Mittwoch, 9. Februar 2011

Kapitel 40

Kapitel 40
Zuerst waren es nur vereinzelte Streuner, Männer, Frauen  und Kinder. Sie kamen über die Böschung, stolperten den Hügel herab und schleppten sich auf die Straße. Die meisten wirkten noch relativ frisch und nur die teilweise heftigen Verstümmelungen zeugten davon, dass sie eines unerwarteten und grausamen Todes starben. Unter den Toten waren auch Soldaten, die wahrscheinlich an noch kurz zuvor tobenden Schlacht teilgenommen hatten.
Die Polizisten hatten keine Probleme damit, die vereinzelt auftretenden Streuner auszuschalten, doch mit jedem Schuss wurden es mehr. Zuerst fiel es den Beamten gar nicht so auf, erst mit steigender Frequenz und der Notwendigkeit, die Ziele schneller zu erfassen, stieg auch die Gewissheit, dass sich die Situation noch zuspitzen könnte. Der Einsatzleiter ließ die Wagen abfahrbereit machen und teilte die Männer in zwei Gruppen. Eine Gruppe ruhte sich aus, während die andere weiter Zombies ausschaltete.
Als sich auch von hinten die ersten Gegner näherten, musste davon Abstand genommen werden, um eine lückenlose Verteidigung zu gewährleisten. Bereits nach kurzer Zeit nahm die Treffergenauigkeit ab. Vereinzelt wurde dazu übergegangen, die heran wankenden Gegner mit Feuerstößen zu bekämpfen, statt saubere Treffer mit Einzelschuss zu landen. Der Einsatzleiter war bemüht, die Gefechtsdisziplin wieder herzustellen.
Schwierig erwies sich der Umgang mit Gegnern, die zuvor an den Kämpfen teilgenommen hatten. Die Helme erschwerten Kopftreffer, machten sie im richtigen Winkel aber zum Glück nicht unmöglich. Zusammen mit der nachlassenden Kampfdisziplin, stieg die von diesen Gegnern ausgehende Gefahr aber immens an. Pauls Hände schwitzten, als er ein neues Magazin aus der Munitionskiste in seine MP5 einsetzte. Außerdem schmerzte sein Kopf.
Paul hätte gern eine Schmerztablette eingeworfen, hätte er dafür Zeit gefunden. Die vordere Kampflinie war bereits auf unter 50 Meter gefallen. Inzwischen strömten neue Untote schneller nach, wie sie die Beamten erledigen konnten. Ihre Ausrüstung und ihre Anzahl war nicht auf einen solchen Kampf vorbereitet. Die Gefahr wuchs noch weiter, als auch von der anderen Seite der Autobahn die ersten Untoten über die Böschung kamen.
Der Einsatzleiter sah keine andere Möglichkeit, als sich zurückzuziehen. Der Funkverkehr war schon länger tot, trotzdem versuchte er den Hauptgefechtsstand zu erreichen. Nach kurzer Zeit wurde sein Funkspruch erwidert, im Hintergrund tobte Gefechtslärm.
„Hallo? Scheiße, wer spricht da? Over.“
„Straßensperre A8-1! Wir sind in heftige Gefechte verwickelt, können die Stellung nicht mehr lange halten. Wir müssen uns zurückziehen! Over.“
„Was macht ihr denn noch da? Verdammte Scheiße, schwingt eure Ärsche da raus und hofft, dass ihr da glimpflich rauskommt. In einer Stunde wird hier alles platt gemacht. Over.“
„Verstanden. Wir ziehen uns zurück. Over.“
„Jaja… und… verdammte Scheiße, wo kommt der her…“
Ein Schuss beendete die Unterhaltung.
„Alle in die Fahrzeuge, wir ziehen uns zurück!“
