Montag, 31. Januar 2011

Kapitel 31

Kapitel 31
Die Gerüchteküche kocht. Seit mehreren Tagen gibt es Gerüchte darüber, dass der Regierungswechsel nicht freiwillig war, Gerüchte um einen Überwachungsstaat, neue Notstandsgesetze und eine generelle Ausgangssperre. Schon Realität ist die Zwangserhebung wehrfähiger Männer. Ich habe Glück, mit 37 habe ich die Grenze um sieben Jahre überschritten. Eine Rationierung der Lebensmittel hat weitere Einschnitte in unserem Leben hinterlassen. Die Rationierung ist großzügig, verhindert aber die Hamsterkäufe, die kurzfristig für einen Versorgungsengpass gesorgt haben.
Fleisch ist zum Luxusgut geworden, die Ressourcen werden sollen primär in den Anbau von pflanzlicher Nahrung gesteckt werden, weil die Haltung von Tieren zu viel Anbaufläche verschwendet. Die Treibstoffrationierung sorgt für leere Straßen und eingeschränkten Aktivitäten. Das Misstrauen in der Bevölkerung wächst und die Tatsache, dass viele Menschen nach den Zwangstests von einem Tag auf den anderen verschwunden waren, sorgt weiter für Unmut.
Dafür schien das Tollwutproblem der Geschichte anzugehören. Entsprechende Berichte oder Beobachtungen waren schon länger nicht mehr zu vernehmen und die neue Krisenregierung scheint alles gut im Griff zu haben. Seit Einführung der Schnelltests wurde auch nach und nach der internationale Flugverkehr eingeschränkt wieder aufgenommen. Aufgrund des Treibstoffmangels sind die Flüge für Normalsterbliche aber kaum erschwinglich.
Die letzte Nacht hat es heftig geschneit. Unsere Straße ist komplett mit Schnee bedeckt, ein Blick auf die Seite der Deutschen Bahn bringt die Erkenntnis, dass ein Gang zum Bahnhof heute keine Aussicht auf Erfolg verspricht, also setz ich mich vor den Fernseher und beobachte die Berichterstattung des Bayrischen Fernsehens. Im Rahmen einer Informationsreform wurden die „Dritten“ zu Informationssendern umfunktioniert, um schnell und durchgehend über aktuelle Ereignisse der Region berichten zu können. In einem Bericht sehe ich Mitarbeiter der Deutschen Bahn die bedauern, dass aufgrund der Schneemassen der Zugbetrieb vorübergehend eingestellt werden musste und derzeit noch unklar ist, ab wann der Verkehr wieder aufgenommen werden kann.
Ein weiterer Bericht verspricht anhaltenden Schneefall und Glätte. Wer nicht zwingend raus muss, soll daheim bleiben. Wer unbedingt raus muss, soll eine der eingeblendeten Nummern anrufen und den Grund, sowie den Wohnort melden. Einheiten des technischen Hilfswerks würden sich dann um den Transport kümmern. Ich rufe meine Chefin an und erkläre ihr meine Situation. Da momentan keine wichtigen, unaufschiebbaren Tätigkeiten anstehen, willigt sie ein, dass ich meine Emails von zu Hause aus bearbeite und den Rest auf Gleitzeit nehme.
In den Nachrichten sehe ich noch ein zerstörtes Haus in Germering, gefolgt von einem Bericht über einen Terroranschlag im erst kürzlich wiedereröffneten Moskauer Flughafen. Eine vermeintliche kaukasische Attentäterin sprengte sich selbst und wartende Fluggäste in die Luft. Dabei wurden 35 Menschen getötet, über 180 verletzt. Die Verletzten wurden in spezielle Einrichtungen verlegt, erklärt der Sprecher, der live von einem Hotel in der Nähe des Flughafens zugeschaltet ist. Seit langem wieder ein Bericht aus Russland. Seit dem Atombombenanschlag waren Nachrichten aus der ehemaligen Sowjetunion rar gesät.
Ganz im Gegensatz zu den Gerüchten, die davon sprechen, dass sich die Tollwutseuche über den ganzen Osten Russlands und über die dort liegenden, ehemaligen Sowjetstaaten ausgebreitet hätte. Fotos von bombardierten russischen Städten verbreiteten sich über Emailverteiler. Unbekannte richteten tote Briefkästen ein: montierte USB-Sticks, die versteckt, aber frei zugänglich in den Städten verteilt lagen und deren Standorte mündlich weitergegeben werden.
Darauf sind Bilder und Videos von zerstörten russischen Städten. Zerstörungen, die durch Brandbomben und konventionelle Bombardierungen erzielt wurden. Der Beleg dafür, dass die Russen ihre eigenen Städte in Schutt und Asche verwandelten. Die Namen der Städte sagten mir nichts und auch zu den Opferzahlen war nichts bekannt. Manche vermuten ja, dass es sich dabei nur um Propaganda handelt. Von wem und zu welchem Zweck weiß aber niemand. Vielleicht einfach nur, um eine Anti-Russische Stimmung zu erzeugen. Die Idioten sterben ja nichts aus.
Im Bericht wird erwähnt, dass Russland Vergeltungsmaßnahmen nicht weiter ausschließe und Medwedew mit den Worten zitiert, dass alles in seiner Macht stehende unternommen werde, um solche Gräueltaten an Zivilisten jetzt und in Zukunft zu unterbinden. Was für ein Unglück, denke ich mir und gehe in mein Arbeitszimmer, um dort über VPN eine Verbindung zu unserem Firmennetzwerk herzustellen und mein Emailkonto nach wichtigen Nachrichten zu überprüfen.
Während der Rechner hochfährt, aktiviere ich die Mikroanlage im Arbeitszimmer die drahtlos auf meine Musikbibliothek zugreift und für die nötige Hintergrundbeschallung sorgt. Im Emailpostfach finde ich nur unwichtigen Müll. Seit dem Niedergang der Wirtschaft wurden fast alle Kollegen entlassen, die nicht direkt mit der Aufrechterhaltung des Betriebs beschäftigt waren. Neue Projekt dienen dem Ausbau und Stabilisierung des Netzes, der Erhöhung der mobilen Bandbreite und die Versorgung von Notrettungsdiensten mit Endgeräten. Ninesin brüllen mir„Live for nothing, die for something“ ins Ohr, als ich mich aus dem VPN auslogge und den Rechner wieder herunterfahre.

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