Montag, 21. Februar 2011

Kapitel 52

Kapitel 52
Pauls Dienst folgte wieder der alten Routine. Nach Stuttgart gab es zwar noch einige Vorfälle in der Region, aber im Großen und Ganzen war wieder Ruhe eingekehrt und der Dienst konnte wieder in geregelten Bahnen verlaufen. Pauls Hauptaufgabe bestand darin, arbeitsunwilliges Personal zu besuchen und die Leute zum Dienst für das Vaterland zu motivieren. In den meisten Fällen genügte ein Besuch und in den hartnäckigsten Fällen wurde spätestens nach einer Woche umgedacht.
Paul erreichte den Wohnblock im Münchner Norden. In dem Wohnblock würde er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der erste auf seiner Liste war ein alter Bekannter. Paul drückte mit der flachen Hand auf das Klingelfeld, wodurch in mehreren Wohnungen die Türglocken schellten. Das darauffolgende Stimmengewirr beantwortete Paul mit einem lapidaren „Ich bin’s“, was mindestens einen Bewohner dazu bewegen konnte, den Türöffner zu betätigen.
Als Paul in die vierte Etage hoch ging, spürte er bohrende Blicke aus halb offenen Türen und Türspionen. Im vierten Stock angekommen ging Paul zur Tür des ihm bereits bekannten Arbeitsverweigerer und klopfte an die Tür.
„Polizei. Bitte öffnen sie die Tür.“
Paul hörte ein Kind schreien und gedämpfte Stimmen innerhalb der Wohnung. Als nach einer Minute noch keine Reaktion erfolgte, klopfte er erneut an die Tür.
„Hallo? Polizei. Ich habe gehört, dass jemand zu hause ist. Bitte öffnen sie die Tür, oder ich lasse sie gewaltsam öffnen.“
Langsam öffnete sich die Tür und eine Frau Anfang 30 steckte ihren Kopf in den Türspalt.
„Hallo. Was kann ich für sie tun?“
„Grüß Gott, Bährer ist mein Name. Ich hätte gern mit Herrn Martin Steffens gesprochen.“
„Ja, das ist mein Mann… der ist gerade außer Haus.“
„Das ist schade. Kann ich kurz reinkommen und mich umsehen?“
„Oh, tut mir leid, das geht nicht. Ich hab noch nicht aufgeräumt und… ich… ähm… wollte gerade duschen.“
„Das ist kein Problem. Ziehen sie sich bitte etwas über.“
„Aber… aber die Wohnung…“
„Frau Steffens, ich bitte sie. Ich habe damit kein Problem. Und jetzt ziehen sie bitte was über. Ich habe auch das Recht, mir gewaltsam Zutritt zu verschaffen und das wollen weder sie, noch ich.“
„Also gut… eine Minute, ich zieh mir nur was über.“
Die Tür schwang wieder ins Schloss und Paul wartete geduldig. Paul war sich sicher, dass der Mann zuhause war, wollte ihm aber genügend Zeit geben, sich zu stellen. Fluchtmöglichkeiten gab es hier im vierten Stock ohnehin nicht und wohin sollte der Mann schon fliehen? Inzwischen war schon deutlich über eine Minute verstrichen. Paul klopfte wieder an die Tür.
„Hallo? Frau Steffens?“
Kein Laut drang aus der Wohnung hinter der Tür. Paul wurde es zu bunt. Er betätigte die Klingel, sein Klopfen wurde energischer und seine Stimme lauter.
„Frau Steffens! Ich bitte sie nochmals und letztmalig, mir die Tür zu öffnen. Andernfalls werde ich von meinem Recht Gebrauch machen, mir gewaltsam Zutritt zu verschaffen.“
Als keine Reaktion erfolgte, holte Paul seinen Türöffner aus der Tasche und setzte ihn an das Schloss. Wenige Sekunden später stand die Tür offen. Um die Reparatur würde sich die Familie selber kümmern müssen. Paul schob die Tür nach innen und schaute in den hellen Flur. Der gelb gestrichene Flur wirkte fröhlich auf Paul. Kinderbilder und Comiczeichnungen zierten die Wände und fünf Türen zweigten vom Flur in die Zimmer der Wohnung. Auf einer der Türen stand mit bunten  Klebebuchstaben der Name Leonhard geschrieben. Paul folgerte daraus, dass es sich um das Kinderzimmer handeln musste.
Zwei Türen standen offen und gewährten Paul einen Blick auf das Wohnzimmer und die Küche der Wohnung. Der Blick ins Wohnzimmer wurde durch eine Garderobe behindert, die Küche wirkte relativ neu. Die mittlere und die zwei rechts liegenden Türen waren zugezogen. Paul vermutete neben dem Kinderzimmer das Bad und das Schlafzimmer dahinter.
„Hallo? Frau Steffens? Ich bin jetzt in ihrer Wohnung. Erschrecken sie bitte nicht. Ich habe sie gewarnt!“
Paul trat in die Wohnung und horchte, konnte aber nichts hören. Leise schloss er die Tür hinter sich und ging so leise es ging durch die Wohnung in Richtung Küche und Wohnzimmer. Ein kurzer Blick in die Küche bestätigte den Eindruck, dass diese noch relativ neu war. Neu und verlassen. Er ging weiter in Richtung Wohnzimmer und fand auch das verlassen vor. Von der angekündigten Unordnung war wie zu erwarten nichts zu bemerken. Nur ein paar herumstehende Spielsachen störten das ordentliche Bild.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen