Dienstag, 25. Januar 2011

Kapitel 25

Kapitel 25
Es wurde besser. Die angeordneten Untersuchungen zeigten Wirkung und die akuten Fälle nahmen ab. Mehrere Brandherde konnten gesichert werden und die Infektionsrate ging erstmals zurück. Vereinzelt mussten die Beamten Personen mit der Androhung von Gewalt dazu bringen, sich den nötigen Tests zu unterziehen, vielfach unbegründet, letztendlich geschah aber alles zum Wohle der Gemeinschaft, auch wenn das einzelne nicht verstanden.
Um die bei den Untersuchungen angefallenen Fälle aufnehmen zu können, wurden provisorische Pflegezentren mit minimaler Sicherheitsstufe errichtet. Da eine Extraktion vor Ort oft nicht möglich war, wurden die Leichen in Kisten verstaut und in Containern verladen, um in Brennöfen entsorgt zu werden. Eine Maßnahme, die streng geheim gehalten wurde, haben massenhafte Leichenverbrennungen doch nicht nur in Deutschland einen unangenehmen Nebengeschmack.
Die Kisten waren stabil genug, die innewohnende Fracht sicher zu verwahren, nicht aber, die Geräusche zu unterdrücken. Fingernägel, die über das Holz fuhren und Klopfgeräusche zehrten an den Nerven derer, die die provisorischen Särge in die Container luden. Aus dem Grund behalfen sich viele Arbeiter mit Ohrenstöpsel oder Kopfhörer, die die Belastung geringer hielten.
Aufgrund der Entspannung wurden die Dienstzeiten gelockert und Paul konnte das erste Mal seit Wochen wieder im eigenen Bett schlafen und zwei volle Tage entspannen. Kollegen berichteten schon darüber, dass die Notfallgesetze wieder gelockert werden sollen und die Bundeswehr ihren Einsatz im Inneren demnächst beenden würde und alle Kompetenzen der Polizei zurück übergeben würden. Gleichzeitig wurde aber auch angekündigt, die Beamtenkontingente aufzustocken.
Paul war gerade dabei sich ein Steak zu braten, als sein Handy läutete.
„Bährer?“
„Hallo Paul, hier ist Horst. Komm sofort in die Dienststelle.“
„Scheiße Horst, nicht heute…“
„Ich kann am Telefon nicht darüber reden. Komm so schnell wie’s geht rüber!“
„Ist ok, bis gleich.“
„Bis gleich“
Paul legte das Handy zur Seite, briet sein Steak fertig und schlang es hinunter, bevor er seine Uniform überzog und sich in sein Auto schwang. Bei den Beamten hatte die Rationalisierung noch nicht zugeschlagen. Paul rauschte durch die fast leeren Straßen und kam bereits nach kurzer Zeit an seiner Dienststelle an. Der fast brach liegende Straßenverkehr wirkte fast gespenstisch und erweckte in Paul den Eindruck einer Geisterstadt, wären da nicht die Fußgänger, die wie Schatten über die Bürgersteige huschten.
In seiner Dienststelle wartete bereits Horst auf ihn und nahm ihn mit ins Besprechungszimmer. Dort stand bereits der Dienststellenleiter und blickte mit ernster Miene in die Reihen der Beamten. Paul setzte sich und als Horst die Tür hinter sich schloss, begann die Einsatzbesprechung.
„Erst einmal möchte ich alle Kollegen begrüßen und bedauere zugleich, dass mancher von euch seinen freien Tag opfern musste. Die momentane Situation erfordert es allerdings, dass ich die folgenden Informationen schnellstmöglich an euch weitergebe. Die deutsche Bundesregierung hat entgegen des Anratens des Innenministeriums heute beschlossen, einen Großteil der Notstandsgesetze wieder aufzuheben. Ein entsprechender Beschluss sollte noch diese Woche gefällt und rechtskräftig abgesegnet werden.
Das Innenministerium legte zusammen mit dem Verteidigungsministerium dagegen mehrmals förmlich Widerspruch ein, weil es so die Sicherheit unseres Landes nicht weiter gewährleisten könne. Der Widerspruch wurde gehört, ihm aber keine weitere Beachtung geschenkt.
Aus diesem Grund gaben Innen- und Verteidigungsministerium eben bekannt, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland der Macht enthoben wurde und die Geschäfte kommissarisch vom Innen- und Verteidigungsministerium aus weiter geleitet werden. Der Bundestag wurde von Einheiten der Armee umstellt, Angehörige der Bundesregierung unter Hausarrest gestellt. Zur Vermeidung von Protesten und Aufständen wird die Bevölkerung bis auf weiteres nicht darüber informiert.
In den nächsten Tagen werden weitere Notfallgesetze in Kraft treten, die uns zur Bewältigung der vor uns liegenden Krise bevollmächtigen werden. Der Krieg ist noch nicht gewonnen, wir stehen noch am Anfang eines Konflikts, dessen Ausgang für uns alle ungewiss ist, und der sich nicht durch zögern gewinnen lässt. Wir brauchen klare Entscheidungen, die von wenigen im Wohle aller getroffen werden. Nach Beilegung der Krise wird die Übergangsregierung ihr Mandat wieder ablegen und das Geschäft an die demokratisch gewählte Bundesregierung übergeben.
Sie, meine Damen und Herren, sind das Rückgrat dieses Landes. Heute mehr denn je. Mit Ihnen, die sie einen Eid auf dieses Land geschworen haben, werden wir das Wohl dieses Landes sichern und in eine Zukunft führen. Vielen Dank. Gez.“
Der Dienststellenleiter legte das Papier zur Seite und blickte in erstaunte, erschrockene Gesichter.
„Fragen?“
Paul ergriff das Wort.
„Ja. Seh ich das richtig, dass wir eben Zeuge eines Staatsstreichs wurden und wir uns faktisch in einer Militärdiktatur befinden?“
„Nein, offiziell wurde die alte Bundesregierung nur beurlaubt, um die Leitung des Landes vorübergehend einem Krisenstab zu übergeben, der flexibel auf bevorstehende Ereignisse reagieren kann.“
„Und wie machen wir weiter?“
„Vorerst wie bisher. Weitere Fragen? Keine? Vielen Dank.“

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