Donnerstag, 3. Februar 2011

Kapitel 34

Kapitel 34
Paul war sich sicher, dass sein Telefon abgehört wurde. Er war stinksauer. Allein die Vorstellung, dass man sich seiner Treue nicht mehr sicher war, machte Paul unglaublich wütend. Wenn sein Festnetz überwacht wurde, würde auch das Mobilfunknetz nicht mehr sicher sein. War es vielleicht seine Verbindung zu Horst? War Horst in der Vergangenheit schon mal unangenehm aufgefallen? Oder hatte Paul im Schlaf gesprochen? Hatte der Arzt in seinem Protokoll etwas erwähnt, dass Paul verborgen blieb? Paul musste unbedingt mit Horst sprechen.
Paul zog sich an, streifte sich seinen Rucksack um, und ging aus der Wohnung. Langsam ging er die Straße entlang und sah sich immer wieder vorsichtig um, ob er verfolgt würde. Er fühlte sich dabei leicht paranoid, aber das Knacken in der Leitung war eindeutig. Er ging weiter und weiter, bis er einen Supermarkt erreichte. Gute Gelegenheit, die Vorräte aufzufüllen, dachte er sich, und betrat den Supermarkt. Im Supermarkt hatten sich die Auslagen etwas geändert.
Verderbliche Waren waren in den Regalen zur Seltenheit geworden, stattdessen nahm Nahrung in Konservendosen zu. Gemüse, wenig Fleisch und Fertiggerichte dominierten die Regale. In der Tiefkühltruhe wurde Paul von einem Tiefkühlsteak angegrinst. Dafür würden zwei Fleischmarken fällig, aber das würde es wert sein. Neben den Steaks packte er noch zwei Dosen mit geschälten Kartoffeln, eine Dose Bohnen, eine Packung Butter und Knoblauch. Den gab’s noch frisch.
Der Laden war zu der Zeit noch nicht stark gefüllt. Paul erkannte in den Gesichtern, dass sich die meisten Leute mit der Umstellung ihrer Ernährung schwer taten, noch nicht akzeptieren wollten, dass die Lebensmittelindustrie auf Geheiß der neuen Bundesregierung große Teile ihrer Kapazitäten auf Konservenware umgestellt hat, um die Bevölkerung auch in Krisenzeiten mit Lebensmitteln versorgen zu können. Die Bundesregierung war sich scheinbar sicher, dass die Krisenzeiten vor der Tür standen.
An der Kasse gab Paul seine Marken ab, ignorierte die neidischen Blicke der hinter ihm stehenden, und packte seine Einkäufe in seinen Rucksack. Auf dem Nachhauseweg machte sich alsbald sein Magen bemerkbar. Die Aussicht auf ein schönes Stück frisches Fleisch ließ den Magen vom zahmen Kätzchen zum wilden Tiger mutieren. Paul versuchte das Hungergefühl zu unterdrücken und sich weiter auf seine Umgebung zu konzentrieren, bis er sich sicher war, dass er nicht beobachtet wurde.
Daheim angekommen, schmiss er eins der Steaks in die Pfanne, während er die Dose mit den Kartoffeln über dem Waschbecken öffnete und in einem Sieb austropfen ließ. Nachdem das Fleisch von beiden Seiten scharf angebraten war, schob er es in einer Alufolie in den Ofen, briet die Kartoffeln an, zerdrückte den Knoblauch und rührte ihn unter etwas Butter und erhitzte die Bohnen. Eine halbe Stunde später saß Paul gesättigt am Esstisch.
Er griff zum Telefon und wählte Horsts Nummer. Wieder hörte er das Knacken in der Leitung und Paul wusste, dass „sie“ da waren. Dass „sie“ zuhörten. Dass „sie“ protokollieren würden, was er mit Horst besprechen würde. Das Telefon läutete zum zweiten Mal, als Horst abnahm.
„Hallo, hier Mewes“
„Hallo Horst, hier ist Paul.“
„Oh, hi, Paul. Schön, dass du anrufst. Geht’s dir gut?“
„Ja, du, hör mal, ich müsste was mit dir bereden. Der Tod meiner Kollegen geht mir unheimlich nahe und brauch einfach jemand zum quatschen. Hast du Zeit?“
„Klar, ich muss erst morgen Nachmittag wieder zum Dienst. Wenn du ein, zwei Bierchen vernichten willst, hab ich auch nichts dagegen einzuwenden.“
„Nene du, mein Kopf schlägt auch so noch Kapriolen. Treffen wir uns in zwei Stunden vor der Dienststelle?“
„Ja, klar, gern.
Paul stellte das Geschirr in die Spülmaschine und schaltete das Gerät an. Wasser wurde in die Maschine gepumpt und der Spülvorgang startete. Zeit, sich auf den Weg zu machen, beschloss Paul. Er zog sich wieder an und verließ seine Wohnung. Weil er genügend Zeit hatte, legte Paul einen Großteil des Weges zu Fuß zurück. Wenn er verfolgt würde, würde es ihm so am ehesten auffallen. Nach jeder Ecke, um die er bog, machte er eine kurze Pause und beobachtete die an ihm vorbeiziehenden Passanten, schaute ihnen in die Augen und versuchte sich ihre Gesichter einzuprägen.
Als er an der Dienststelle ankam, war er sich sicher, dass ihm niemand gefolgt war. Warum auch, er hatte „ihnen“ ja am Telefon ohnehin verraten, wohin er gehen würde. Von weitem sah er Horst und winkte ihm zu. Horst winkte zurück, kam Paul entgegen und reichte ihm zur Begrüßung die Hand.
„Hey, ich hätte nicht gedacht, dass du heute schon wieder rausgehst.“
„Hi, ja, das hätt ich auch nicht gedacht.“
Paul grinste etwas unbeholfen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen