Montag, 3. Januar 2011

Kapitel 2

Endlich Kapitel 2. Über die Feiertage war ich zugegeben nicht wirklich produktiv. So eine lange Pause sorgt dummerweise aber auch dafür, dass man leicht den Faden verliert. Genug gelabert, es geht gleich weiter mit...

Kapitel 2
Die Videowiedergabe stoppte. Im Saal war es so ruhig, dass man eine Nadel fallen hören konnte. Die Gesichtsausdrücke der Beamten spiegelten von Irritation über Ekel bis hin zu Angst alle Gefühle wider.
Paul war plötzlich ganz unwohl zumute. Er konnte nicht glauben, was er eben gesehen hatte. Diese… Seuche… war keine Grippe. Genauso wenig war es eine Krankheit. Was er da eben gesehen hatte, war nicht weniger, als das Ende seines Glaubens. Seines Glaubens an die Naturgesetze, seines Glaubens an die Medizin und seines Glaubens an die Endlichkeit des Seins. Sein Geist sträubte sich dagegen, wollte das Gesehene nicht akzeptieren, wähnte sich in einem Albtraum, aus dem es im Moment leider noch kein Erwachen gab. Der Sprecher ergriff wieder das Wort.
„Was sie eben gesehen haben, ist keine Fälschung. Die Aufnahmen stammen direkt aus Solna, dem Sitz der ECDC. Für die gesamte EU wurde unter strengster Geheimhaltung eine Warnung für Reisende aus dem asiatischen Raum herausgegeben. Ich zitiere aus dem Bericht der ECDC:
‚aus bisher ungeklärten Gründen werden die durch den unbekannten Erreger infizierten und verstorbenen Patienten innerhalb von fünf bis fünfzehn Minuten reanimiert. Nach dem bisherigen Informationsstand werden Teile des Stammhirns reanimiert, die dem Infizierten erlauben, einfachen motorischen Fähigkeiten nachzugehen. Blutkreislauf und Stoffwechsel sind ausgesetzt. Aus medizinischer Sicht gilt der Patient als tot. Diese Art der Teilreanimation ist medizinisch unerklärlich und widerspricht allen Erkenntnissen der medizinischen Forschung. Die Infizierten zeigen ein hohes Maß an Aggressivität gegenüber nicht Infizierten und kannibalistische Züge. Treffen Infizierte auf einen nicht Infizierten, wird dieser ohne Zögern attackiert.
Verletzungen, die durch einen Infizierten beigebracht wurden, führten in 99 Prozent der Fälle zu einer Infektion, Verletzungen durch Zähne zu 100 Prozent.‘
Zitat Ende. Die chinesische Staatsregierung setzt schon seit längerem die Armee zur Eindämmung der Seuche ein. Laut internationalen Beobachtern wurde mittlerweile ein Schießbefehl erteilt. Die Soldaten sind angewiesen, Infizierte Personen durch einen gezielten Kopfschuss zu neutralisieren. Es scheint, dass nur durch die Zerstörung des Stammhirns eine dauerhafte Neutralisierung der Infizierten sichergestellt ist.“
Unruhe breitete sich im Saal aus.
„Ruhe bitte. Ich möchte sie nochmals daran erinnern, dass für diese Informationen die höchste Geheimhaltungsstufe gilt. Wer dagegen verstößt, kann wegen Hochverrat angeklagt werden. Dringen diese Informationen an die Bevölkerung, ist die innere Sicherheit nicht länger gewährleistet. Wir müssen bis zum Ende der Krise diese Informationen unter Verschluss halten. Der Einsatz der Polizei wird der Bevölkerung gegenüber durch Terrorwarnungen legitimiert.“
Paul hörte und verstand die Worte seines Vorgesetzten, nur glauben wollte er sie nicht. Infizierte, die man mit Kopfschuss töten müsse, wie… Zombies. In Filmen. Wurde das jetzt von ihnen erwartet? Unbewaffnete Zivilisten zu erschießen? Sollte die Polizei zum Mörderkommando werden? Paul sah sich in der Verantwortung, seine Familie zu informieren. Seine Schwester, seine Eltern, seine Freunde…  Er musste hier raus. Er musste alle warnen. Paul stand auf, ging zum Ausgang und traf auf zwei Kollegen von der Bundespolizei. Zwei, wie es schien, gut durchtrainierte Kollegen. Der eine war sicher über 1,90 und überragte Paul deutlich. Der andere war gut 20 cm kleiner, erschien aber durch seinen drahtigen Körperbau wie ein Tiger auf dem Sprung. Paul wurde von den beiden gemustert  und der Kleinere sprach ihn an:
