Samstag, 8. Januar 2011

Kapitel 7

Kapitel 7

Daheim angekommen, finde ich meine Frau bei unserer Nachbarin Karin. Ihr Mann, Oskar, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Zur Beobachtung, hieß es. Ich bin schockiert und frage nach den Umständen. Beim Gassi gehen wurde Oskar von einem Teenager angegriffen. Ein Teenager, den er schon öfter beim Gassi gehen getroffen hatte. Oskar traf ihn am Waldrand, von dem aus er ihm entgegen torkelte. Der Hund verhielt sich beim näherkommen abweisend und lief weg. Davon ließ sich Oskar aber nicht abschrecken und ging ihm entgegen. Auf mehrmalige Zurufe reagierte der Teenager nicht und Oskar wollte ihm helfend entgegenkommen. Dann passierte es. Der Teenager griff sich Oskars Arm, biss hinein und versuchte ein Stück Fleisch aus seinem Arm zu reißen.

Zum Glück ist Oskar stark gebaut und konnte den Kerl wegstoßen. Auf Distanz bleibend wich Oskar langsam zurück, bis er das erste Haus des Ortes erreichte. Von dort aus rief er die Polizei. Die kam auch bald und sammelte den Teenager auf. Seltsamerweise waren das aber wohl keine Beamten der örtlichen Polizei, sondern Beamte von außerhalb, die den Jungen fixierten und den Mund knebeln, nicht unähnlich dem, was ich heute Morgen erlebt habe. Nachdem das Protokoll aufgenommen war, wurde unser Nachbar nach Hause entlassen, nur um dort eine Stunde später von einem Arzt aufgesucht zu werden. Der untersuchte den Biss und ließ Oskar dann vor einer Stunde von einem Krankenwagen abholen. Zur Beobachtung, hieß es.

Ich berichte von meinen Erfahrungen am Morgen und meinem Drogenverdacht. Eventuell übertragen diese Junkies irgendein Gift, vermute ich. Unsere Nachbarin ist geschockt und erneut den Tränen nahe. Meine Frau bedenkt mich mit einem bösen Blick. Ich relativiere meine Aussage und erkläre, dass ich kein tödliches Gift meine. Sowas ähnliches wie eine Blutvergiftung. Wenn’s was richtig Gefährliches wäre, hätte er es schon früher merken müssen. Das beruhigte sie wieder etwas. Mich nicht so sehr. Dass in beiden Fällen die Angreifer zugebissen hatten, hatte mich schon überrascht. Selbst aggressives Verhalten… oder kannibalistisches Verhalten? Die Mail meines ehemaligen Kollegen fiel mir wieder ein. Aber egal was das für eine Scheiße war, die würden die Junkies schon wieder runter bekommen.

Wir bleiben den Abend noch bei unserer Nachbarin sitzen. Karin konnte zwischendurch mit ihrem Mann telefonieren, was sie wieder etwas beruhigte. Oskar geht’s gut. Er hat ein Einzelzimmer in einer neu eingerichteten Pflegestation. Zur Lage konnte er keine Angabe machen, weil er während des Transports eingeschlafen war. Ihm gegenüber wurde aber erwähnt, dass die Einrichtung in der Nähe des Münchner Flughafens steht. Mehr wollte man ihm gegenüber nicht sagen, was ihm aber egal sei, weil er morgen oder übermorgen ohnehin hier abhaut. Schön, denke ich mir, spare ich mir den Krankenbesuch. Ich hasse Krankenbesuche, erwähne dies aber nicht den Frauen gegenüber.

Unser Sohn spielt zwischenzeitlich mit dem Hund und als es Zeit wird, verabschieden wir uns. Ich will noch alleine mit meiner Frau reden. Irgendwie glaube ich nicht daran, dass unser Nachbar demnächst wieder nach Hause kommt. Warum sollte man ihn in einer neuen Pflegestation auf ein Einzelzimmer legen? Irgendetwas passt hier ganz und gar nicht zusammen. Meine Frau sieht das anders. Es gehe hier immerhin nur um einen Biss und dass der Kerl im Zug auch zugebissen hat, sei doch nur ein dummer Zufall. Dafür gefiel ihr meine Drogentheorie. Wär in unserem Kaff nicht der erste Vorfall mit Drogen.

Die Jugendlichen überlegen sich ja immer abgefahrenere Methoden, sich ihre fünf Sinne wegzuballern. Eine neue Trenddroge käme denen wahrscheinlich schon gelegen. Oder der Dealer ihres Vertrauens hat ihnen irgendeinen Scheiß angedreht. Sieht man ja immer wieder in Filmen. Das klingt für meine Frau und mich plausibel genug und wir setzen uns nachdem wir unseren Sohn ins Bett gebracht haben, noch etwas vor den Fernseher. Das Einreiseverbot wegen der „Neuen Grippe“ wird zwischenzeitlich EU-weit geregelt und verbietet ab sofort Einreisen aus den GUS-Staaten, komplett Asien und eingeschränkt aus den USA. Eben wird auch noch berichtet, dass EU-weit das Schengener Abkommen ausgesetzt und die Grenzen dichtgemacht werden. Ich sah zu meiner Frau, die scheinbar unberührt davon blieb und konzentrierte mich wieder auf den Fernseher.

Ein Sprecher der Bundesregierung erklärt gerade den versammelten Reportern die Notwendigkeit. Aufgrund der aktuellen Terrorlage und der Gefährdung durch die „Neue Grippe“ sei es unabkömmlich, Einreisende einer Kontrolle zu unterwerfen, um das Gefahrenpotenzial für die Bevölkerung zu mindern. Man werde aber natürlich auch zukünftig am Schengener Abkommen festhalten und nach Abwendung der aktuellen Gefahrenlage die gewohnte Regelung wieder herstellen.

Der nächste Bericht behandelte den Rückzug von Truppenkontingenten aus Afghanistan. Nachdem die USA ihre Rückzugspläne bekanntgab, schlossen sich alle anderen Schutzmächte der Entscheidung an. Der afghanische Präsident Karzai gab in einer Pressenote bekannt, dass er nur sehr kurzfristig über diesen Schritt informiert wurde und infolgedessen ein Machtvakuum in bestimmten Teilen des Landes befürchtet, dass die empfindliche Ordnung des Landes in sich zusammenbrechen lassen könnte. Schön für unsere Jungs, denk ich mir. Endlich wieder daheim ohne jeden Tag Angst haben zu müssen, draufzugehen.

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