Samstag, 5. Februar 2011

Kapitel 36

Kapitel 36

Auf der Fahrt nach Stuttgart wurden ständig die Informationen aktualisiert. Der Einbruch muss zwischen 11 und 13 Uhr stattgefunden haben, also vor ca. sieben bis acht Stunden. Die Container standen auf dem ehemaligen Sportplatz der Anlage, die Anlage selbst ist westlich und nördlich von Wäldern umgeben und nordöstlich liegt die Stuttgarter Universität mit über 20.000 Studenten und knapp 2600 Mitarbeitern. Ein Beamter warf „Studentenfutter“ ein und brachte damit den Bus zum lachen. Ein Anzeichen der Anspannung, dass die meisten Beamten über diesen geschmacklosen Witz lachen konnten.

Nicht lachen konnten sie über die Tatsache, dass bereits aus ganz Vaihingen Sichtungen und Übergriffe gemeldet wurden. In der Kürze der Zeit war es auch nicht gelungen, die Universität zu evakuieren, es ist nicht bekannt, wie viele Studenten und Mitarbeiter momentan noch vor Ort sind. Die Universität wurde angewiesen, die Türen zu verschließen, Studenten vorerst nicht zu entlassen. Die Bundeswehr würde Anstrengungen unternehmen, das Gebiet weiträumig einzukesseln.

Pauls Team wurde dazu abkommandiert, die A8 kurz nach dem Flughafen abzuriegeln, den Verkehr nach Süden umzuleiten, oder zurückzuschicken, und gleichzeitig Fahrzeuge zu kontrollieren, die aus der Krisenregion kommend abreisen wollen. Aufgrund der einbrechenden Dunkelheit und des unübersichtlichen Geländes war eine sofort eingeleitete Luftüberwachung nutzlos. Über Fernsehen und Rundfunk wurde der Aufruf verbreitet, im Großraum Stuttgart die Wohnungen nicht zu verlassen, nicht auf Menschen zuzugehen und die Türen zu verriegeln.

Am Einsatzort angekommen, wurde bereits Material ausgeladen und begonnen, die Straßensperre aufzubauen. Paul sah zahlreiche Hubschrauber am Himmel kreisen. Die Lichtstreifen ihrer Scheinwerfer irrten verzweifelt umher, um den Beobachtern in den Flugmaschinen einen Eindruck zu verschaffen, was am Boden vor sich ging. Paul aktivierte sein Funkgerät. Abgehackte Funksprüche sprachen von mehreren Kontakten, von Kämpfen am Boden, davon, dass dort unten die Kacke ordentlich am Dampfen war.

Die Aufbauten waren inzwischen fast komplett abgeschlossen. Wegen der Rationierung waren ohnehin kaum Autos unterwegs, der Job würde schon nicht so wild werden. Die wenigen ankommenden Wagen konnten meist problemlos umgeleitet werden, von der anderen Seite kam gar nichts an, die Kollegen weiter westlich leisteten bereits ganze Arbeit. Die Beamten teilten sich in drei Schichten auf. Pauls Schicht würde in zwei Stunden beginnen, genügend Zeit, um sich im Bus noch etwas auszuruhen.

Gerade, als Paul die Augen schloss, hörte er die Schüsse. Laut bellten sie durch die Nacht und zerrissen die angespannte Stille. Kurz darauf erhellte Schlachtfeldbeleuchtung die Nacht. Leuchtpatronen wurden in den Himmel geschossen, sanken langsam zu Boden und ließen die Nacht in einem unwirklichen Rot erscheinen. Als Paul aus dem Fenster sah, konnte er in einiger Entfernung die Spuren von Leuchtspurmunition sehen, die quer über ein Feld flogen.

Langsam nahm die Schußfrequenz zu. Immer häufiger war Mündungsfeuer zu erkennen und Paul meinte auch die Silhouetten von Panzern zu erkennen. Der Einsatzleiter betrat den Bus und weckte die Männer.

