Donnerstag, 24. Februar 2011

Kapitel 55

Kapitel 55
Seit einigen Tagen beschäftigt die Polizei eine neue Welle der Gewalt. Scheinbar wahllos werden Menschen getötet, die Köpfe abgetrennt und nicht selten noch an Ort und Stelle zertreten oder zertrümmert. Am grausigsten war der Fund einer Familie mit drei Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren, die allesamt enthauptet wurden. Die Köpfe wurden anschließend mit stumpfen Gegenständen zertrümmert und auf offener Wiese liegengelassen.
Die Morde geschehen voneinander unabhängig, weisen zwar manchmal das gleiche Täterprofil auf, treten aber zu gleichen Zeiten an unterschiedlichen Orten auf. Die Ermittler gehen von einer Bande aus, die gezielt Jagd auf Menschen macht. Spuren der Infektion konnten nicht nachgewiesen werden, weder vor, noch nach dem Mord. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass alle Ermordeten unter einer Grippe oder grippalem Infekt gelitten hatten.
Die Morde geschahen bundesweit, waren in der Ausführung ähnlich und trafen vor allem Menschen und Familien mit südländischen oder osteuropäischen Wurzeln. Als Folge dessen wurde angeordnet, gefährdete Personengruppen unter Polizeischutz zu stellen, bzw. diese verdeckt zu überwachen, um der Täter habhaft zu werden. Paul war zusammen mit seiner Kollegin Martina Stürmer zu einer Observation eingeteilt. Sein Auftrag lautete, Familie Erdlan zu beschützen.
Khalil Erdlan, der Vater der Familie, hatte sich heute um kurz nach acht wegen Grippe beim Arzt gemeldet. Der durchgeführte Schnelltest bei ihm und seiner Familie verlief negativ, die anschließende Untersuchung ergab einen derzeit grassierenden grippalen Infekt bei allen Familienmitgliedern. Das Opferprofil stimmte zu 100 Prozent überein.
Paul saß mit seiner Kollegin in zivil in einem vor dem Haus geparkten  Wagen aus deutscher Produktion. Ein heißer Becher Kaffee wärmte die beiden von innen und hielt sie wach. Martina war drei Jahre jünger wie Paul, trug eine enge, die Figur betonende Jeanshose, ein bequemes Sweatshirt und darüber einen warmen Mantel. Obwohl es langsam wärmer wurde, konnte es nachts noch richtig zapfig werden.
Paul genoss die Zeit mit Martina. Martina hatte ein unbeschwertes Gemüt, war unkompliziert  und der Kumpeltyp zum Pferdestehlen. Daneben sah sie mit ihren blonden Haaren und der trainierten Figur auch noch gut aus. Wäre es nicht einer seiner eisernen Grundsätze mit Arbeitskolleginnen nichts anzufangen, hätte er sie eventuell schon einmal angesprochen. So verhielt er sich aber leicht distanziert und respektvoll. Martina gefiel das.
Inzwischen waren schon drei Stunden vergangen. Die Sonne hatte sich bereits vor zwei Stunden verabschiedet und es war richtig kühl im Auto geworden. Leise unterhielten sich die beiden Beamten, nicht ohne die Tür und die Wohnung aus den Augen zu lassen. Leute kamen, Leute gingen, nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. Die  Nacht war ruhig und die bald einsetzende Ausgangssperre würde die restliche Nacht noch ruhiger werden lassen.
Als zwei Männer das Haus betraten, fand Paul daran nichts Außergewöhnliches. Die Männer lachten und schienen sich gut zu kennen. Sie traten ins Treppenhaus, das Licht flammte auf und Paul sah die beiden durch die Fenster im Treppenhaus nach oben laufen. Im vierten Stock kamen sie nicht an und im dritten Stock lag die Wohnung der Erdlans. Paul lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Wohnung der Erdlans. Ein Licht ging an, wahrscheinlich im Flur. Hatte man die Männer erwartet?
Paul informierte Martina über seine Beobachtungen.
„Ja, die beiden sind mir vorhin auch schon aufgefallen. Meinst du, die wurden erwartet?“
„Keine Ahnung. Ich schau mir das mal an. Ich lass das Funkgerät auf senden.“
Paul verließ den Wagen und ging zum Haus. Ein kalter Wind fuhr über sein Gesicht und ließ ihn frösteln. Als er den Hausflur betrat, blieb die kalte Nachtluft draußen. Paul drückte den Lichtschalter, um zu vermeiden, dass das Licht plötzlich weg war, und ging nach oben. Das Haus war still, es gab keine Anzeichen einer Gewalttat. Im dritten Stock angekommen, horchte er an der Tür. Nichts. Gerade als er wieder zurück ins Auto gehen wollte, hörte er ein gedämpftes Stöhnen. Paul erstarrte.
Vorsichtig lehnte er seinen Kopf an die Tür und horchte konzentriert auf Geräusche. Jetzt hörte er zwei Stimmen, die sich leise unterhielten, daneben wieder ein gedämpftes Stöhnen wie durch Watte. Paul wollte auf Nummer sicher gehen und klopfte an der Tür. Keine Reaktion. Paul klopfte erneut, diesmal energischer und betätigte zusätzlich die Klingel. Paul hörte Schritte, die sich der Tür näherten und sah kurz darauf, dass er von innen durch den Türspion beobachtet wurde.
Paul setzte sein nettestes Lächeln auf.
„Hallo? Ist jemand daheim? Ich hätte mich gern mit ihnen unterhalten. Hallo? Ich sehe doch, dass sie daheim sind. Es ist wirklich wichtig.“
Von innen wurde die Türkette eingehängt und die Tür einen Spalt geöffnet. Ein Gesicht erschien in der Tür und Paul meinte darin einen der Männer zu erkennen, die kurz zuvor das Haus betreten hatten.
„Was gibt’s denn so wichtiges?“
„Hallo, mein Name ist Bährer. Ich hätte bitte gern Herrn Erdlan gesprochen.“
„Ja, das bin ich. Was gibt’s?“
„Hahaha, Entschuldigung, ich hätte bei dem Namen eher an jemand mit südländischem Aussehen gerechnet.“
„Jaja, schon gut, das hör ich öfter. Was gibt’s?“
„Ach, das würde ich gerne mit ihnen in ihrer Wohnung besprechen.“
„Tut mir leid, das geht nicht. Guten Abend.“
„Halt, warten sie. Es ist wirklich wichtig. Sie haben mich doch extra angerufen.“
„Hab ich das? Ach ja, stimmt, hab ich. Weswegen hab ich sie gleich wieder angerufen?“
„Na, sie wollten, dass ich mir ihre Wohnung anschaue.“
„Tut mir leid, das geht jetzt nicht mehr. Guten Abend."
"Ja, guten Abend."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen