Freitag, 4. Februar 2011

Kapitel 35

Kapitel 35
„Also nochmal, du hattest ein Knacken in der Leitung?“
„Ja.“
„Und deshalb glaubst du, dass du abgehört wurdest?“
„Ja.“
„Du bist paranoid!“
„Schmarrn. Ich hatte noch nie ein ‚Knacken‘ in der Leitung, aber ich kenn die Abhörtechnik und ich schwör dir, dass meine Leitung angezapft wird.“
„Warum sollte jemand deine Gespräche abhören?“
„Was weiß ich. Vielleicht werden deine Gespräche ja auch schon abgehört und ich werde abgehört, weil du so ein alter Aufrührer bist.“
„Hey, ich sag nur meine Meinung.“
„Das tun sie alle.“
Paul nippte an seinem Wasser und sah Horst dabei zu, wie er einen Bissen seines Essens genüsslich kaute. Seit der Rationierung kämpften auch die Lokale damit, dass überwiegend Konservenprodukte hergestellt wurden und kaum jemand Lebensmittelkarten für frisches Gemüse erhielt. Mit ein paar Tricksereien und Tauschereien konnte man zwar auch das umgehen, aber billig war das nicht. Horst interessierte all das nicht. Polizisten wurden neben Frischfleisch- auch Frischgemüse und –obst-Marken zugestanden. Ein Luxus, der immer öfter Neid und Missgunst hervorrief.
Gerade als Paul erneut ansetzen wollte, wurden beide von ihren Handys aus der Lethargie des Moments gerissen. Paul hatte als erster sein Mobiltelefon in der Hand und las die SMS.
„Scheiße, ein Notfall. Wir müssen sofort ins Revier.“
„Ach, scheiße, ich ess noch fertig. Wir sind hier eh nur zehn Minuten vom Revier, da kommt’s auf die fünf Minuten auch  nicht mehr an.“
Horst verschlang den Rest seines Menüs und zusammen verließen sie die Gaststätte Richtung Dienststelle. Da keine weiteren Informationen in der SMS standen, drehte sich das Gespräch auf dem Weg weiter darum, ob und von wem Paul abgehört wurde und ob Horst auch abgehört werden könnte. Letzten Endes blieb alles Spekulation, aber Horst versprach, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein und nicht mehr jedem ungefragt seine Meinung auf’s Auge zu drücken.
In der Dienststelle angekommen, warteten bereits einige Kollegen im Besprechungsraum. Paul und Horst begrüßten die Anwesenden und führten Smalltalk, in der Hoffnung so an Informationen über den Notfall zu kommen. Leider waren die Kollegen aber genauso wenig informiert und es blieb beim belanglosen Smalltalk, der sich meist um den Gesundheitszustand von Paul und den, der anderen beim Einsatz verletzten Kollegen, drehte.
Nach zehn Minuten schien die Truppe vollständig und der Dienststellenleiter betrat den Raum.
„Guten Tag meine Herren, Damen sind heute keine anwesend. Wir haben soeben die Nachricht erhalten, dass eine Organisation namens Pro-Life  ein provisorisches Pflegezentrum in der Nähe von Stuttgart gestürmt hat. Dort lagern seit einigen Wochen Dutzende Container mit einer brisanten Fracht. Scheinbar hat sich die Organisation in den letzten Wochen von uns unbemerkt radikalisiert und militärisch organisiert. Es wird davon berichtet, dass bei der Erstürmung mehrere Wachbeamte erschossen wurden. Weiter wurde angekündigt, die widerrechtlich festgehaltenen Lebewesen zu befreien und die Aktion mit Kameras zu begleiten.“
„Wo haben die denn Waffen her?“
„Das wissen wir nicht und es wird auch nicht unsere Aufgabe sein, das herauszufinden.“
„Was ist dann unsere Aufgabe?“
„Dazu werde ich kommen, wenn Sie mich ausreden lassen. Danke. Der Überfall geschah sehr schnell und war gut organisiert. Zu schnell. Aufgrund der eher geringen Sicherheitsstufe bei den ehemaligen provisorischen Pflegezentren, wurde kein Alarm ausgelöst.“
„Warum werden in den Zentren noch immer diese Dinger aufbewahrt? Ich dachte, die sollten verbrannt werden?“
„Das ist richtig. Nur ist dafür entsprechende Infrastruktur nötig. In Stuttgart wurden die Container in den Patch Barracks gelagert, einer amerikanischen Kaserne, die nach dem Ausbruch aufgegeben wurde, als die USA alle ihre Streitkräfte ins Inland zurück beorderte. Der Stützpunkt wurde von der Bundeswehr aufgenommen und für Spezialeinsätze deklariert. Wie auch immer: es ist davon auszugehen, dass die Eindringlinge die Container bereits geöffnet haben und sich im Südwesten Stuttgarts 1500 – 2000 Zombies auf freiem Fuss befinden.“
„Wie konnten die die Dinger befreien, ohne aufgefressen zu werden?“
„Auf dem uns vorliegenden Bekennervideo tragen die Angreifer dicke Schutzkleidung. Ob sie die Schutzkleidung wegen des zu erwartenden Feuergefechts oder den Zombies trugen, ist uns  nicht bekannt. So oder so dürfte es ihnen Gelegenheit geben, zu viele von diesen Dreckskerlen freizulassen, bevor sie selber niedergerungen werden. Wir müssen auf jeden Fall vom schlimmsten ausgehen. Einheiten der Bundeswehr sind bereits auf dem Weg, um die Hauptformation anzugreifen. Wir unterstützen organisatorisch mit Personenkontrollen, Straßensperren und Schnelltests. Wir müssen ein Übergreifen der Infektion auf eine deutsche Großstadt um jeden Preis verhindern. Volle Kampfausrüstung, die Busse stehen schon bereit, Abfahrt in zehn Minuten. LOS!“
Die Polizisten schwärmten aus, legten ihre Uniform an und prüften ihre Ausrüstung, bevor sie sie an sich nahmen. Für Paul und Horst hatten sich die Prioritäten für den Moment verschoben. Jetzt ging es darum, Leben zu retten.

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