Samstag, 29. Januar 2011

Kapitel 29

Kapitel 29
Der unfreiwillige Regierungswechsel brachte weitere Einschnitte mit sich. So wurden Regelungen wie Ausgangssperren gesetzlich endgültig verankert und entsprechend umgesetzt, sowie weitere Vorhaben auf den Weg gebracht.  Rationierung von Lebensmitteln und eine allgemeine Zwangserhebung für Männer im wehrtauglichen Alter bis 35 waren Vorhaben, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Des Weiteren wurde der Rückbau von Bunkeranlagen gestoppt und begonnen, die zur Verfügung stehenden Bunker neu auszustatten.
Bei nicht allen Polizeibeamten fiel der Regierungswechsel auf fruchtbaren Boden. Viele sahen es als richtigen Schritt im Kampf gegen die Seuche an, andere wie Paul wollten sich dagegen nicht damit abfinden, dass die Regeln der Demokratie ausgehebelt wurden, um einer neuen Ordnung Platz zu machen. Viele Kollegen führten aus, dass die Sicherheit im Lande seit dem Wechsel angestiegen ist, und die Infektionsfälle nahe null gegangen sind. Dass Gesetze geschaffen wurden, mit denen der drohenden Gefahr getrotzt werden könne und dass der internationale Handel zumindest ansatzweise wieder aufgenommen werden konnte.
Die Gegenseite sah dies aber nicht als Rechtfertigung für einen Putsch und nichts anderes war der Regierungswechsel. Wobei die offizielle Bezeichnung „Regierungswechsel“ wie bittere Ironie erschien, angesichts des skrupellosen Vorgehens der beiden Ministerien. Das Volk blieb von alledem ahnungslos. Die Medien waren schon lange in der Hand des Innenministeriums und Nachrichten wurden nur noch aufgezeichnet gesendet. Livesendungen waren seit dem Zwischenfall in der ARD ohnehin eingestellt worden.
Noch war die Personaldecke der Polizei ausgedünnt, aber durch massive Aufstockungen standen bereits tausende neue Anwärter bereit, die in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden sollten. Dabei stand ganz klar im Fokus, die Überwachung von Privatpersonen zu verstärken, um Meinungen, die die öffentliche Sicherheit schädigen könnten, vorab auszufiltern und mit entsprechenden Gegenmaßnahmen zu beantworten. Die Gegenmaßnahmen umfassen dabei Umerziehung, Sicherheitsverwahrung oder Frontdienst in einem der neu geschaffenen Strafbataillone. Die Strafbataillone wurden zur Unterstützung der Polizei herangezogen und dienten als Aufklärer und Ersthelfer. Paul nannte sie Kanonenfutter. Des Weiteren waren sie damit beschäftigt, Inseln, wichtige Einrichtungen und neu auch Grenzen zu befestigen und den Wachdienst dafür abzuleisten.
Die Ausbildung war in der Regel rudimentär und nicht mit der von regulären Truppenteilen zu vergleichen. Im Ernstfall sollten sie die erste Welle auffangen, bis reguläre Truppenteile mit schwerem Gerät die Stellung halten und konkrete Verteidigungsmaßnahmen  einleiten könnten. Um reguläre Truppen zu entlasten, wurde bei den Maßnahmen aus dem Grund der Fokus auf die Strafbataillone gelegt.
In Pauls Schicht war die Zahl derer, die über den Wechsel unzufrieden waren, gefühlt deutlich höher als der Durchschnitt. Ein Putsch passte einfach nicht zum rechtsstaatlichen Verständnis der Bundesrepublik Deutschland. Man fragte sich, wie weit die Verschwörung wohl reichte. Offen darüber reden wollte dagegen keiner. Meist traf man sich privat nach dem Dienst, um darüber zu diskutieren. Ja, es gab sogar Überlegungen, wie man die alte, vom Volk gewählte, Bundesregierung wieder ins Amt hieven könnte. Aber dazu war die Gruppe zu klein, der Einfluss zu gering und die Gesinnung der Vorgesetzten Beamten und Dienststellenleiter nicht klar genug.
Im Rahmen der neuen Eindämmungsstrategie wurde Paul nach Germering bei München abkommandiert. Ein älteres Ehepaar war nicht zur Zwangsuntersuchung erschienen, Angehörige konnten telefonisch nicht erreicht werden und den neuen Richtlinien entsprechend wurde eine Streife vorbeigeschickt. Vor Ort reagierte niemand auf die Kontaktversuche der Beamten. Die Dienstrichtlinien untersagten den Streifenbeamten, eigenmächtig weiter vorzugehen und stattdessen Unterstützung anzufordern.
Bei der Ankunft am Haus erschien nichts verdächtig. Die Fenster waren verschlossen, Rollläden herabgelassen und die Gartentür verschlossen -ganz so, als wären die Besitzer verreist. Neben Paul war noch ein fünfköpfiges Team mit angereist, die örtliche Polizei übernahm Sicherungsaufgaben. Paul war froh, dass das Kanonenfutter noch nicht einsatzbereit war, bzw. die Bataillone noch im Aufbau.  Paul graute es davor, dass ungenügend ausgebildetes Kanonenfutter Häuser stürmen und vorsäubern solle.
Einer von Pauls Kollegen, ein stämmiger Kerl, der bereits an mehreren Säuberungsaktionen beteiligt war, ging zur Tür und versuchte sich mittels läuten, klopfen und rufen bemerklich zu machen. Die Beamten lauschten, konnten von drinnen aber keine Geräusche hören. Zwei Beamte umrundeten das Gebäude und wiederholten die Prozedur auf der Rückseite. Auch hier erfolgte keine Reaktion, das Haus blieb stumm. Die Rückseite des Hauses war im Gegensatz zur Vorderseite nur mit einer Glastür verschlossen. Die Beamten blieben an der Rückseite und informierten die Kollegen an der Vorderseite des Gebäudes.
Paul zog einen Türöffner aus der Tasche. Das Werkzeug gehörte nicht zur Standardausstattung der deutschen Polizei, hatte die letzten Wochen aber vermehrt Einzug in die Ausstattung der Einsatzteams gefunden. Mit dem Türöffner lassen sich die meisten Schlösser innerhalb weniger Sekunden ohne große Anstrengungen und vor allem mit minimalem Lärm öffnen. Paul setzte das Werkzeug an und brach damit den Schließzylinder heraus. Die Tür gab ein Stück nach. Paul setzte seine Waffe an die Schulter und gab der Tür einen Schubs, gedeckt von seinen Kollegen. Eine Taschenlampe zeichnete einen hellen Lichtstrahl in den Flur des Hauses, eine zweite Taschenlampe leuchtete die andere Seite aus. Durch die aufgestoßene Tür wurde Staub aufgewirbelt, der im Lichtstrahl der Lampen durch die Luft tanzte und sich im Wirbel der eintretenden Luft drehte.

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