Dienstag, 1. Februar 2011

Kapitel 32

Kapitel 32
Paul lag mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Die Explosion hatte ihn und die anderen Beamten außerhalb des Hauses von den Füssen gerissen. Die Schutzkleidung verhinderte schlimmeres und auch bei den Kollegen war es abgesehen von Rippen- und Knochenbrüchen zu keinen wirklich ernsthaften Verletzungen gekommen. Schmerzhaft auf jeden Fall, aber in keinster Weise lebensgefährlich. Ganz im Gegensatz zu den Kollegen im Haus, die bei der Explosion sofort getötet wurden.
Trotz der pochenden Schmerzen im Kopf zermarterte sich Paul das Gehirn darüber, warum die Kollegen gefeuert hatten und vor allem, warum sie die Gasflaschen nicht bemerkt hatten. Es waren erfahrene  Beamte und es war nicht ihr erster Einsatz dieser Art. Mein Gott, was wäre passiert, hätte man im Dunkeln eine Salve abgegeben? Das ganze Einsatzteam könnte jetzt tot sein. Paul’s Schläfen pochten und er versuchte, die Schmerzen zu ignorieren. Versuchte, darüber einen klaren Gedanken zu fassen, ohne auf Pharmazeutika zurückzugreifen. Letzten Endes gab er dann doch nach und nahm eine der Schmerzstiller mit einem Schluck Wasser.
Es dauerte nicht lange, und er fühlte sich wie in Watte eingepackt. Das Schmerzmittel trug ihn fort von den Schmerzen, fort von den Erinnerungen an einen Ort des Grauens und fort von seinen Sorgen und Nöten. Das grün weiß gestrichene Zimmer des Krankenhauses verschwamm zu einem Ort der Glückseligkeit. Paul fühlte sich wie auf Wolken, sah unter sich die Welt vorüberziehen und erkannte in der Welt die Decke seines Krankenzimmers. Noch während er in Gedanken über den Dingen flog, kam ein Arzt ins Zimmer.
„Na, Herr Bährer, wie fühlen wir uns denn heute?“
Die Stimme des Arztes erreichte ihn wie die Stimme eines Kolosses, die tausende von Kilometern überwunden hatte, um schließlich in seinem Gehörgang zu landen. Er verstand die Worte, vermochte aber nicht ihren Sinn zu deuten. Langsam glitten die Worte nochmal durch sein Gedächtnis und Paul fühlte, wie sich die Leichtigkeit wieder leicht verzog und er wieder festen Boden unter den Füssen bekam. In Pauls Kopf wurden die Sekunden zu Stunden und als er zur Antwort ansetzte, war er sich sicher, dass der Arzt seine Frage schon lange vergessen hatte. Dabei waren nur wenige Sekunden vergangen, bis Pauls Antwort den Arzt erreichte.
„Sehr gut.“
„Haben sie einen der Schmerzblocker eingenommen?“
Wieder brauchte Paul einige Zeit, den Worten einen Sinn zuzuordnen und er die Frage knapp bejahte. Der Arzt nickte verstehend und machte sich einige Notizen, bevor er den Raum verließ. Paul setzte erneut zum Höhenflug an und vergas Zeit und Raum, vergas Sorgen und Nöte und vergas all das Grauen, das dort noch in dieser Welt lauerte.
 Paul vermochte nicht zu sagen, wieviel Zeit vergangen war, als ihn der pulsierende Schmerz wieder einholte, ihn stürzen ließ und ihn wieder in eine Welt entließ, in die er nie wieder zurück wollte. Als er die Augen aufschlug, sah er wieder das triste grün weiß des Zimmers.
„Na, wieder wach?“
Paul drehte hastig den Kopf in Richtung der Stimme, was dieser mit einem stechenden Schmerz quittierte. Paul sah zu seiner Linken Horst, der da mit einem kitschigen Strauß Blumen und einer Schachtel Pralinen auf dem Besucherstuhl saß. Paul hatte ihn gar nicht reinkommen hören und musste unfreiwillig grinsen, als er die sicher nett gemeinten Gaben seines Kollegen sah. Paul rappelte sich kurz auf und antwortete mit verschlafener Stimme.
