Dienstag, 1. Februar 2011

Kapitel 33

Kapitel 33
Als Paul aus der Klinik entlassen wurde, waren die Kopfschmerzen auf ein erträgliches Maß zurückgegangen. Trotzdem würde Paul die nächsten Tage Fernsehen und schwere Betätigungen meiden müssen. Für die nächsten drei Wochen war er noch krank geschrieben, musste sich aber mindestens einmal wöchentlich beim Arzt zum Check melden. Horst wartete bereits vor der Klinik auf Paul und brachte ihn zu seinem Auto.
Horst informierte Paul über die jüngsten Entwicklungen. Innerhalb der Polizei würde sich wohl langsam Widerstand regen. Es gab auch bereits ranghöhere Beamte, die ihren Untergebenen gegenüber indirekt zu verstehen gaben, dass die neue Regierung für sie eine unrechtmäßige Diktatur darstelle und sie alles andere als erfreut über die aktuellen Entwicklungen wären. Paul hörte aufmerksam zu und unterbrach Horst in seinen Ausführungen nicht.
Als der fertig war, bog sein Auto gerade in Pauls Straße. Paul bedankte sich bei Horst, packte seine Sachen unter den Arm und ging hoch in seine Wohnung. In der Wohnung traf ihn der Geruch abgestandener Luft. Pauls Zimmerpflanzen waren schon lange verdorrt und ausnahmsweise war er froh, momentan in keiner festen Bindung zu stecken. Er riss die Fenster auf und ließ die kalte Luft in die Wohnung strömen, um den Mief der letzten Tage zu vertreiben.
Die kalte Luft zog in die Wohnung, wirbelte den Mief auf, wirbelte ihn herum und dann nach draußen. Mit der guten Luft, kam auch die Kälte in die Wohnung gekrochen. Paul schloss die Fenster, schlüpfte aus seinen Kleidern und sprang unter die Dusche. Heiß perlte das Wasser an seinem trainierten Körper herab, Dampf beschlug die Duschtüre und das prasseln des Wassers wirkte beruhigend. Nach zehn Minuten im Wasser seifte Paul sich ein, spülte den Schaum ab und verließ die Dusche.
Nachdem er sich abgetrocknet hatte und in einen Jogginganzug geschlüpft war, legte er sich auf die Couch, spielte in seinen Gedanken und kam schließlich zu dem Schluss, seine Eltern anzurufen. Er wählte die Nummer und hörte das Freizeichen, als das Telefon bei seinen Eltern läutete. Neben dem Freizeichen hörte er noch ein seltsames Knacken in der Leitung und im nächsten Moment war auch schon sein Vater in der Leitung.
„Bährer?“
„Hallo Papa, hier ist der Paul. Ich wollte mich mal wieder bei euch melden.“
„Hallo Paul, ja, schön, dass du dich wieder mal bei uns meldest. Wir haben schon ewig nichts mehr von dir gehört.“
„Viel zu tun in letzter Zeit. Wie geht’s dir und Mama?“
„Du weißt ja, immer das gleiche. Hinten und vorne fehlt’s a bisserl, aber insgesamt reicht’s zum überleben. Wart mal, die Mama will mit dir reden…“
„Hallo Paul, mein Gott, dass du dich mal wieder meldest. Du bist ja telefonisch gar nicht mehr erreichbar. Wie geht’s dir denn? Bist du gesund? Kommst du uns wieder einmal besuchen? Mei, der Papa hat’s dir nicht erzählt, gell, der hat seine Arbeit verloren. Vor zwei Wochen wurde er gekündigt. So viele Leute verlieren ja momentan ihre Arbeit. Von der Gerda der Mann, der wurde vor vier Wochen gekündigt. Denen geht’s gar nicht gut, die müssen ja noch die Schulden für das Haus zurückzahlen und du kennst ja die Gerda, die nimmt das so mit…“
Paul wurde vom Redeschwall seiner Mutter überrascht und erinnerte sich wieder, warum er so selten daheim anrief. Seine Mutter redete unvermindert weiter.
„…letzte Woche. Seitdem hab ich nichts mehr von ihr gehört. Aber in dem Alter überrascht mich das nicht. Die wollte ja auch noch unbedingt allein daheim…“
Paul fiel seiner Mutter ins Wort.
„Jaja, das ist schon schlimm. Du, mir geht’s ganz gut, nur viel zu tun momentan.“
Paul vermied, seiner Mutter von seiner Gehirnerschütterung zu erzählen. Zu groß war das Risiko, dass sie nicht locker lassen würde, bis entweder er nach Hause oder sie zu ihm kommen könnte, um ihn gesund zu pflegen. Mütter eben.
„Wir stecken grad ganz tief drin und ich hab nicht viel Freizeit. Braucht ihr irgendwas? Ich könnt euch ein paar Lebensmittelkarten schicken, oder auch Geld.“
„Och Junge, das ist lieb, aber mit Geld bekommst du eh nichts mehr und die Lebensmittel sind ja nicht knapp.“
„Ich hätte noch ein paar Fleischrationen übrig. Komm, für Papa.“
Paul hörte im Hintergrund seinen Vater zischeln.
„Na gut, aber nur, weil mir sonst der Papa heute keine ruhige Minute mehr lässt.“
Paul grinste und konnte sich seinen Vater bildlich vorstellen. Eine Welt ohne Fleisch musste die Hölle für ihn sein. Paul tauschte noch einige Höflichkeitsfloskeln aus, versprach sich zukünftig öfter zu melden und verabschiedete sich danach. Den Hörer legte er nicht sofort auf. Nach einigen Sekunden hörte er wieder das Knacken in der Leitung und ließ ihm die Zornesröte ins Gesicht steigen.

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