Donnerstag, 6. Januar 2011

Kapitel 5

Mit Kapitel 5 geh ich zurück zur Person aus dem Prolog und wir steigen langsam richtig ins Geschehen ein.

Kapitel 5

Gestern haben Polizisten in Notwehr Menschen erschossen. Die Zeitungen sprechen davon, dass die Menschen psychische Probleme hatten. So gehen wir also jetzt mit psychischen Problemen um. Noch immer verzichten viele Menschen auf die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Straßen sind überfüllt mit Autos, ich wäre ein Idiot, würd ich auch mit dem Auto fahren. Die, die noch mit dem Zug fahren, legen wert auf ihre Privatsphäre. Wer kann, sucht sich einen leeren Platz. Manche stehen lieber, als sich zu fremden Leuten zu setzen und andere beäugen andere misstrauisch oder nutzen diese Feinstaubmasken. Für mich immer noch Panikmache. Noch bin ich mir sicher, dass hier bloß wieder die nächste Sau durch’s Dorf getrieben wird.

Im Zug ist es absolut ruhig. Die meisten Leute lesen oder schlafen. Ich schalte meinen MP3-Player ein und schlage ein Buch auf. Michael Stipe singt gerade „It’s the end of the world as we know it“ als mir die Augen zufallen. Ich erwache durch Stimmen, die den Lärm meines MP3-Players übertönen. Ich richte mich im Sitz auf und sehe einen Mann im Zugabteil stehen, der sich unbeholfen gestikulierend aus seinem Sitz erheben möchte. Wohl zu viel gebechert der Gute, denk ich mir noch, als er wieder auf seinen Platz zusammensackt. Kurz darauf schafft er es seinen Platz hinter sich zu lassen und knallt auf den Boden. Noch überlege ich, ob ich ihm zur Hilfe eilen soll, als schon ein anderer Helfer zur Stelle ist. Glück gehabt. Ich bleibe sitzen, mach die Musik etwas leiser und hör gerade noch Tony Foresta „Human lives are ending“ schreien, als der Mann den Gestrauchelten erreicht und ihm die Hand reicht.

Der greift auch anscheinend hilfesuchend danach und reißt den Helfer zu Boden. Ich versuche nicht laut loszulachen, bis ein Schrei den Witz des Moments zerstört und der Helfer seine blutende Hand nach oben reißt. Scheiße. Fehlt da ein Finger? Der Ärmel der Jacke saugt das Blut auf, das nicht auf den Boden tropft und färbt sich dunkel. Plötzlich schreien auch andere Personen. Der Besoffene kriecht über den Boden und versucht wieder auf die Füße zu kommen. Er zieht sich an einer Armlehne hoch und wird von jemand hinter ihm niedergerissen. Ein kräftiger junger Mann packt den Besoffenen an den Schultern und drückt ihn zur Seite.

Ich bin leicht geschockt und hoffe, dass mich der Kerl nicht vollblutet. Andere kommen ihm jetzt zur Hilfe und versuchen die Blutung zu stoppen. Ich denk mir noch, ob Papiertaschentücher unbedingt die erste Wahl darstellen, als ich jemand sein Hemd zerreißen und den Stoff über die Wunde legen sehe. Ich fühle mich schlecht. Schlecht, weil ich nicht geholfen habe, bin aber im gleichen Moment wieder froh darüber. Was für eine Sauerei… Jemand telefoniert, scheinbar Notruf. Der kräftige junge Mann drückt den Besoffenen noch immer auf den Platz, hat aber offensichtlich seine liebe Mühe damit. Neben dem Versuch sich zu befreien scheint der Besoffene ihn auch beißen zu wollen. Verrückter Kerl. Ich sehe ihn mir etwas länger an und bemerke den leeren Ausdruck in den Augen und die blasse Haut. Gott, wie viel mag der Arsch gebechert haben?

Die Leute diskutieren miteinander, einer will die Notbremse ziehen, ein anderer hält dagegen, dass man den Leuten in München am Hauptbahnhof schneller helfen kann, als hier auf der freien Strecke. Die Frau mit dem Telefon unterhält sich jetzt mit und erzählt den anderen, dass man ihr über den Notruf die klare Anweisung gab, keine Notbremsung durchzuführen. Der Zug würde umgeleitet. Umgeleitet? Was sollte das heißen? Ein älterer Herr ging dem jungen Mann zur Hand und half ihm, den Besoffenen zu fixieren. Eine jüngere Frau versuchte mit dem Verletzten ein Gespräch zu beginnen und sprach ihm gut zu. Ich sah aus dem Fenster und bemerkte, dass der Zug eine andere Trasse fuhr als üblich.

Ich verstaute mein Buch und meinen MP3-Player, stand auf und versuchte meine Hilfe anzubieten. Zuerst ging ich zu dem Verletzten. Der hatte Schmerzen und sah so aus, als könnte ich ihm im Moment nicht helfen. Da sich die Frau mit ihm unterhielt, ging ich zu dem Besoffenen weiter und bat dort meine Hilfe an. Aus der Nähe sah der Typ noch schlimmer aus. Fettes, strähniges und nicht sehr üppiges Haar bedeckte noch so halbwegs seinen Schädel. Seine Lippen waren ausgetrocknet und aufgerissen, seine Zähne rot vom Blut des anderen Mitreisenden. Beim Versuch nach den Helfern zu schnappen, fiel mir auf, dass noch Fleischreste zwischen seinen Zähnen hingen. Mir wurde übel und ich musste mich beherrschen, nicht loszukotzen.

Als der Zug stoppte, ertönte eine Durchsage, dass die Reisenden bitte den Zug verlassen sollen. Verletzte würden vor Ort versorgt, falls nötig würden Beamte zur Hilfe kommen. Ich hielt so gut es ging die Füße fest, während ein Großteil der Leute das Abteil verließ. Die junge Frau stützte den verletzten Helfer und half ihm aus der Türe. Kurz danach kamen Beamte in das Abteil. Schien sich um ein SEK-Kommando zu handeln. Während ein Beamter das Vorgehen mit einer Kamera zu dokumentieren schien, kamen zwei Beamte vor, die mit Helm, Protektoren, Quarzhandschuhen und Sturmhauben ausgestattet waren. Ganz schöner Aufstand für einen Besoffenen, denk ich mir, als helfende Hände den Kerl übernehmen und uns entlasten. Wir werden nach draußen gebracht und ich sehe noch aus dem Augenwinkel, wie der Besoffene mit Laschen an den Händen und mit einem Knebel der Mund fixiert werden.

Vor dem Zug werden wir rasch von einem Sanitäter oder Arzt untersucht und anschließend von Polizeihunden gemustert. Der verletzte Mann wurde zwischenzeitlich auf einem Krankenbett fixiert, was mir im ersten Moment zwar ungewöhnlich erscheint, was ich dann aber als Routine abtue. Währenddessen wird der Besoffene mit einem Sack über dem Kopf aus dem Zug geführt. Jetzt bemerke ich auch, dass die Hunde auf den Mann reagieren und ihn wütend anknurren. Waren wir vielleicht mit einem durch geknallten Terroristen im Zug? Deswegen der Polizeieinsatz? Die Polizei ist bemüht, den Mann abzuschirmen und bringt ihn außer Sichtweite. Die Reisenden werden gebeten, auf dem Bahnsteig zu warten und nacheinander weggebracht.

Ein Beamter nimmt unsere Aussagen auf. Jetzt bereue ich, dass ich nicht einfach das Abteil gewechselt habe. Verdammt, ich muss doch zur Arbeit und hab keine Zeit für den Scheiß. Ungeduldig lasse ich die Befragung über mich ergehen. Meine Gegenfragen werden nicht beantwortet und damit abgetan, dass mein Gegenüber nicht befugt sei, Auskunft zu erteilen. Ich frage nach einem höheren Dienstgrad und bekomme immer wieder zu hören, dass der Leiter des Einsatzes gerade nicht verfügbar sei. Nachdem meine Aussage aufgenommen war, wurde ich zusammen mit den anderen Personen aus meinem Abteil in einen Bus gesetzt, der uns zum Hauptbahnhof brachte. Dort wurden wir ohne Erklärung entlassen und konnten unserer Wege gehen.

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