Mittwoch, 23. Februar 2011

Kapitel 54

Kapitel 54
Gelangweilt sitze ich im Meetingraum und folge den Ausführungen des Projektleiters. Mit dem Beamer werden Seiten einer Präsentation an die Wand geworfen, die vorab auch ausgedruckt an die Teammitglieder verteilt wurden. Obwohl alle von der Wand ablesen, blättert jeder brav um, wenn eine neue Seite eingeblendet wird. Gelangweilt blättere ich in der Präsentation und kritzle mit Kugelschreiber unzusammenhängende Wörter hinein, um den Eindruck zu vermitteln, dass mich das Thema interessiert.
Ich blättere ein paar Seiten nach hinten und entdecke doch noch ein Thema, dass auf unseren Prozess Auswirkungen hat. Um nicht einzuschlafen, kritzle ich weiter in der Präsentation herum und stelle mir die scharfe Blondine von Netzwerk in Unterwäsche vor. Erst in rot, dann in weiß und zum Schluss in schwarz. Ich überlege etwas hin und her und entscheide mich dafür, dass ihr rot am besten stehen würde. Nachdem ich mich auf eine Farbe festgelegt habe, feile ich noch etwas an den Details und verpasse, dass ich angesprochen werde.
Ich blicke von der Präsentation auf und schaue auf das Wandbild. Der Kollege von Business wiederholt seine Frage, ob die Prozessänderung denn keine Auswirkungen auf unseren Workflow haben würde und ich verneine. Unser Workflow beginnt erst später und bis dahin ist der Prozess wieder bereinigt. Blöder Arsch. Das geistige Bild der Kollegin ist verschwunden und ich kritzle weiter Unsinn auf die ausgedruckte Präsentation.
Als der für uns wichtige Teil folgt, lese ich von meinen Notizen die Auswirkungen ab und welche Vorkehrungen oder Anpassungen berücksichtigt werden müssen, um den Workflow an der Stelle nicht zu gefährden. Ich beantworte noch einige Fragen und lehne es ab, einen manuellen Workaround einzuführen, der nur mit massivem manuellem Aufwand zu bewerkstelligen ist und mit den vorhandenen Ressourcen momentan nicht abgedeckt werden kann. Ich erkläre, welche Auswirkungen es hätte, die Ressourcen für den Workaround zu verwenden und sehe, dass meine Erläuterungen verstanden werden. Ich kann weiterschlafen.
Nach rund 30 Minuten ist das Meeting beendet. Ich bleibe noch kurz sitzen, sortiere die Präsentation und achte darauf, dass keine meiner Notizen von außen sichtbar ist. Als ich das Büro verlasse, steht die Netzwerkkollegin in der Tür und unterhält sich noch mit dem Projektleiter über Details. Ich verlangsame meinen Schritt und gehe langsam an ihr vorbei, rieche ihr Parfüm und atme tief ein, bevor ich die sie umgebende Dunstwolke verlasse.
Ihr Parfüm ist wie ein sanfter Frühlingswind. Der Geruch umschmeichelt meine Nase und macht es mir schwer, eine Erektion zurückzuhalten. Ich überlege nochmal zurückzugehen, und unter einem Vorwand mich ins Gespräch einzuklinken, entscheide mich dann aber dagegen. Stattdessen trabe ich zum Fahrstuhl und geselle mich zu meinen Kollegen, die bereits wartend davor stehen. Kurz darauf gesellen sich auch der Projektleiter und die Netzwerkkollegin zu uns.
Als sich die Fahrstuhltür öffnet, warte ich etwas und betrete den Fahrstuhl nach meiner Kollegin, versuche mich in ihre Nähe zu stellen. Als sich die Türe schließt, stehe ich wenige Zentimeter hinter ihr und atme ihren Duft ein, rieche ihre Haare, ihr Parfüm und habe das Verlangen, sie zu umarmen, sie in die Arme zu nehmen und mit ihr dem Wahnsinn dieser Welt zu entfliehen. Der Stopp des Fahrstuhls reißt mich aus meinen Gedanken. Zum Glück.
Einige Kollegen verlassen den Fahrstuhl und der Rest verteilt sich etwas großzügiger in der Kabine. Ich sehe meine Kollegin jetzt von vorne und muss mich beherrschen, ihr nicht in den Ausschnitt zu gaffen. Ich versuche gelangweilt an ihr vorbeizuschauen, was mir nur teilweise gelingt und vermeide so gut es geht Augenkontakt aufzubauen. Wieder stoppt der Fahrstuhl und diesmal muss ich raus. Ich verabschiede mich knapp und gehe wieder auf meinen Platz.
Meine beiden Kollegen sind auf Dienstreise und haben mir das Büro alleine überlassen. Ein Umstand, den ich nur gerne ausnutze und hinter verschlossener Türe nebenbei Musik über mein Netbook laufen lasse. Ich starte den Mediaplayer und höre Johnny Cash über seinen einzigen Sonnenschein singen. Plötzlich muss ich an meine Frau denken und bekomme ein schlechtes Gewissen. Was war nur in mich gefahren?
Verschämt versuche ich die Gedanken an meine Kollegin zu verdrängen und mich meiner Arbeit zu widmen. Die vollgeschmierte Präsentation vernichte ich so gut es geht und schmeiße die Überreste in den Abfalleimer. Die Präsentation würde ohnehin elektronisch verschickt werden, der vollgekritzelte Ausdruck war ohnehin überflüssig. Ich nehme meine Punkte nochmal in elektronischer Form auf, überarbeite sie, und packe sie in eine Email an den Projektleiter.
Sofern alle Punkte berücksichtigt werden können, würden wir ohne Mehrarbeit aus dem Projekt hervorgehen und könnten uns weiterhin den wirklich wichtigen Dingen widmen. Generell habe ich bei dem Projekt aber ein schlechtes Gefühl, schließlich gibt es nicht jeden Tag die Anforderung, ermittelnden Behörden einen universellen Netzzugang einzurichten, über den die Möglichkeit besteht, bei jedem Mobilfunkkunden eine Fangschaltung einzurichten, bzw. Mitschnitte seiner Gespräche zu speichern.
Darüber hinaus ist noch ersichtlich, in welcher Funkzelle der Kunde eingebucht ist, wodurch sich sein Aufenthaltsort auf wenige Meter bestimmen lässt. Ich beschließe, mich in Zukunft mehr auf persönliche, verbale Kommunikation zu beschränken.

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