Freitag, 18. Februar 2011

Kapitel 49

Kapitel 49
Am nächsten Tag geht es mir schon etwas besser. Dank der Probepackung ist das Fieber über Nacht zurückgegangen und ich gehe zur Apotheke, um mich mit Medikamenten einzudecken. Ich ziehe mich warm an und betrachte mich nochmal im Spiegel. Meine Augen sind eingefallen und mit dunklen Ringen verziert. Obwohl mir nicht warm ist, schwitze ich. Ich ziehe eine Mütze über und gehe raus.
Ein kalter Wind empfängt mich und lässt mich frösteln. Der Schweiß befeuchtet von innen langsam meine Kleidung. Bei jedem Windstoß zucke ich zusammen und wünsche mich zurück unter die warme Decke. Eine entgegenkommende Mutter mit Kind schaut mir entsetzt in die Augen und wechselt die Straßenseite. Ich bin viel zu erschöpft, mir darüber Gedanken zu machen und setze meinen Weg fort.
Ein älteres Ehepaar kommt mir entgegen und geht mir weiträumig aus dem Weg. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Mann, wie er drohend seinen Spazierstock in meine Richtung schwingt. Kurz überlege ich ihn nach seinen Problemen zu fragen, entscheide mich aber dafür, den Weg fortzusetzen. Je schneller ich bei der Apotheke bin, desto schneller bin ich auch wieder zuhause und kann mich wieder unter die Decke legen.
Bei der Apotheke angekommen, gleitet vor mir die Tür auf und eine Apothekerin kommt auf mich zu. Nach einem kurzen Blick verschwindet sie wieder und ich höre Leute reden. Ich versuche auf mich aufmerksam zu machen und huste leicht. Durch die Reizung der Lunge geht der leichte Husten in einen längeren Husten über, der mich am Ende mit einem schönen Auswurf belohnt. Beschämt ziehe ich ein Taschentuch aus der Tasche und spucke den Auswurf hinein.
 Ein Herr, vielleicht Anfang 40, kommt zu mir und spricht mich aus zwei, drei Metern Entfernung an, will wissen, ob er mir helfen könne. Ich bejahe und lege mein Rezept auf den Tresen. Als er das Rezept sieht, entspannt er sich, kommt näher und stellt laut redend fest, dass ich wohl schon beim Arzt gewesen sei. Ich erzähle ihm von meinem Hausbesuch und bemerke, dass er sich jetzt noch weiter entspannt. Für ein Medikament geht er nach hinten und ich höre ihn leise sprechen.
Ich höre Gesprächsfetzen. „…nur grippaler Infekt… anrufen… Entwarnung… keine…“ und sehe ihn wieder um die Ecke kommen, in der Hand das fehlende Medikament. Ich zahle, nehme das Tütchen mit den Medikamenten und verlasse die Apotheke wieder. Wieder bemerke ich Leute, die mich misstrauisch beäugen, sehe einen Autofahrer, der mir entsetzte Blicke zuwirft und bin froh, als ich wieder zuhause angekommen bin. Ich lasse die Wohnungstür hinter mir zufallen und bin erleichtert.
Ich nehme die Medikamente ein und lege mich wieder auf die Couch unter die Decke.  Meine Frau hat Erkältungs- und Bronchientee aufgekocht und ich nehme mir eine Tasse und süße das Getränk mit Honig. Im Fernsehen läuft wieder ein Bericht über die Infizierten, wie sie jetzt offiziell genannt werden. Was ich gestern nur durch einen Schleier wahrgenommen habe, wird mir heute deutlicher. Es werden gerade die Symptome erläutert und plötzlich werden mir die Reaktionen der Leute klar. Plötzlich verstehe ich auch, warum der Arzt in Begleitung von Polizisten war und warum der Apotheker so erleichtert war, als er das Rezept gesehen hat.
Im Fernsehen läuft gerade ein Bericht über Pro-Life, den Drahtziehern hinter dem Anschlag in Stuttgart. Einer der mutmaßlichen Anführer wurde festgenommen und momentan verhört. Dabei wurde der Polizei durch das Innenministerium erweiterte Rechte zum Schutze des Landes eingeräumt. Unser Innenminister wird dabei mit folgenden Worten zitiert:
„Es kann nicht mehr angehen, dass sich Terroristen hinter unserem Rechtsstaat verstecken können. Es darf nicht sein, dass Tausende sterben müssen, weil wir die Menschenrechte eines Terroristen achten müssen. Mit sofortiger Wirkung tritt ein Beschluss in Kraft, der unserer Exekutive in der Bekämpfung von terroristischen Umtrieben erweiterte Rechte bei der Vernehmung und der Strafverfolgung einräumt.“
Eine Entwicklung im Sinne der Stammtischwähler. Ich bin mir sicher, dass als nächstes die Todesstrafe wieder eingeführt wird. Oder vielleicht eine Un-Todesstrafe. Ich lache über meine Gedanken und das Lachen geht in ein trockenes Husten über. Meine Lungen schmerzen und ich verfluche diesen verdammten grippalen Infekt und die neue Bundesregierung. Ich nippe an meinem Tee, ziehe die Decke höher und verfolge weiter das laufende Programm.
Seit kurzem wurde die Auslandsberichterstattung teilweise wieder aufgenommen. Es wird über blutige Aufstände und Massaker im Oman , Jemen und den Vereinigten Arabischen Emiraten berichtet, über blutige Kämpfe der ägyptischen Armee am Suezkanal und darüber, dass Teile Südamerikas und Afrikas im Chaos versinken. Es werden Bilder aus Russland gezeigt, Bilder eines Russlands unter der Führung eines Rechtspopulisten.
Gezeigt werden Bilder eines arabischen Nachrichtensenders; schreiende Menschen, Hubschrauber, die in eine nicht identifizierbare Menschenmasse feuerten, Brände und Chaos. An die Nachrichtensendung schließt sich eine Diskussionsrunde an. Verschiedene Experten analysieren das Vorgehen der lebenden Toten und die eingeleiteten Maßnahmen der Bundesregierung. Der Tenor lautet einstimmig, dass wir alle sicher sind und das Chaos an den deutschen Grenzen endet. Ich schlafe wieder ein.

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