Sonntag, 30. Januar 2011

Kapitel 30

Kapitel 30
Paul betrat das Haus durch den Flur im Erdgeschoss und sicherte den Eingangsbereich. Durch eine gelbe Glastür fiel schwaches Licht in den hinteren Teil des Flurs und Schatten wanderten an den Wänden entlang. Paul ging soweit vorwärts, wie es die Situation zuließ und zwei Kollegen folgten. Die Beamten versuchten so leise wie möglich vorzugehen, die Erinnerung an das Wohnhaus in München steckte den meisten noch in den Gliedern. Keiner hatte das Bedürfnis,  20 oder mehr Untoten gegenüber zu stehen.
Zu Pauls Linken ging eine Treppe ins Obergeschoss, davor eine Tür. Rechts gingen zwei Türen ab, am Ende des Flurs war die Glastür. Paul ordnete zwei Beamte an, die Tür zur Linken zu öffnen, er und der Rest sicherten die Treppe. Leise schwang die Tür nach innen auf und gab den Blick frei auf eine leere Toilette. Die Beamten signalisierten, dass der Raum sauber sei und schlossen die Tür leise. Paul und ein Kollege gingen weiter den Flur entlang und das Zweierteam bewegte sich von der Toilettentür zur ersten Tür auf der rechten Seite.
Noch während sich die Beamten vor der Tür positionierten, meinte Paul hinter der Glastür einen Schatten bemerkt zu haben. So leise wie möglich signalisierte er Augenkontakt und befahl seinem Kollegen, die Taschenlampe auszuschalten. Die Beamten verharrten angespannt, während das Zweierteam die erste Tür zur Rechten öffnete. Dahinter verbarg sich eine altmodische Küche, die über einen Durchgang mit dem nächsten Zimmer, dem Esszimmer, verbunden war. Im Esszimmer standen neben einem hässlichen Schrank ein alter Tisch mit passenden Stühlen. Auf dem Tisch selber stand ein Teller, der noch die Reste der letzten Mahlzeit beinhaltete, an der sich Fliegen und Maden labten.
Am Ende des Esszimmers führte eine Tür in ein weiteres Zimmer. Durch’s Schlüsselloch fiel ein schwaches Licht ins Esszimmer und zeichnete einen hellen Fleck auf den Boden. Die Beamten gingen leise zurück in den Flur und berichteten im Flüsterton. Paul nahm an, dass die Tür im Esszimmer in den gleichen Raum führen würde, wie die Glastür und entschloss sich zu einem gemeinsamen Zugriff in genau zwei Minuten. Paul rückte mit seinem Kollegen hinter die zweite Tür vor und bemerkte hinter dem Treppenabsatz eine weitere Tür, möglicherweise in den Keller. Paul fluchte innerlich.
Der Zugriff stand unmittelbar bevor und er musste sich entscheiden, entweder die Treppe oder die Kellertür decken zu lassen. Leicht zog und drückte er an der Tür und bemerkte zufrieden, dass die Tür zugezogen war und sich nicht aufgedrückt werden konnte. Er drehte sich wieder zur Glastür und behielt die Uhr im Auge. Noch zehn Sekunden. Paul griff zur Waffe und zählte die letzten Sekunden im Kopf ab. Bei Null angekommen, riss er am Türgriff, schwang die Tür nach innen auf, während sein Kollege die Waffe sichernd in den Raum hielt.
Noch während Paul die zweite Hand wieder an der Waffe hatte, hörte er das Rattern einer MP5 und kurz darauf einen Körper zu Boden fallen. Paul kam in den Raum und sah das andere Team und am Boden etwas liegen, dass einmal eine alte Frau war. Am Kopf waren zwei Einschusslöcher, mindestens eines davon hatte offensichtlich das Gehirn zerstört und das Untote Leben beendet. Am Kopfende der Leiche trat kein Blut aus, woraus Paul folgerte, dass die Umwandlung bereits vor einigen Tagen erfolgen musste. Als er die Überreste weiter musterte, fiel ihm eine Verletzung am Arm auf, eine Bisswunde, der Grund der Infektion.
