Samstag, 19. Februar 2011

Kapitel 50

Kapitel 50
Es herrscht eine komische Stimmung im Land. Eine Stimmung des gegenseitigen Misstrauens und der Angst. Obwohl es mir schon wieder besser geht, bemerke ich immer noch misstrauische Blicke in meinem Rücken, wenn ich huste. Oder vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil selbst mir Personen suspekt sind, die Anzeichen einer Krankheit zeigen. Wer Einkäufe zu erledigen hat, erledigt sie schnell. Seit der Rationierung ist die Auswahl ohnehin eingeschränkt.
Ich hole mir Brot, Butter, Gemüse und eine Dose Fleisch. Das Dosenfleisch schmeckt seltsam, ist aber die einzige Möglichkeit, die von fleischlosen Gerichten dominierte Speisekarte aufzuwerten. Außerdem hab ich mir noch eine Zeitung eingepackt. Der Zeitschriftenmarkt ist die letzten Monate fast komplett verschwunden. Nur vereinzelte Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine sind noch verfügbar, gefüttert mit Informationen unserer Regierung.
In der Zeitung stehen nochmal die Informationen, die bereits gestern über das Fernsehen kommuniziert wurden. Wie erkenne ich einen Infizierten, wie reagiere ich beim Verdacht einer Infektion und wie kann ich mich schützen? Der Artikel rät zur Einrichtung eines Schutzraums mit Verriegelung und Vorräten für mehrere Tage, betont noch einmal, dass die Infizierten ihre Opfer vorrangig über Gerüche und Geräusche wahrnehmen und vor allem in der Gruppe gefährlich sind.
Daneben wird noch darauf eingegangen, an welchen Symptomen Infizierte zu erkennen sind. Berichte aus infizierten Gebieten im arabischen Raum runden die Endzeitstimmung ab. Russland beginnt, sich mehr und mehr zu isolieren. Seit der Machtübernahme durch Macholov wurden die internationalen Flughäfen geschlossen, Ausländer des Landes verwiesen und es wird gemunkelt, dass Macholov beginnt, ethnischen Minderheiten die Schuld an der Krise zuzuweisen und die Worte auf fruchtbaren Boden  fallen.
In Deutschland wird angedacht, Bürgerwehrgruppen zu bilden, um bei Ausbrüchen bis zum Eintreffen der Armee oder der Polizei Widerstand zu leisten und der Zivilbevölkerung die Möglichkeit zu geben, sich selber zu verteidigen. Das Innenministerium ist sich dazu mit dem Verteidigungsministerium noch uneins, weil letztere die großflächige Bewaffnung von Zivilisten eher ungern sehen. Stattdessen will man den Ausbau von Frühwarnsystemen forcieren.
Bürgerwehr klingt gut für mich. Wenn sowas gegründet wird, würd ich mich dem anschließen, um meine Familie zu schützen. Verdammte infizierte Bande. Ein weiterer Artikel berichtet über den Grenzausbau, bzw. allgemein den Bau von befestigten Grenzübergängen und der Errichtung von Verteidigungsstellungen, um einen Einfall der Infizierten aus dem Osten aufzuhalten. Daneben will man auch in Küstengegenden Frühwarnsysteme unter Wasser installieren. Schwimmen können die Dinger also auch.
Zuhause ruhe ich mich aus. Ich habe mich noch nicht ganz von dem grippalen Infekt erholt und ruhe mich auf der Couch aus. Mein Sohn hat die Krankheit schon überwunden und spielt lautstark in seinem Zimmer. Meine Frau ist ebenfalls noch nicht ganz auf dem Damm und teilt die Couch mit mir. Ich informiere sie über die letzten Entwicklungen und ernte ein desinteressiertes Kopfnicken. Ich verstehe, und studiere die Zeitung weiter.
Neben allerlei Bekanntmachungen zur Rationierung, der Ausgangssperre, dem Erwerb von Luxusgütern und ähnlichem hat sich dann der Informationsgehalt der Zeitung auch schon erschöpft. Sport, Innenpolitik und Tratsch sind in der aktuellen Berichterstattung kein Thema mehr. Ich nehme mein Telefon und rufe in der Arbeit an, teile mit, dass ich ab Montag wieder zur Verfügung stehe. Meine Chefin freut sich und teilt mir auch gleich mit, dass ein Packen Arbeit auf mich wartet.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen