Freitag, 7. Januar 2011

Kapitel 6

Kapitel 6

Ich sitze in der U-Bahn. Neben mir hustet ein Mann. Ich bin nervös, ich habe Angst. Nicht die Art von Angst, die uns mit einem schlechten Gefühl zurücklässt, sondern die Art von Angst, dass im nächsten Moment etwas passiert. Dass im nächsten Moment die U-Bahn den Gleisen entgleitet und die Fahrgäste herumgewirbelt werden wie Blätter im Wind. Der Gedanke auf den Aufprall lässt mich aufschrecken und ich sehe meine Haltestelle vorbeiziehen. Verdammt. An der nächsten Haltestelle steige ich aus und fahre eine Station zurück.

Ich sitze in der Arbeit und kann nicht arbeiten. Ich war bei meiner Chefin und habe mit ihr über das erlebte gesprochen. Sie bot mir an, heute früher zu gehen. Ein Angebot, das ich gerne angenommen hätte, ich habe aber Angst. Ich will nicht wieder in den Zug. Was auch immer da draußen ist, es hat mich heute erreicht. Der Zug erscheint mir nicht mehr als sicher. Ich rufe meine Frau an und erzähle ihr, was vorgefallen ist und verspreche, später gleich nach Hause zu kommen. Ich suche auf den gängigen Suchmaschinen und Nachrichtenportalen, ob der Vorfall bereits von der Presse aufgegriffen wurde.

Inzwischen sind viele Seiten im Netz nicht mehr erreichbar. Foren und Blogs sind aus dem Netz verschwunden, viele Seiten aus dem Ausland über normale Wege nicht mehr aufzurufen. Torrents sind mehr oder weniger sinnlos, die dafür nötigen Ports anscheinend gesperrt. Filehoster sind samt und sonders offline, oder nicht mehr erreichbar. Glaube ich den Aussagen technisch bewanderter Kollegen, war es bis vor kurzem über ausländische Proxyserver teilweise noch möglich, auf nicht gesperrte Webinhalte zuzugreifen, aber auch die Möglichkeiten wurden anscheinend komplett gesperrt. Große Socialplattformen sind quasi tot. Meldungen oder Beiträge werden teilweise erst nach Stunden freigeschaltet. Man kommuniziert wieder direkt.

Über unser internes Mailsystem verbreiten sich schreckliche Bilder von Militäreinsätzen in China. Ein ehemaliger in China wohnender Arbeitskollege konnte versteckte Aufnahmen machen und schickt Bilder vom chinesischen Militär, welches das Feuer auf unschuldige Zivilisten eröffnen lässt. Er schreibt, dass vor Ort die Hölle los sei, Menschen gewalttätig werden und andere Menschen attackieren. Er schreibt weiter, dass die Vorfälle in der Presse nicht stattfinden, dass die Menschen kannibalistische Züge zu entwickeln scheinen, Menschen halb aufgefressen aufgefunden werden und sich kurz danach erheben. Noch gestern hätte ich das als Phantasterei abgetan, aber nach dem heutigen Erlebnis denke ich anders darüber und leite die Mail nach Hause weiter.

Ich trete den Weg nach Hause an. An der U-Bahn-Station fällt mir der Sicherheitsdienst auf. Vier Stadtangestellte stehen rum und halten nach irgendwas Ausschau. Mir wird schon wieder mulmig und steige mit einem ebensolchen mulmigen Gefühl in die nächste U-Bahn. Der Hauptbahnhof wirkt relativ leer. Nichtsdestotrotz zeigt die Polizei Präsenz an den Eingängen, patrouilliert durch den Bahnhof und unterzieht die ankommenden Reisenden einer Sichtprüfung. Reisende, die andere Reisende beißen wollen? Nein, so ein Quatsch. Ich bin immer noch mitgenommen von den Ereignissen des Morgens. Ich gehe zum Zug und höre einen Hund bellen. Ich sehe Beamte zum Bahnsteig eilen und ahne, was passieren wird. Ich bin spät und steige lieber in den Zug.

Von meinem Platz versuche ich etwas zu erkennen und sehe nur zwei Beamte, die eine Frau dabeihaben. Die Frau schaut ungesund aus, lässt sich aber widerstandslos abführen. Vielleicht ist Terrorgefahr ja nur ein Vorwand und es geht um eine neue Droge, die die Menschen krank macht. Krank und aggressiv. Das würde einiges erklären. Die Hunde, die Polizeipräsenz, die Sicherheitsvorkehrungen… Wir haben es nur mit verrückten Junkies zu tun. Das muss es sein. Der Typ heute Morgen war entweder total high oder auf Entzug. Das ergibt einen Sinn. Ich beruhige mich wieder etwas, bleibe aber die ganze Fahrt über wachsam.

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