eigentum im Schwesternzimmer aufbewahrt. Die Schwester bittet mich ins Zimmer zurückzukehren und auf den Arzt zu warten. Sie würde ihn sofort informieren.

Ich gehe ins Zimmer zurück und lege mich wieder auf’s Bett. Die Ereignisse des Vormittags lassen mir keine Ruhe. Vormittag? Ich habe vergessen, nach der Uhrzeit zu fragen. Ich stehe auf, gehe erneut zur Tür und schaue auf den Flur. Am Ende des Flurs ist ein Fenster. In dem Fenster sehe ich noch die Sonne. Sie steht schon etwas tiefer, verbreitet aber noch helles Licht. Später Nachmittag folgere ich daraus, gehe zurück und lege mich erneut auf das Bett. Wieder holen mich meine Erinnerungen ein. Hätte ich wenigstens mein Handy oder meine Geldbörse, könnte ich mich mit einem Bild meiner Familie ablenken. So bleibe ich allein mit meinen Gedanken.

Nach ungefähr 20 Minuten kommt ein Arzt in mein Zimmer. Er stellt mir einige Fragen, untersucht mich oberflächlich und weist die Schwester an, mir meine Kleider zurückzugeben. Ich bedanke mich, nehme meine Kleider und ziehe mich an. Die Schwester gibt mir noch ein Formular zum ausfüllen, welches ich am Empfang abgebe. Ich hole mein Handy aus der Tasche und rufe meine Frau an. Die hat sich natürlich schon Sorgen gemacht. Auf Arbeit war ich nicht angekommen, Anrufe auf meinem Handy blieben unbeantwortet. Ich bitte sie, sich keine Sorgen zu machen. Ich würde gleich nach Hause kommen und ihr alles erzählen.

Danach rufe ich auf Arbeit an, erzähle von meinem Krankenhausaufenthalt und dass ich morgen mehr erzählen würde, momentan aber noch zu sehr durch den Wind sei. Was soll ich denn erzählen? Dass ich beinahe aufgefressen worden wäre? Als ich das Telefon in die Tasche stecke und gedankenverloren den nächsten Bus suche, fällt mir wie Schuppen von den Augen, dass ich mit dem Zug nach Hause fahren muss.

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