Sonntag, 16. Januar 2011

Kapitel 16

Wie zum vorigen Kapitel schon geschrieben, war das Ende etwas abrupt. Die Fahrt vom Krankenhaus zum Zug hab ich einfach mal unterschlagen. Die erschein mir überflüssig.

Kapitel 16

Die Abfahrt des Zuges verzögert sich. Ich habe Angst. Panisch schau ich mich nach den anderen Fahrgästen um. Auch die durch die Abteile gehenden Polizisten machen mir keinen Mut. Das Abteil ist schwach gefüllt. Vielleicht 15 Fahrgäste, einer liest, der Rest scheint aufmerksam, teilweise ängstlich, teilweise nervös. Zwei Männer unterhalten sich leise mit gedämpfter Stimme, alles wirkt angespannt. Die Polizisten steigen aus und der Zug fährt los.

Die Fahrt verläuft zum Glück ereignislos. Am Bahnhof angekommen steige ich erleichtert aus dem Wagon und gehe nach Hause. Die Sonne ist zwischenzeitlich komplett verschwunden und es ist dunkel, Nebelschwaden nehmen mir die Sicht und die Straßenlaternen geben gedämpftes Licht ab. Zuhause angekommen fällt mir meine Frau um den Hals und mein Sohn freut sich, dass Papa daheim ist. Mein Sohn will mit mir spielen, aber ich bin dazu nicht in der Verfassung.

Mit zitternder Stimme erzähle ich meiner Frau, was vorgefallen ist. Je weiter ich erzähle, desto blasser wird sie, kann kaum glauben, was ich ihr erzähle. Als ich mit meinem Erlebnisbericht fertig bin, sehe ich, dass sie Tränen in den Augen hat. Sie fällt mir um den Hals und beginnt zu weinen und in dem Moment brechen auch bei mir alle Dämme. Ich spüre förmlich, wie eine emotionale Welle über mir hereinbricht und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Die Tränen laufen meine Wange herab und perlen auf den Rücken meiner Frau, Rotz läuft mir aus der Nase und es ist mir egal. Ich will nur weinen, will mir den Schmerz von der Seele heulen, will vergessen, was heute passiert ist.

Als mein Sohn ins Zimmer kommt, ist er unsicher. Er kommt zu uns, er will nicht, dass Mama und Papa heulen, er nimmt mich in den Arm und sagt mir, dass alles wieder gut wird. Wenn er wüsste. Mit seinen vier Jahren würde er es ohnehin nicht begreifen. Ich schniefe und sehe in seine warmen braunen Augen, die mich voller Liebe mitleidig anschauen und kann nicht anders, als nochmal in Tränen auszubrechen. Ich schluchze und falle meinem Sohn um den Hals, der jetzt auch zu weinen beginnt. Er weint, weil Mama und Papa weinen und er Angst bekommt. Ich muss mich zusammennehmen.

Ich nehme mir ein Taschentuch, trockne damit meine Augen und reinige meine Nase. Das gleiche mache ich mit einem frischen Taschentuch bei meinem Sohn. Auch meine Frau hat sich mittlerweile gefangen und greift zur Box. Mein Sohn hat sich mittlerweile auch wieder beruhigt. Er bleibt noch zwischen uns sitzen, genießt unsere Nähe und geht nach einiger Zeit wieder spielen. Meine Frau schaut mir tief in die Augen. Erneut bemerke ich, dass ihre Augen feucht werden, schaue aber weg, will stark bleiben. Wir müssen unser Leben weiterleben.

Ich schalte den Fernseher ein, suche nach Nachrichten, will wissen, ob über den Vorfall berichtet wird. In den Heute-Nachrichten werde ich tatsächlich fündig. Dort wird über die blutige Beendigung einer Geiselnahme am Münchner Hauptbahnhof berichtet, bei der mehrere Menschen zu Tode kamen. Mehrere Geiselnehmer noch unbekannter Herkunft hätten Fahrgäste in ihre Gewalt gebracht, und gedroht eine biologische Bombe zu zünden, um eine größere Summe Geld zu erpressen. Bei einem Zugriff der Polizei wären dabei die Geiselnehmer, sowie die meisten Geiseln ums Leben gekommen. Die biologische Bombe konnte sichergestellt und von Spezialisten des BKA entschärft werden. Ich schalte den Fernseher ab.

Ich bin fassungslos. Das waren keine Terroristen. Das waren… Kannibalen. Verrückte. Alles. Aber keine Terroristen. Was soll die Geschichte von Terroristen? Von Terroristen und Geiseln? Hinter den heutigen Handlungen stand keine Intelligenz, sondern nur nackte Gewalt. Noch bevor überhaupt irgendein Polizist vor Ort war, begannen Fahrgäste über andere Fahrgäste herzufallen und sie aufzufressen, ein Kind zu verstümmeln. Es war die Hölle auf Erden. Ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Ja, aber kein Terroranschlag.

Ich schweige. Meine Frau nimmt mich in den Arm, ist hin- und hergerissen. Hin- und hergerissen zwischen meiner Schilderung und der offiziellen Schilderung der Nachrichtensendung. Ich bemerke ihre Zweifel, sehe in ihren Augen aber auch, dass sie mir glaubt. Wir schweigen beide. Ich höre sie atmen, spüre, wie sich ihre Brust hebt und senkt und spüre ihren Puls. Ein paar Minuten sitzen wir so, bis mir meine Frau einen langen, innigen Kuss auf den Mund gibt und anschließend aufsteht. Ich bleibe noch sitzen und schalte wieder den Fernseher ein.

Ich wechsle das Programm und warte auf die Tagesschau. Ich kann nicht glauben, dass es das gewesen sein soll. Der erste Bericht geht über eine Atombombenexplosion im Osten Russlands. Wie soeben über Nachrichtenagenturen berichtet wurde, ist aus bisher unbekannten Gründen im Osten Russlands eine Bombe detoniert. Die russischen Behörden haben sich dazu noch nicht geäußert, ein Terroranschlag von georgischen Terroristen scheint im Bereich des möglichen. Ebenso sei noch nichts über Opferzahlen und Auswirkungen der Explosion bekannt. Über Neuigkeiten würde man weiter informieren. Der nächste Bericht.

„In München kam es heute am Hauptbahnhof zu einer Schießerei zwischen…“ Der Nachrichtensprecher stockt, nimmt seine Brille ab.

„Meine Damen und Herren, meine Berufsethik verbietet mir, sie weiter zu belügen. Seit Wochen werden die Medien in Deutschland gehindert, die Wahrheit zu sagen. Es gibt keine Terroristen und keine „Neue Grippe“. Es gibt einen neuen Virus, der von Menschen über Körperkontakt übertragen wird. Der Virus wirkt tödlich, lässt die Toten aber wieder auferstehen und Jagd auf die Lebenden machen. Meine Damen und Herren, ich weiß wie sich das…“

Testbild. Aus. Ich… Oh mein Gott.

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