Montag, 17. Januar 2011

Kapitel 17

Kapitel 17

Ich kann nicht schlafen. Sobald ich die Augen schließe, werde ich von den Erinnerungen des Tages geplagt. Mir gehen die Mutter und ihr Kind nicht aus dem Kopf. Ich versuche mich abzulenken, ich bin allein mit meinen Erinnerungen. Ich lasse die Nachrichten nochmal Revue passieren. Atombombe in Russland, lebende Tote. Tote, die Menschen fressen. Zombies. Nein, es gibt keine Zombies. Der Nachrichtensprecher muss sich geirrt haben. Ich stehe auf und schalte den Fernseher ein. Im Nachtjournal wird nochmal über die Atombombenexplosion in Russland berichtet. Mittlerweile liegt ein Statement der russischen Regierung vor.

Darin heißt es, dass bereits ein Bekennerschreiber von georgischen Terroristen vorliege und man mit aller Härte gegen diesen Akt der Barbarei vorgehen wolle, man keine andere Möglichkeit als die totale Vergeltung sehe und man in Zukunft keine Gnade mit Terrorstaaten haben wolle. Die UN warnte Russland vor unbedachten Schritten, gestand ihnen aber das Recht zu, ihre Grenzen und Menschen zu sichern. Erste Opferzahlen wurden bekannt gegeben. Helfer konnten bisher nicht in den kontaminierten Bereich der Explosion vordringen. Ausländische Unterstützung sei nicht gewünscht, Russland hätte die Ressourcen, um allein mit dieser Situation umzugehen.

Kein Wort über den Nachrichtensprecher der ARD. In der ARD selber findet gerade die Wiederholung einer Diskussionsrunde statt. Es geht um die anhaltende Verunsicherung der Verbraucher in Bezug auf Geflügel- und Schweineprodukte. Vertreter von Industrie und Verbraucherschutzverbänden diskutieren über billiges Fleisch und den Schutz von Konsumenten. Die Industrie argumentiert, dass der Konsument billiges Fleisch will, die Verbraucherschützer dagegen damit, dass man nicht an der Gesundheit der Konsumenten sparen dürfe. Die Diskussion zieht sich, die Handlanger der Industrie geben nicht nach, die Verbraucherschützer genau so wenig.

Dafür sind die Lobbyisten der Industrie rhetorisch gewandter und nehmen den Verbraucherschützern das eine oder andere Mal den Wind aus den Segeln. Fast tun sie mir leid, wie Daniel in der Löwengrube, denk ich mir, während meine Augenlider schwerer werden. Ich mache den Fernseher aus und falle in einen unruhigen Schlaf.

Als ich erwache, ist es stockfinster im Zimmer. Ich bin komplett durchgeschwitzt und unausgeruht. Mein rechter Arm ist taub, hängt an mir wie ein Fremdkörper. Ich setze mich auf und schüttle ihn, um die Blutversorgung anzukurbeln und ihn wieder zum Leben zu erwecken. Nach einiger Zeit beginnt er zu kribbeln und ich erhalte langsam die Kontrolle über meinen Arm zurück. Nachdem meine motorischen Fähigkeiten wieder hergestellt sind, stehe ich auf, mache das Licht an und gehe in die Küche.

Ich habe Durst. Ich nehme mir eine Flasche Wasser und trinke einen Schluck, spüre das Wasser die Kehle hinabfließen und in meinem leeren Magen. Jetzt macht sich auch Hunger bemerkbar. Aus dem Kühlschrank nehm ich mir einen Apfel und geh zurück ins Wohnzimmer. Ich deck mich zu und mache wieder den Fernseher an. Auf allen Programmen nur Wiederholungen von Serien, Werbung für Sexhotlines, Quizshows oder Sendungen, die mich zum Kauf eines überflüssigen Produktes animieren sollen. Auf den sogenannten Nachrichtensendern darf ich Reportagen über Flugzeugträger oder Panzerhaubitzen betrachten.

Ich gehe wieder in die Küche und mache mir einen Kaffee, Schlaf wird ohnehin überbewertet. Ich mache den Rechner an und surfe im Internet. Diverse Foren oder Blogs sind schon seit Tagen nicht mehr erreichbar, auf Nachrichtenseiten find ich nur Artikel zu der Atombombenexplosion in Russland und der „Geiselnahme“ in München. Sogar der Wortlaut entspricht fast eins zu eins dem der Heute-Meldung. Auf der Seite der ARD wird der Vorfall in der Tagesschau nicht weiter kommentiert. Nach Abbruch der Sendung wurden Filmbeiträge unkommentiert eingespielt und die Sendung ohne weitere Kommentare beendet.

Das Forum der ARD ist still gelegt. Aufgrund technischer Schwierigkeiten ist das Forum aktuell nicht erreichbar. Natürlich arbeiten die Techniker bereits mit Hochdruck an einer Lösung. Ich lese die neusten Meldungen zum Dioxinskandal. Im Hintergrund erwacht der Fernseher aus seinem programmtechnischen Tiefschlaf und blendet das Morgenmagazin ein. Neben diversen Einspielern wird für später eine Rede der Bundeskanzlerin angekündigt.

Gegen acht Uhr will unsere Bundeskanzlerin eine Rede an die Nation halten. Über den Inhalt der Rede gäbe es momentan noch keine Informationen. Die Rede wird live aus dem deutschen Bundestag von allen angeschlossenen Sendern übertragen. In den Nachrichten steht natürlich immer noch die Atomexplosion im Fokus. Es gibt verwackelte Bilder aus dem betroffenen Gebiet, die russische Rettungskräfte bei der Versorgung von Verwundeten zeigen. Dann nochmal ein Sprecher der russischen Regierung, der Georgien mit der totalen Vergeltung droht.

Ansonsten neue Haftbefehle im Dioxinskandal, Deutschland schließt die Grenzen nach Osteuropa und Ausweitung der NATO-Übung, unter anderem sollen die Reservisten einberufen werden. Gut, dass meine Reservistenzeit seit ein paar Jahren abgelaufen ist. Gemäß der wöchentlichen Themenreihe steht im Magazinteil des Morgenmagazins ein Besuch an einer Schule auf dem Programm.

Inzwischen ist auch meine Frau wach geworden und macht sich Kaffee in der Küche. Sie kommt zu mir ins Wohnzimmer und drückt mir einen Kuss auf den Mund. Ich freue mich, dass ich nicht mehr alleine bin und kuschel mich an sie. Arbeit werde ich heute sausen lassen. Ich geh später noch zum Arzt und lasse mich krankschreiben. Der vorherige Tag und die unruhige Nacht stecken mir in den Knochen.

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