„Hallo Kollege. Wo geht’s hin? Der Vortrag ist noch nicht zuende?“
„Ich… muss mal aufs Pissoir“ log Paul. Beide musterten ihn erneut und diesmal sprach ihn der größere an:
„Kein Problem. Dein Handy. Bitte!“ Die Bitte war höflich, aber bestimmt.
„Was? Mein Handy? Ähm, Kollege…“ Paul wurde unruhig. Wussten die beiden, was er vorhatte? Er wollte noch was sagen, als der Kleinere zur Erklärung ansetzte. Befehl von oben. Den Saal durfte man nur ohne Mobiltelefone verlassen. Zur Sicherheit. Paul sah ein, dass es keinen Zweck hatte, gab sein Handy ab und machte sich auf zu den Toiletten. Nach einiger Zeit spülte er runter, wusch sich die Hände und wollte auf dem Rückweg sein Handy wieder an sich nehmen, was von den Kollegen verweigert wurde. Stattdessen wurde eine Tüte mit seinem Namen beschriftet und das Gerät so aufbewahrt. Paul ging verärgert zurück auf seinen Platz. Er würde schon noch eine Gelegenheit erhalten.
Der Sprecher war gerade dabei, die Rolle der Bereitschaftspolizei zu umschreiben.
„Die Einsatzhundertschaften werden auf Bahnhöfe, Flughäfen, Grenzen und kritische öffentliche Plätze verteilt, um dort mit Unterstützung von Hundestaffeln gezielt infizierte Personen ausfindig zu machen. Wie wir von den Chinesen erfahren haben, spüren Hunde eine Infektion und verhalten sich dem Infizierten gegenüber abweisend. So identifizierte Personen sind in Gewahrsam zu nehmen. Neben Polizeieigenen Spürhunden werden wir von der Bundeswehr mit Diensthunden unterstützt, um möglichst alle Züge mit wenigstens einem Hund ausstatten zu können. Sie werden mit den Standardfeuerwaffen HK P7 und HK MP5 ausgestattet. Der Gebrauch von Schusswaffen wird durch die innere Notstandsregelung autorisiert.“
Paul nahm wieder Platz und spürte die Worte an sich vorbeirauschen. Sein Herz pochte wild und in seinen Ohren pulsierte hörbar das Blut. Schusswaffengebrauch… Als Paul zur Polizei ging, war er sich darüber bewusst, irgendwann zur Waffe greifen zu müssen. In Notwehr, oder als Abschreckungsmaßnahme, nicht jedoch zur Verhaftung von kranken Menschen. Was noch gar nicht zur Sprache kam, wie mit Menschen… mit… Personen umgegangen werden soll, bei denen die Infektion bereits ausgebrochen ist. Sollten diese noch vor Ort durch einen Kopfschuss ausgeschaltet… hingerichtet werden?
„Personen, bei denen die Infektion bereits ausgebrochen ist, müssen ebenfalls in Gewahrsam genommen werden. In Extremsituationen darf von der Waffe gebrauch gemacht werden. Denken Sie daran, dass Verletzungen auf jeden Fall zu vermeiden sind, wollen sie eine Ansteckung vermeiden. Des Weiteren denken Sie daran, dass nur ein Kopfschuss tödlich ist. Alles andere ist Munitionsverschwendung. Zur Aufbewahrung der infizierten Personen werden spezielle Transportbehälter an noch zu kommunizierenden Sammelpunkten bereitgestellt. Für gezielte Brandherdbekämpfung werden Kollegen der Sondereinsatzkommandos oder der GSG9 eingesetzt.  Ein Einsatz der Schusswaffe ist in diesen Fällen explizit genehmigt. Ich möchte jetzt eine kurze Pause einlegen. Aus Gründen der inneren Sicherheit bitte ich sie, am Ausgang ihr Handy abzugeben. Sie werden dieses zu einem späteren Zeitpunkt wieder erhalten. In 20 Minuten wird die Besprechung fortgesetzt.“  
Schwindel und Übelkeit überfielen Paul. So schnell es sein Zustand zuließ sprang er auf, um sich auf den Toiletten zu übergeben. Dies würde ein Scheißtag werden.

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