Montag, 24. Januar 2011

Kapitel 24

Kapitel 24
Langsam stapfe ich durch den Schnee zum Bahnhof. Seit Tagen werden nur noch Hauptverkehrsstraßen geräumt, Autos fahren ohnehin fast keine mehr. Seitdem Benzin rationiert wurde, ist der Verkehr fast vollständig zusammengebrochen. Nur noch Unternehmen, die der Notstandsregelung unterliegen, werden mit Kraftstoffen versorgt. Privathaushalten wird eine Höchstmenge von fünf Litern/Woche zugestanden. Oft kaum genug, den Wagen ausreichend zu bewegen, um die Batterien aufzuladen.
Natürlich gibt’s auch hier wieder Ausnahmen, aber die sind dünn gesät. Nur wer nachweislich ohne Auto einer wichtigen, für unser Land wichtigen, Tätigkeit andernfalls nicht nachgehen kann, erhält entsprechende Kontingente. Die Wirtschaft kommt langsam zum Erliegen. Viele Angestellte und Arbeiter können nicht mehr zur Arbeit antreten, viele Unternehmen können ihre Waren nicht weiterverkaufen oder erhalten keine Rohstoffe mehr.
Einzig Lebensmittel sind frei verfügbar. Teilweise wurden Produktionsmengen erhöht, wir werden dazu angehalten, Rücklagen zu bilden und Vorräte für mindestens eine Woche aufzubauen. Falls was wäre. Ich habe Konserven und Getränke für zwei Wochen daheim – mehr als genug. Ich gehe hoch zum Bahnsteig. Auf dem Bahnsteig stehen wieder mehr Leute, als noch vor zwei Wochen. Die Treibstoffrationierung zeigt Auswirkungen.   
Als der Zug einfährt, steigen die Leute wortlos in die Wagons. Wie inzwischen üblich, verzögert sich die Abfahrt, weil eine Polizeistreife mit Hund die Abteile abgeht. Man will kein Risiko mehr eingehen. Inzwischen gibt es auch Bluttests, die eine Infektion im Frühstadium nachweisen können. Angeblich plant man Massentests, die zusammen mit der neuen Isolationspolitik den Ausbruch im Kern ersticken sollen.
Im Zug herrscht Stille. Waren früher die Züge oft mit vielen Tagesausflüglern besetzt, sind zurzeit nur noch Pendler unterwegs. Wer nicht raus muss, bleibt zu Hause. Ich kann nicht zuhause bleiben. Dank meiner Arbeit im Telekommunikationsbereich wurde meine Arbeit als wichtig eingestuft. Mein neuestes Projekt ist die Abwicklung und Aktivierung von 10000 Notfallsimkarten. Das sind Simkarten, die in den Netzen oberste Priorität haben, um in Notfällen auch in überlasteten Netzen die Kommunikation von entsprechenden Organisationen sicherzustellen, inklusive Roaming über alle verfügbaren Netze. Tolles Projekt.
Ich klappe mein Netbook auf und baue eine Netzverbindung auf. Auf Spiegel Online wird darüber berichtet, dass das Verteidigungsministerium dem Innenministerium angegliedert werden soll. Einsprüche des Außenministeriums wurden ignoriert. Die Regierung sieht das als notwendigen Schritt, um auch in Krisenzeiten im inneren mit der nötigen Flexibilität und Geschwindigkeit reagieren zu können. Gleichzeitig wurde das Amt des Verteidigungsministers gestärkt und der Bundeswehr mehr Kompetenzen und Rechte innerhalb der Bundesrepublik eingeräumt. Feldjäger werden ab sofort Polizisten gleichgestellt und sollen dem Innenministerium überstellt werden.
Der Artikel enthält leise, kritische Untertöne, doch keine offene Kritik an diesen Plänen. Überhaupt sind die Medien nicht erst seit der Rede der Bundeskanzlerin sehr leise darin geworden, öffentliche Kritik an der Politik unseres Landes zu üben. Der frühere ARD-Nachrichtensprecher, der erstmals von lebenden Toten sprach, war aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. So, wie vieles dieser Tage.
