Dienstag, 22. Februar 2011

Kapitel 53

Kapitel 53
Paul sah noch unter die Tische und versuchte mögliche Verstecke auszumachen, bevor er das Wohnzimmer wieder verließ. An der Küche vorbei öffnete er die nächste Tür. Dahinter verbarg sich ein kleines Badezimmer mit Toilette, Waschbecken und Badewanne. Paul inspizierte auch dieses Zimmer nach möglichen Verstecken und wandte sich dem nächsten zu, welches sich dann auch tatsächlich als Kinderzimmer entpuppte.
Das Zimmer war klein und mit Spielsachen vollgestellt. Mittels eines Hochbetts wurde Platz gespart und mehr Spielfläche ermöglicht. Eine Ritterburg wirkte wie eben noch bespielt. Männer standen darin und davor und waren bereit, ein Gefecht auszutragen, welches wohl abrupt enden musste. Auch dieses Zimmer war leer und Paul wendete sich dem letzten Zimmer zu. In dem Zimmer mussten sie sein. Die Fenster waren geschlossen, es gab keinen Balkon und außen keine Möglichkeit, nach unten zu kommen.
Paul klopfte an die Tür. „Hallo? Frau Steffens? Ich weiß, dass sie in dem Zimmer sind. Ich komme jetzt rein.“
Paul drückte die Türklinke nach unten und schob die Tür einen Spalt auf, bedacht darauf, einen möglichen Stoß abzufangen. Als sich kein Widerstand regte, gab er der Tür einen Schubs und trat in den Raum, während die Tür an einen Schrank knallte. Im Raum sah Paul drei Personen auf dem Bett liegen. Am Rand zur Tür lag Frau Steffens, in der Mitte der Sohn und  auf der anderen Seite vermutlich Herr Steffens. Alle drei lagen mit dem Rücken zu Paul.
„Hallo? Frau Steffens? Herr Steffens? Würden sie bitte aufstehen?“
Es kam keine Antwort zurück. Vorsichtig näherte sich Paul dem Bett, packte Frau Steffens an ihrer Schulter und schüttelte sie leicht. Als keine Reaktion erfolgte, zog er leicht an ihrer Schulter und drehte sie auf den Rücken. Als er ihr Gesicht sah, trat er erschrocken einen Schritt zurück. Ihre Lippen waren blau gefärbt, vor ihrem Mund war Schaum. Paul wischte sich die Hand an der Hose ab und trat um das Bett herum.
Bereits ab der Mitte konnte er sehen, dass der Sohn und der Vater dieselben Zeichen einer Vergiftung aufwiesen. Das Gesicht des Sohns war verzerrt, Herr Steffens schien friedlich von dannen gegangen zu sein, während auf dem Gesicht der Frau noch Tränen zu sehen waren, die sie noch vor wenigen Minuten vergossen hatte. Herr Steffens hatte es vorgezogen, aus dem Leben zu scheiden und seine Familie mitzunehmen. Lieber wollte er sterben, als weiter seine Arbeitsleistung zu erbringen.
Paul wurde wütend und traurig zu gleich. Er starrte auf den Jungen und schätzte ihn auf maximal vier oder fünf Jahre. Der Junge hätte wahrscheinlich noch ein Leben vor sich gehabt. Es gab sicher schon bessere Zeiten und die Welt ging vor die Hunde, aber es würde wieder besser werden und dieses Kind würde keine Gelegenheit mehr haben, dies zu erleben. Pauls Wut auf den Vater wuchs und er verfluchte ihn dafür, dass er sich selbst gerichtet hatte, dass er keine Gelegenheit mehr haben würde, ihm die Scheiße aus dem Leib zu prügeln.
Paul konnte den Anblick nicht länger ertragen und verließ die Wohnung. Im Treppenhaus nahm er sein Funkgerät und informierte die Zentrale über seinen Fund. Bis zur Ankunft der Spurensicherung würde er noch bei der Wohnung verharren. Er ging wieder in die Wohnung und sah sich um. Sah Bilder der Familie aus besseren Zeiten, sah die Familie sich in den Armen liegen und lachen, sah eine glückliche Familie in einer Zeit, die noch frei war von Zombies, Zwangsarbeit und Überwachungsstaat.
Paul ging nochmal ins Schlafzimmer. Wollte noch einen Blick auf die Frau werfen, mit der er noch vor Minuten gesprochen hatte. Wollte noch einmal die Familie sehen, deren Schicksal er mit seinem Besuch besiegelte. Nein, eigentlich wollte er nicht, aber irgendetwas in seinem inneren zwang ihn dazu. Zwang ihn sich das anzusehen, was er angerichtet hatte, oder was er glaubte, angerichtet zu haben.
Als er das Zimmer betrat, sah er erneut die Familie tot auf dem Bett liegen und erneut wurde er von Schuldgefühlen heimgesucht. Dann fiel sein Blick auf die Hand der Frau. Die Frau hielt ein Stück Papier umklammert. Paul trat vorsichtig an die Leiche heran und zog an dem Papier. Mit einem schleifenden Geräusch glitt es der toten Frau aus den Fingern. Paul faltete das Papier auseinander. Wie es schien, wollte noch jemand eilig einige letzte Worte formulieren.
„Liebe Familie, liebe Freunde, wahrscheinlich wundert ihr euch, warum wir diesen letzten unwiederbringlichen Schritt gegangen sind, warum wir keinen anderen Ausweg sahen, als uns selbst zu richten und über das Leben unseres Kindes zu entscheiden. Dabei ist es so offensichtlich. Die Welt steht am Abgrund, Deutschland hat sich in einen totalitären Unrechtsstaat verwandelt und es gibt keine Alternativen mehr. Wir waren vorher schon tot und ihr seid es auch.“
Paul sah sich den Zettel an, faltete ihn wieder zusammen und warf ihn auf das Bett. Die Spurensicherung würde sich darum kümmern und dafür Sorge tragen, dass niemand den Zettel je wieder zu Gesicht bekommen würde. Leise ging er aus dem Schlafzimmer und zurück in das Treppenhaus. Kurz darauf brach er in Tränen aus.

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