Sonntag, 6. Februar 2011

Kapitel 37

Kapitel 37

Nachdem die Frau im Einsatzwagen verstaut war, öffneten die Beamten die hinteren Türen des Wagens. Dort saßen der Ehemann und der Sohn der Frau. Beide waren über und über voll Blut und teils notdürftig mit Lappen und Verbänden bedeckt, um die Blutungen zu stillen. Der Mann hatte einen dicken Verband um Schulter, Kopf und Oberarm, das Kind war am Hals und auch am Kopf verbunden und saß auf einem Kindersitz. Als die Türen aufgingen, stöhnte der Mann leise auf und versuchte die Augen zu öffnen, das Kind lag nur reglos in seinem Kindersitz.

Die Beamten gingen langsam auf die beiden zu und versuchten sie anzusprechen. Statt einer Antwort entfuhr dem Mann erneut ein Stöhnen, das Kind blieb weiter stumm. Angespannt näherten sich die Beamten weiter den beiden Insassen. Das Stöhnen des Mannes wich einem Röcheln und Husten. Beim husten spuckte der Mann Blut, der wie feiner Sprühregen über seine Lippen kam. Der Beamte zog ein Taschentuch aus seiner Tasche und hielt es vor sich wie einen schützenden Schild, sprach den Mann an, bat ihm an, das Taschentuch zu nehmen.

Der andere Beamte hatte das Kind erreicht. Mit leichten Stößen rüttelte er an dem schlaff im Sitz hängenden Körper. Plötzlich öffnete das Kind die Augen und gerade, als der Beamte erleichtert aufatmen wollte, griff es nach dem Arm und biss in die Hand. Erschrocken riss der Beamte seinen Arm zurück. Die Hand unter seinem Handschuh schmerzte. Er zog die Hand an sich. Währenddessen versuchte der Sohn, oder das, was einmal der Sohn war, sich aus dem Kindersitz zu erheben.

Die wie von einem grauen Schleier überzogenen Augen starrten auf den Polizisten, die Arme schossen in seine Richtung und nur der Gurt hielt den kleinen zierlichen Körper zurück. Der Beamte wich einen Schritt zurück und legte seine Waffe an. Der Kehle des Jungen entwich ein Ton, der entfernt an das Knurren eines Tiers erinnerte. Sein Mund öffnete und schloss sich dabei lautlos, die zurückgezogenen Lippen ließen das Gesicht dabei wie eine schreckliche Grimasse erscheinen.

Plötzlich schien der Kopf auf der Rückseite zu explodieren. Blut, Hautfetzen und Gehirnmasse spritzten von innen gegen die Rückscheibe und der Körper sackte leblos nach vorne. Paul hielt die Maschinenpistole fest in seiner Hand. Über Kimme und Korn betrachtete er das Ergebnis seines Schusses, sah vor sich den leblosen Körper des kleinen Kinds. Ein Schrei riss ihn und die anderen Beamten aus ihrer Starre. Die Mutter des Kindes hatte vom Wagen aus verfolgen müssen, wie Paul ihren Jungen ein zweites Mal tötete.

Darum würde sich jetzt die Kollegin kümmern müssen. Paul trat zu seinem Kollegen, der sich gerade den Handschuh auszog. Die Haut darunter war leicht angeschwollen, aber unverletzt. Der Biss hatte das harte Leder des Handschuhs nicht durchdringen können. Paul nickte dem Kollegen zu, der sich wie neu geboren fühlen musste. Ungläubig betrachtete er seine Hand. Noch während er dies tat, scherte ein Fahrzeug aus dem Konvoi aus, beschleunigte, und raste auf die Straßensperre zu.

Der Beamte hatte keine Chance. Als er von dem Fahrzeug erfasst wurde, krachte er auf die Windschutzscheibe, wurde hochgeschleudert und landete unsanft auf seinem Kopf. Hätte der aufheulende Motor nicht alle Geräusche übertönt, hätten die anwesenden Kollegen das Geräusch der brechenden Wirbelsäule deutlich vernehmen können.

Schüsse ließen das Heckfenster des fliehenden Fahrzeugs zersplittern, durchlöcherten das Blech des Wagens und einen Reifen explodieren. Der Fahrer verlor die Kontrolle über den Wagen und rammte die Mittelleitplanke der Autobahn. Der Wagen wurde abgestoßen und schleuderte auf die rechte Fahrbahnseite. Durch die Drehung und den kaputten Reifen blockierten die Räder und der Wagen überschlug sich. Auf dem Dach rutschte er noch in die rechte Leitplanke, um schließlich auf dem Dach liegend zur Ruhe zu kommen.

