Sonntag, 20. Februar 2011

Kapitel 51

Kapitel 51
Nach Stuttgart war alles anders. Verteidigungs- und Innenminister haben sich gegenseitig mit Inkompetenzvorwürfen übersät und Kompetenzrangeleien angezettelt. Nach außen drang dabei nur wenig. Innerhalb der Polizei kursierten Gerüchte und Paul wurde von Horst so gut es ging auf dem Laufenden gehalten. Um die eigene Position zu stärken, sah man beim Innenministerium den Ausbau von Bürgerwehren vor, was vom Verteidigungsministerium sogleich wieder torpediert wurde und nur unter Führung des Verteidigungsministeriums ermöglicht würde. Daneben wurden weitere Beamte zum Schutz des Innenministeriums abgestellt.
Paul hörte interessiert zu. Die für die Polizei angeforderten schweren Waffen wurden nach Intervention des Verteidigungsministeriums bis auf weiteres ausgesetzt. Das betraf die Beamten direkt. Nach der Katastrophe von Stuttgart gab es Pläne, Einsatzzüge zukünftig mit schweren Waffen auszustatten, um die Beamten zur nachgelagerten Verteidigung einsetzen zu können. Mit den schweren Waffen hätten in Stuttgart möglicherweise dutzende von Polizisten gerettet werden können.
Seit Stuttgart wurde auch der Informationsfluss wieder ausgebaut. Auslandsnachrichten waren bis vor kurzem Mangelware, seit Stuttgart wurden  Polizisten und langsam auch die Zivilisten, mit der weltweiten Entwicklung vertraut gemacht und auch Analysen erarbeitet, die Erfahrungen für die Verteidigung Deutschlands zu nutzen.  Bereits Stuttgart hatte gezeigt, dass ein offener Kampf selten sinnvoll ist und nur unter hohen eigenen Verlusten stattfinden kann.
Eine Erfahrung, die zuletzt im arabischen Raum gemacht wurde, als die Untoten aus dem Wasser kamen und provisorische Verteidigungsstellungen innerhalb von Minuten oder Stunden überrannt wurden. Dem Umstand geschuldet wurden in München die Zugänge zu den U-Bahnhöfen ausgebaut, um diese im Notfall verriegeln zu können und über die U-Bahn-Tunnel den Transport von Truppen und Zivilisten sicherstellen zu können.
Zwischenstockwerke werden nach und nach zu Kommandozentralen ausgebaut, über die sich gezielt Türen und Tore schließen lassen und die im Notfall längere Zeit verteidigt werden können. Weiter wurden Pläne erarbeitet, Stadtteile komplett abzuriegeln und überarbeitete Verteidigungspläne für strategisch wichtige Gebäude. Ehemalige, als Zivilnotfallbunker dienende Gebäude, wurden gewartet und Ausrüstung eingelagert.
Ein weiteres Konzept sah vor, den Bahnbetrieb um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Über die Bahn lassen sich Zivilisten und Truppen schnell und sicher verlegen. Für die Großstädte wurden Transportkonzepte erarbeitet, um innerhalb von Tagen Millionen Menschen hinter die nächste Verteidigungslinie zu evakuieren. Im Idealfall würde München innerhalb von zwei Verteidigungslinien geschützt liegen, im nicht so idealen Fall würde man die Menschen nach Norden evakuieren müssen.
Die Rolle der Polizei war in dem Fall die Sicherung des Abtransports und die Sicherung vor Ort, sowie in den Zügen. Die Verteidigung lag in den Fällen ganz bei der Bundeswehr. Paul konnte sich gut damit abfinden, Stuttgart steckte den Überlebenden noch gut in den Knochen. Nur knapp waren sie den Zombiehorden entkommen – und hatten dabei noch mehr Glück als der komplette innere Verteidigungsring, der fast komplett ausgelöscht wurde; inklusive dem Hauptgefechtsstand.
Eine bittere Lektion für die Befehlshabenden in diesem Land, aber eine nötige Lektion. Eine Lektion, anhand er man lernen musste, dass allein die schiere Masse der Untoten ausreicht, gesicherte Stellungen zu überrennen und die Lektion, dass ein Zombie zwar schwach ist, hunderte oder gar tausende dagegen in der Gruppe Kräfte entwickeln, der schwache Verteidigungsstellungen nicht gewachsen sind.
Es wurden Luftüberwachungsaufnahmen aus dem Oman gezeigt, bei dem Untote riesige Frachtcontainer zum Sturz brachten und die darauf befindlichen Soldaten den Horden zum Opfer fielen und ein Amateurvideo aus dem Jemen, in dem eine stabil gebaute und hohe Stadtmauer den wenigen Verteidigern genügend Deckung bot, um die zahlenmäßig weit überlegenen Angreifer nach und nach auszuschalten.
Aufnahmen, die es jetzt in das eigene Verteidigungskonzept einzuarbeiten galt. Ein Teil des Konzepts sah vor, befestigte Burgen und Schlösser für den Notfall zu rüsten, alte Gefängnisse mit hohen dicken Mauern zu nutzen und weitere befestigte Inseln zu schaffen, die im Notfall leicht zu verteidigen wären, oder zumindest nicht überrannt werden können. In den folgenden Monaten würden so im ganzen Land kleine Festungen entstehen mit dem langfristigen Ziel, diese unterirdisch zu verbinden.
Gewaltige Bauvorhaben, die einen riesigen Aufwand bedeuteten. Zur Bewältigung wurde deswegen begonnen, Arbeitslose und Sträflinge für den Arbeitsdienst heranzuziehen. Hartnäckige Arbeitsverweigerer wurden von der Polizei abgeholt und in Strafbataillone eingewiesen oder vorläufig unter verschärften Strafvollzug gestellt. Ein Strafvollzug, der erst durch die neuen Zusätze zur Bekämpfung des inländischen Terrorismus möglich wurden.
An Arbeitslosen herrschte zurzeit kein Mangel. Trotz eines leichten Anstiegs des europäischen Binnenhandels, war die Wirtschaft größtenteils noch immer am Boden. Trotzdem waren die meisten Arbeitslosen kaum bereit, eine für sie minderwertige Tätigkeit auszuführen. An der Stelle kamen dann Paul und seine Kollegen ins Spiel. Wer nach der dritten Aufforderung ohne Entschuldigung der Tätigkeit nicht nachkam, wurde von den Beamten abgeholt und seiner Tätigkeit zugeführt.
Amtsärzte kümmerten sich um chronisch krankgeschriebene Personen und Simulanten wurden die Lebensmittelrationen gekürzt. Bei der Vergabe von Arbeiten wurde häufig darauf geachtet, die individuellen Fähigkeiten der Personen zu berücksichtigen. Wenn nicht anders möglich, wurden Leute umgeschult und in die neue Tätigkeit eingewiesen. Daneben wurden noch Anstrengungen unternommen, Schlüsselstellen in der Versorgung doppelt zu besetzen. Das Land bereitete sich auf einen Krieg vor.

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