„Ja, so halb. Wie lang bist du denn schon da?“
„Ach, etwa eine halbe Stunde. Du scheinst da einen schönen Traum gehabt zu haben.“
Horst lächelte Paul an, der sich ebenfalls ein Lächeln abringen wollte, was aufgrund der pochenden Schmerzen aber mehr einer Grimasse glich.
„Jaja, dieses Schmerzmittel ist der Hammer. Ist das für mich?“
Paul deutete auf die Mitbringsel und Horst sah leicht verlegen aus, als er nickte und sie an Paul weiterreichte.
„Ja, ähm, mir ist nichts anderes eingefallen. Blumen erschienen mir irgendwie richtig.“
„Ja, du, die sind super. Danke“
Paul erinnerte sich daran, dass die Geste zählt und wollte die nette Geste seines Kollegen nicht durch einen dummen Kommentar entwerten. Viel mehr freute er sich darauf, endlich mit Neuigkeiten versorgt zu werden.
„Was gibt’s denn neues? Gibt’s schon Erkenntnisse, warum Bremer und Häusler geschossen haben?“
„Nein, leider nicht. Die Explosion erschwert die Spurensuche und außerdem scheint’s keinen so wirklich zu interessieren. Die Untersuchungskommission wurde um über die Hälfte der Leute reduziert. Momentan liegen die Prioritäten wohl anders.“
„Ah, ok, verstehe. Was gibt’s sonst noch neues?“
„Ganz, ganz schlechte Nachrichten. Gestern war die erste Pro Life-Demo in Stuttgart.“
„Pro Life?“
„Ja, ein neuer Verein, der sich gegründet hat, um Leben zu beschützen.“
„Aha, und?“
„Naja, Leben. Auch das, der Untoten Lebenden.“
„Oh…“
„Ja, die Demo wurde von den Kollegen mit Unterstützung aus bayrischen Einsatzhundertschaften gewaltsam aufgelöst. Die Presse berichtet über gewalttätige Ausschreitungen und linke Chaoten. Das haben wir ganz gut im Griff, aber die Regierung müsste langsam mit der ganzen Wahrheit raus. Mit der Tollwut-Scheiße bringen wir die Leute auf die komplett falsche Spur.“
„Stimmt. Aber ob es den Leuten wirklich vermittelbar ist, dass sich ihre Lieben in lebende Leichen verwandeln?“
„Ach, das ist nicht unser Problem. Wir dürfen uns nur mit den Auswirkungen rumschlagen und die jetzigen Auswirkungen gefallen mir nicht wirklich.“
„Ja, ok, was sonst noch?“
„Die Mannschaft der Gorch Fock hat gemeutert und sich komplett nach England abgesetzt. Man munkelt als Reaktion auf die neue Regierung, aber meine Quelle konnte da auch nichts Definitives zu sagen. Der Öffentlichkeit wird von Fahnenflucht erzählt und einer antideutschen Stimmung an Bord.“
Paul schüttelte den Kopf und Horst fuhr fort.
„In Moskau am Flughafen gab’s eine Explosion. Jede Menge Tote und Verwundete. Die russische Regierung erzählt von kaukasischen Attentätern, mein Kontakt erzählt dagegen von einem Flugzeug voller Toter, die über die Lebenden in der Wartehalle herfielen. Kein Mensch kann es sich erklären, wie das trotz Schnelltests vor dem Abflug passieren konnte. Eventuell steckt doch eine Art von terroristischem Anschlag dahinter.“
„Ein Anschlag mit dem Zombievirus?“
„Gewissermaßen. Das Ding ist echt robust, lässt sich im Wirtskörper durch keine der bekannten Stoffe abtöten oder auch nur aufhalten. Was spräche also dagegen, Körperflüssigkeiten eines solchen Freaks anderen zu injizieren? Eine Injektion ins Herz dürfte den Vorgang beschleunigen. Schnell genug für einen Flug auf jeden Fall.“
„Das ist doch Wahnsinn.“
„Nein, das ist Sparta!“
Paul sah zu seinem Kollegen und trotz der pochenden Kopfschmerzen und trotz des unpassenden und dummen Kommentars konnte er ein Lachen nicht unterdrücken.

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