Donnerstag, 17. Februar 2011

Kapitel 48

Kapitel 48
Mir ist kalt. Ich liege unter meiner Decke und zittere. Der Schweiß steht mir auf der Stirn und die Heizung sorgt für warme Luft im Zimmer, aber mir ist kalt. Meiner Frau und meinem Sohn geht es nicht besser. Die letzte Messung hat 40 Grad Fieber ergeben. Kopf- und Gliederschmerzen kommen noch erschwerend hinzu und als ob das nicht reichen würde, belastet ein hartnäckiger Husten die Lunge und bereitet Schmerzen bei jedem Huster.
Meine Chefin zeigt Verständnis und ein Anruf beim Arzt überrascht mich ob der Tatsache, dass der Arzt tatsächlich sein Kommen angekündigt hat. Hausbesuche kenn ich eigentlich nur noch aus meiner Kindheit. Die letzten paar mal durfte ich mich halbtot zum Arzt schleppen und im Wartezimmer meine Bazillen an die anderen Wartenden verteilen und dabei noch ein paar fremde inhalieren.
Im Hintergrund läuft der Fernseher. Seit dem Unglück in Stuttgart laufen täglich Berichte und Analysen, Experten erklären uns was vorgefallen ist und die Bundesregierung erklärt, wie sie solche Vorfälle in Zukunft vermeiden wollen. Sie erzählen uns von neuen Erkenntnissen, von lebenden Toten, von Symptomen, von Quarantäne und von verschärfter Ausgangssperre. Sie erzählen davon, wie sie unsere Grenzen sichern wollen und wie gut es uns geht.
Ich versuche zu schlafen. Meine Augen schmerzen und ich drücke die Augenlider herunter. Im Kopf höre ich weiter den Sprecher. Seine Worte bilden in meinem Kopf Bilder und ich sehe meine tote Großmutter. Ich sehe meine tote Großmutter, wie sie mit meinem toten Großvater Kaffee trinkt. Dabei hängt ihr ein Stück Fleisch aus dem Mund. Mein Großvater reicht ihr ein Taschentuch. Als sie das Taschentuch an den legt, erkenne ich, dass aus dem Taschentuch Haare wachsen.
Als das Taschentuch am Mund angekommen ist, hat es sich von einem Tuch in ein Stück Kopfhaut verwandelt. Meine Oma wischt sich damit über den Mund und stopft es sich dann in den Rachen. Währenddessen nimmt sich mein Opa einen Schluck aus dem Glas. Zäh fließt die dunkelrote Flüssigkeit heraus in seinen Mund, zwischendrin zwinkert mir ein Auge zu, bevor es im Mund meines Großvaters verschwindet. Nach einem Biss fließt weiße Flüssigkeit aus dem Mund meines Opas, bevor er sie mit seiner abgestorbenen, grauen Zunge aufleckt.
Auf dem Tisch sehe ich jetzt meinen Sohn liegen. Seine Füße und Hände sind mit Draht gefesselt und er ist auf dem Tisch angerichtet wie ein Spanferkel. Ein  Apfel steckt zwischen seinen Zähnen und seine Augen gleiten panisch zwischen den beiden Gestalten hin und her. Ich will schreien, aber aus meinem Mund kommt kein Laut. Ich will laufen, aber meine Füße gehorchen mir nicht. Ich sitze daneben, wie ein stummer und gelähmter Zuschauer, kann meinem Sohn nicht helfen.
Meine Großmutter beugt sich langsam über meinen Sohn und entblößt dabei ihr Gebiss. Die Zähne sind gelb und abgewetzt, aus ihrem Mund kriechen Maden und fallen auf den Kopf meines Sohns. Die Augen meines Sohns weiten sich und er versucht zu schreien. Ich kann meine Starre lösen, laufe zum Tisch und will meine Großeltern davon abhalten, meinen Sohn zu fressen. Je schneller ich laufe, desto weiter ist der Tisch entfernt. Ich schiebe den Tisch vor mir her, versuche umzukehren und sehe hinter mir einen Spiegel. Ich erstarre. Ich sehe mein Spiegelbild und erkenne, dass ich tot bin. Ich drehe mich um und sehe meinen Sohn. Er hat Angst vor mir. Langsam nähere ich mich dem Tisch.
Ich höre ein Läuten. Der Traum verblasst. Ich schaue auf und sehe den Fernseher. Es läuft ein Bericht darüber, wie man sich den infizierten Menschen gegenüber verhält. Mein Sohn und meine Frau schlafen. Es läutet wieder. Langsam schäle ich mich unter der Decke hervor. Ich bin komplett durchgeschwitzt. Mein T-Shirt hängt wie ein nasser Stofflappen an mir und lässt mich frösteln. Meine Zähne fangen an zu klappern und ich möchte unter die Decke zurückkriechen.
Trotzdem schleppe ich mich zur Tür und öffne diese. Vor der Tür stehen zwei Polizeibeamte und jemand, der wie ein Arzt aussieht. Der Arzt sieht mich an und nickt den Polizisten zu. Die beiden Beamten sind bewaffnet und tragen ihre Waffen sichtbar in ihren Händen. Der eine will wissen, wo sich meine Familie aufhält, und ob sonst noch jemand in der Wohnung ist. Ich verneine und will wissen, ob es verboten ist, Grippe zu haben.
Der Arzt geht dazwischen und bittet mich, ihn und die Beamten in die Wohnung zu lassen. Ich will nur wieder unter die Decke und komme seiner Bitte nach. Ein Beamter folgt mir, dahinter der Arzt und dahinter der zweite Beamte. Sie schließen die Tür und folgen mir ins Wohnzimmer. Dort ist inzwischen auch meine Frau erwacht und hat sich aufgerichtet. Mein Sohn schläft weiter und keucht hörbar. Die Polizisten senken ihre Waffen, sehen sich im Raum um und gehen langsam die Wohnung ab.
Der Arzt beginnt in der Zwischenzeit seinen Koffer zu öffnen und zieht drei Schnelltests heraus. Ich kenne die Schnelltests von meinen Bahnfahrten und der Arbeit. Ich reiche ihm meinen Arm und spüre einen Piekser. Danach  ist meine Frau dran und zum Schluss mein Sohn. Der Stich lässt ihn aufwachen und irritiert auf Arzt und Polizisten schauen. Er fragt mich, was die Polizei hier macht. Ob ich jetzt verhaftet werde, oder ob sie Mama mitnehmen wollen. Ich beruhige ihn und erkläre ihm, dass sie uns helfen wollen, gesund zu werden.
Nach einigen Sekunden blickt der Arzt zu den Beamten und deutet ihnen an, die Wohnung zu verlassen. Die Untersuchung ergibt, dass wir alle drei von einem grippalen Infekt niedergestreckt wurden. Er verschreibt uns fiebersenkende und Symptome behandelnde Medikamente und hinterlässt uns noch eine Probepackung, bevor er sich wieder verabschiedet. Nachdem die Wohnungstür zufällt, schlafe ich wieder ein und höre dabei noch den Nachrichtensprecher. Deutschland ist sicher. Ich träume wieder. Es ist ein schöner Traum.

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