Am Hauptbahnhof werden die noch immer präsenten Polizeistreifen mittlerweile von Feldjägerstaffeln unterstützt, leicht erkennbar durch ihr rotes Barett. Das militante Auftreten wirkt martialisch und Respekt einflößend. Mit Hunden werden die vorbeigehenden Reisenden kontrolliert, schon wieder. Auch in den U-Bahnen, und auf den Wegen dahin, ist seit heute eine starke Militärpräsenz erkennbar.
An meinem Arbeitsplatz angekommen, lasse ich heute die dritte Kontrolle, inklusive Bluttest, über mich ergehen. Rund um unser Bürogebäude werden Zäune errichtet und Zugangsschleusen eingerichtet, der interne Sicherheitsdienst um bewaffnetes Personal aufgestockt. Von meinem Arbeitsplatz im 15. Stock erkenne ich, dass der Zaun rund um den Bürokomplex gezogen wird. Neben dem 36stöckigen Tower umfasst das Gelände vier Campusgebäude, die alle über eine Tiefgarage miteinander verbunden ist. Eines der Campusgebäude dient als Wohnhaus.
Neben dem Wohnhaus stehen LKWs und Leute werden aus ihren Wohnungen gebracht. Sieht nach einer Räumung aus. Ich gehe in die Kaffeeküche und hole mir einen Milchkaffee mit Zucker. Ein Kollege kommt abgehetzt in die Kaffeeküche, beklagt sich, dass er sein Auto aus der Tiefgarage bringen musste. Der Platz in den zwei Untergeschossen wird fast komplett von der Bundeswehr eingenommen. Er berichtet, dass von Bundeswehr und THW Waren und technische Anlagen angeliefert werden. Ich beschließe, mir das in der Mittagspause anzuschauen und gehe wieder meiner Arbeit nach.
Gegen Mittag gehe ich in die Tiefgarage. Noch bevor ich diese betreten kann, werde ich von zwei Soldaten am Zutritt gehindert. Nur Fachpersonal habe Zutritt, werde ich informiert. Man dürfe leider keine Auskunft darüber erteilen, was hier gemacht würde. Ich gehe wieder nach oben und zur Kantine. Die ist noch gut gefüllt und ich setze mich zu einigen Kollegen. Einer der Kollegen erzählt, dass in den Tiefgaragen Notunterkünfte eingerichtet würden und das Campusgebäude geräumt wurde, um Platz für Personen zu schaffen, die aufgrund der Notstandsregelung für den Betrieb der Netze unabkömmlich seien.
Ich esse auf, gehe zurück an meinen Arbeitsplatz und rufe meine Frau an. Die ist daheim mit unserem Sohn und dem Sohn einer Bekannten. Seit die Kindergärten geschlossen wurden, kümmert sich meine Frau vormittags abwechselnd mit um den Sohn unserer Bekannten. Daheim ist alles ruhig, in den Nachrichten wurde gerade berichtet, dass die Polizei ab nächster Woche Zwangstests durchführen will. Anhand der Daten der Einwohnermeldeämter werden systematisch alle Haushalte Deutschlands auf den Virus geprüft. Der Test kann bei Ärzten, Krankenhäusern oder auch Apotheken durchgeführt werden.
Ich bin empört ob der Eingriffe in unsere Privatsphäre aber meine Frau glaubt daran, dass so dem Virus Einhalt geboten werden kann. Hoffentlich, denke ich und widme mich wieder meiner Arbeit. In einer Rundmail an alle Mitarbeiter werden wir informiert, dass die Tiefgarage zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde. Zutritt würde nur über Sondergenehmigungen möglich sein und bei Nichtbeachtung würde von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Harte Worte, in harten Zeiten.

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