„Aufstehen, los, los, alle raus, es geht los. Die Dinger haben bereits den äußeren Absperrring erreicht. Wie ihr sicher bereits bemerkt habt, befindet sich die Bundeswehr im Kampf mit den Zs und ich habe keinen Bock, dass wir hier unvorbereitet überrascht werden.“

Paul legte seine Ausrüstung an und ging nach draußen. Die kalte Nachtluft schnitt über sein Gesicht und ließ ihn die Augen zusammenkneifen. Hier draußen war der Gefechtslärm wesentlich intensiver und inzwischen zu einem durchgängigen Rattern angeschwollen. Auf der anderen Straßenseite erkannte Paul Horst und schritt auf ihn zu. Aus Horsts Funkgerät konnte Paul Schreie vernehmen. Schreie, die Befehle erteilten, Schreie, die um Befehle baten und Schreie, die jäh verstummten. Als er näher kam, erkannte ihn Horst und winkte ihm zu.

Am Horizont zeichneten sich Lichter ab. Mehrere Autos kamen aus westlicher Richtung auf die Straßensperre zu, aus Richtung Vaihingen. Als die Wagen näher kamen, zählte Paul insgesamt fünf Fahrzeuge. Der Konvoi näherte sich mit unverminderter Geschwindigkeit der Straßensperre. Die elektronischen Warnschilder waren beleuchtet und auch von weitem erkennbar. Trotzdem schienen die Fahrer keinerlei Anstalten zu unternehmen, ihre Fahrzeuge zu verlangsamen.

Die Beamten wichen zurück und legten ihre Maschinenpistolen an. Im gleichen Moment wurde der Konvoi langsamer und bremste langsam ab. Der erste Wagen war ein Kombi, an den hinteren Scheiben hingen Sonnenschutzblenden mit Motiven aus Disneys Winnieh Puh. Puh der Bär war darauf zu sehen, der mit seiner Tatze aus einem Honigtopf aß und dahinter Rabbitt, der mit Tigger zu schimpfen schien. Hinter der Scheibe sah Paul eine Bewegung. Am Steuer saß eine Frau, vielleicht Mitte 30. Die Haare hingen ungepflegt an ihr herab.

Ein Beamter trat an die Scheibe heran und bedeutete der Frau, die Scheibe zu öffnen. Langsam und zögerlich leistete die Frau der Aufforderung Folge und sah ängstlich auf das sie umgebende Polizeiaufgebot.

„Machen sie bitte den Motor aus. Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“

Der Beamte versuchte mit einem alltäglichen Vorgang die Situation in gewohnte Bahnen zu lenken. Die Frau sah weiter ängstlich auf die Beamten, als sie ihre Tasche auf den Schoss nahm und mit zitternden Händen begann, darin herumzuwühlen. Währenddessen war ein weiterer Kollege ans Auto herangetreten und leuchtete mit seiner Taschenlampe ins Innere des Wagens. Er trat zu seinem Kollegen und tauschte sich kurz mit ihm aus. Als die Frau ihm die Papiere reichte, blättere er sie kurz durch.

„Woher kommen sie, Frau… Wagner?“

„Aus… aus… Vaihingen. Ich… wir… mein Mann und mein Sohn… ich…“

„Schon gut. Wer sitzt hinten im Fahrzeug?“

„Das… das ist mein… mein Mann und mein Sohn.“

„Könnten sie bitte alle aussteigen?“

„Ja… nein… hören sie, meinem Mann und meinem Sohn geht es nicht so gut und…“

„Bitte aussteigen!“

Der Ton des Beamten wurde bestimmter und die Frau griff nach dem Türgriff, um die Tür zu öffnen. Als die Tür aufschwang, erkannten die Beamten dunkle Flecken auf dem Shirt unter der Jacke. Langsam wichen die Beamten zurück und Paul umklammerte fest den Griff seiner Maschinenpistole. Die Frau stieg langsam aus dem Fahrzeug. Während sie ausstieg wanderte ihr Blick zwischen den Beamten und zog sich ihre Jacke wieder zu.

„Ist das Blut auf ihrer Kleidung?“

„Nein… ja… nicht meines.“

„Von wem stammt dieses Blut?“

„Von… meinem Mann… Sohn…“

Sie schluchzte, brach in Tränen aus und klappte zusammen. Man konnte ihr förmlich dabei zusehen, wie die Füße langsam nachgaben und ihr Oberkörper nach unten sackte. Einer der beiden Beamten am Auto griff ihr unter die Arme und bewahrte sie davor, mit dem Kopf auf dem Boden aufzuschlagen. Eine herbeieilende Beamtin stützte die Frau und ging mit ihr zu einem der Dienstfahrzeuge. Die Frau ließ sich widerstandslos abführen. Schluchzend setzte sie sich in das Fahrzeug und die Beamtin schloss hinter sich die Türe.

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