Die Anordnung des Einsatzleiters wirkte erlösend auf die Männer. Die Kampflinie hatte sich bereits auf unter 30 Meter reduziert, die Männer waren müde und die Munition wurde knapp. Langsam und weiterfeuernd gingen die Beamten zu ihren Einsatzfahrzeugen. Paul beschleunigte seinen Schritt und ging zum Bus. Vor dem Eingang bildeten die Beamten eine Traube, bis die Tür geöffnet wurde. Danach ging alles ganz schnell. Diszipliniert und zügig enterten die Beamten den Bus, die Tür schloss sich hinter dem letzten.
Auch die anderen Fahrzeuge waren bemannt. Gerade schnell genug. Die Distanz war überwunden und die Stellung überrannt. Hände hämmerten an den Bus und an die anderen Einsatzfahrzeuge, als der Fahrer den Motor startete und begann, sich einen Weg durch die Massen zu bahnen. Der Fahrer lenkte den Bus auf die abmontierte Mittelleitplanke und damit auf die weniger überrannte Gegenfahrbahn. Die anderen Einsatzfahrzeuge folgten, bis plötzlich die Reifen durchdrehten.
Die Untoten bildeten eine Wand, die der Bus nicht durchbrechen konnte. Die Räder fanden keinen Halt mehr und drehten sich unter Eingeweiden und Innereien, die den Boden versauten. Die Schläge der Untoten hallten im Bus wider. Aus dem anfänglichen Klopfen wurde ein Tosen, verursacht durch hunderte von Händen, die an die Wände des Busses prallten. Endlich schienen die Räder wieder zu greifen. Der Bus tat einen Sprung nach vorn und war auf der Gegenfahrbahn.
Langsam beschleunigte der Fahrer das Fahrzeug und entfernte sich von der Straßensperre. Die anderen Fahrzeuge folgten nicht und der Fahrer stoppte das Fahrzeug in zweihundert Meter Entfernung. Paul sah angestrengt aus dem Fenster, konnte aber nicht viel erkennen. Der Mond spendete wenig Licht und das Licht der Fahrzeuge wurde von der Masse der Körper verschluckt. Ein Blaulicht spendete etwas Helligkeit, ließ die Angreifer noch unheimlicher erscheinen und Schatten durch die Nacht tanzen.
Dann sah Paul etwas, dass er nicht sehen wollte. Irgendwie hatten es die Dinger in eins der Fahrzeuge geschafft, allein durch ihre Masse die Windschutzscheiben eingedrückt oder eingeschlagen und zogen die zwei darin sitzenden Beamten aus dem Fahrzeug. Ihre Schreie hallten durch die Nacht, verstummten aber schon bald wieder. Gerade als die Beamten im Bus die Hoffnung aufgeben wollten, heulte ein Motor auf und ein Einsatzfahrzeug brach durch die Mauer der Untoten. Das Fahrzeug schloss schnell zum Bus auf und verharrte wartend daneben.
Als die Untoten die Fahrzeuge erreicht hatten und begannen, sie zu umringen, setzten sich die Fahrzeuge in Bewegung. Paul starrte aus dem Fenster, konnte aber keine weiteren Fahrzeuge erkennen. Nach zehn Minuten Fahrt hatten sie das Grauen hinter sich gelassen. Der Einsatzleiter war in einem der liegengebliebenen Fahrzeuge, der Funk war tot. Um sich mit den Kollegen zu beratschlagen, hielt der Bus an und die Beamten stiegen aus. Paul erkannte unter den Insassen des anderen Wagens Horst und war erleichtert.
Noch uneinig, wie das weitere Vorgehen aussehen könnte, donnerten über ihre Köpfe Flugzeuge hinweg, gefolgt von einem Blitz und kurz darauf einem riesigen Knall. Die Beamten starrten nach Westen und sahen dort den eben noch bewachten Autobahnabschnitt in einer riesigen Feuersbrunst verglühen. Schnell war der Entschluss getroffen, nach München zurückzukehren und dort in sicherer Entfernung auf weitere Befehle zu warten.

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