Paul sah Horst mit einem Kollegen zum Wagen rennen. Der Einsatzleiter bedeutete den herumstehenden Beamten, schnellstmöglich die restlichen drei Fahrzeuge zu kontrollieren und das hier zu einem Ende zu bringen. Die Einsatzzentrale war nicht zu erreichen. Der Funkverkehr ließ längst alle Disziplin vermissen. Schreie und Befehle, die keiner mehr befolgen würde, wurden über die Frequenzen gejagt. Hilferufe und Bitten nach Unterstützung. Paul hatte sein Funkgerät noch ausgeschaltet, sah aber den verzweifelten Gesichtsausdruck seines Vorgesetzten. Sie waren auf sich alleine gestellt.

Horst konnte den Fahrer des Fahrzeugs bergen, der wie durch ein Wunder keine schweren Verletzungen erlitten hatte, aber unter Schock stand. Er musste wohl durchgedreht sein, als er sah, wie Paul das vermeintliche Kind erschoss. Sie brachten den Mann in den Bus und setzten ihn auf einen Platz. Ein Beamter setzte sich neben ihn und redete auf ihn ein. Der Mann blieb stumm, nickte von Zeit zu Zeit, gab aber keinen Ton von sich.

Paul ging zusammen mit einem Kollegen zu den drei wartenden Autos. Die ersten beiden Autos wurden bereits von Beamten kontrolliert, das letzte Fahrzeug in der Reihe war noch frei. Die Kontrollen verliefen negativ, der Schnelltest ergab keine weiteren Infektionen und eine schnelle Sichtung zeigte ebenfalls keinerlei verdächtige Verletzungen. Paul hörte in einem der anderen Autos ein Kind weinen und er dankte Gott, dass es dazu noch in der Lage war. Als die Autos abfuhren, war es Zeit, sich um den einstigen Familienvater zu kündigen.

Paul sah Horst am Wagen stehen und seine ratlosen Blicke.

„Wo ist er denn?“

„Keine Ahnung.“

„Wie ‚keine Ahnung‘? Der saß doch hier drin. Wo kann er denn sein?“

„Sag ich doch: Keine Ahnung! Mensch Paul, ich komm hierher, will schaun, ob er zurückgekommen ist und finde das Auto leer vor. Bis auf die Leiche von dem Kleinen da. Scheiße.“

Gerade als Paul etwas sagen will, durchbricht erneut ein Schrei die Nacht. Paul und Horst blicken in die Richtung des Schreis und sehen den Einsatzwagen, in den die Kollegin die Frau gebracht hatte. Die Tür des Wagens steht offen und der untote Mann zieht die Frau aus dem Wagen. Noch bevor ein Beamter einschreiten kann, bohren sich seine Zähne in ihren Hals und beißen zu. Als er den Kopf zurückzieht, dehnt sich die Haut, bis sie schließlich reißt, sowie die darunter liegende Halsschlagader. Blut spritzt aus dem Hals der Frau , wie aus einem Gefäß unter großem Druck, auf den Zombie, auf den Einsatzwagen und auf die Kollegin darin. Im gleichen Moment verstummt ihr schreien.

Paul sieht die mahlenden Kiefer des Zombies, wie sie das Stück Fleisch langsam zerkauen und der Kreatur Nahrung einflössen. Ein Schuss beendet das grausige Schauspiel. Als der Zombie fällt, sieht Paul die Beamtin im Wagen sitzen, die Pistole im Anschlag und mit Blut besudelt. Nicht ihrem Blut, denkt Paul, zum Glück. Horst ist bereits auf dem Weg zum Einsatzwagen, beendet das untote Leben der Frau, noch bevor es beginnen konnte und spricht mit der Kollegin.

Eine unheimliche Stille legt sich über die Autobahn. Paul fällt plötzlich auf, dass kaum noch Schüsse zu hören sind. Auch das Funkgerät des Einsatzleiters scheint wieder disziplinierter. Paul sieht seinen Vorgesetzten am Funkgerät sprechen. Dabei scheint sich sein Gemütszustand fortlaufend zu verschlechtern. Als er das Gespräch beendet ruft er das Einsatzteam zu einem schnellen Gespräch zusammen.

„Schlechte Nachrichten. Der Absperrring konnte nicht gehalten werden, der erste Verteidigungsring wurde komplett aufgerieben. Die gepanzerten Fahrzeuge befinden sich auf dem Rückzug. Wir haben den Befehl erhalten, hier um jeden Preis die Stellung zu halten, um einen geordneten Rückzug und eine Neuaufstellung gewährleisten zu können. Im Norden stehen die Zs bereits in Stuttgart. Das hier wird bitter.“

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