Das Zimmer war mit einem alten Fernseher, einer kitschigen, grünen Couchgarnitur, schweren Gardinen und einem alten, schweren Wohnzimmerschrank ausgestattet. Am Boden lag ein alter Teppich, der vor 50 Jahren bereits außer Mode sein musste, die Wand schmückte ein Wandteppich mit einer Jagdszene, die einen Hirschen zeigte, der von einem Jäger ins Visier genommen wurde. Daneben Jagdtrophäen, ausgestopfte Kleinsäugetiere, Hirschgeweihe und ein ans Brett genagelter, präparierter Fisch bewiesen endgültig, dass die ehemaligen Hausbesitzer an übler Geschmacksverirrung litten.
Noch dem Gedanken nachhängend, ging Paul wieder zurück zur vermeintlichen Kellertreppe und rief seine Kollegen herbei. Ein Beamter meldete derweil den Fund der Leiche an die Einsatzleitung, bevor er sich Paul anschloss. An der Kellertür angekommen, wartete Paul ab. Langsam drückte er sein Ohr an die Tür und horchte. Aus dem Keller waren deutlich Geräusche zu vernehmen. Geräusche, von mehreren Menschen. Oder Untoten. Paul griff nach dem Türgriff und blickte in die Runde. Zwei Beamte deckten Paul, während der die Tür aufdrückte.
Als die Tür aufschwang, sah Paul in ein schwarzes Loch. Der Keller war stockfinster, kein Lichtstrahl fiel in den Raum. Das durch die offene Tür einfallende Licht zeichnete nur wenige Meter Konturen auf die nach unten führenden Steinstufen, bevor es sich in der Dunkelheit verlor. Die Taschenlampe eines Beamten durchschnitt die Dunkelheit und Schatten wanderten über die Kellerwand, als sich der Strahl durch den Raum bewegte. Ein Scheppern drang aus dem Kellerraum, gefolgt von einem tiefen Grollen.
Die Taschenlampe erfasste für einen kurzen Moment einen Körper, bevor dieser hinter einem Mauervorsprung verschwand. Paul empfand ein Vorgehen als zu riskant und informierte die Einsatzleitung. Zwei Beamte blieben vor der Tür, während Paul die anderen drei Beamten mit sich nahm und den Außenbereich des Hauses inspizierte. Die niedrig gelegenen Kellerfenster waren mit Rollläden von außen verriegelt. Paul bückte sich und ergriff einen der Rollläden, schob ihn nach oben und beobachtete, wie Tageslicht einen Bereich des Kellers flutete.
Schnell begriffen die anderen Beamten und begannen, rund um das Haus die Rollläden aufzuschieben. Was danach passierte, lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Fakt ist, dass einer der im Haus verbliebenen Beamten das Feuer eröffnete. Warum er dies tat, wird man niemals erfahren. Ein Querschläger traf eine im Keller stehende Gasflasche, was eine gewaltige Explosion zur Folge hatte, die alle Untoten und Lebenden im Haus verschlang.
Germering/Ingolstadt. Nach der Explosion eines Wohnhauses in Germering bei München sind die Toten identifiziert worden. Wie das zuständige Polizeipräsidium bestätigte, ist das in den Trümmern gefundene Ehepaar durch die Explosion ums Leben gekommen. Die Obduktion der 84-jährigen Frau und des 88 Jahre alten Ehemannes habe "nichts ergeben, was nicht vereinbar gewesen war mit der Explosion und dem dazugehörigen Feuer", sagte ein Polizeisprecher am Freitag. Es gebe keine Anzeichen für eine andere Todesursache.
Unterdessen ist die Ursache der gewaltigen Explosion weiter unklar. Berichten einer Lokalzeitung zufolge sagte ein Feuerwehrmann: "Hier hat jemand mit Benzin nachgeholfen. Ich glaube nicht, dass das ein Unglück war." "Wir können derzeit weder ein Unglück noch einen Suizid ausschließen", sagte dagegen ein Polizeisprecher am Donnerstag. Weiteren Medienberichten zufolge soll das Ehepaar seit langem zerstritten gewesen sein. Die Polizei wollte sich dazu nicht äußern. Die Ermittlungen dauerten an, sagte ein Sprecher.

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