Sonntag, 27. Februar 2011

Kapitel 58

Kapitel 58

Für das Treffen mit Horst hatte Paul einen öffentlichen, gut frequentierten Ort auserkoren. Natürlich war ein Kino prinzipiell ein schlechter Ort, um Neuigkeiten auszutauschen, aber ein guter Ort, wenn man nicht will, dass andere mithören. Paul nahm zwei Karten für ganz vorne links, der Film war egal, also fiel die Wahl auf den, der als nächstes laufen würde. Da nur noch sporadisch neue Filme erschienen, wurden vielerorts Klassiker wieder in die Kinos gebracht, oft um digitalen Firlefanz erweitert, um Fans des Films einen Anreiz zu bieten.

Die Wahl fiel auf Dawn of the Dead, das Original von George Romero - digital remastered und mit neuen, digitalen Special Effects. In 3D. Paul konnte es kaum erwarten zu sehen, wie ein Schraubenzieher in 3D und mit tollen neuen Special Effects in das Auge eines Untoten gestoßen wird, nahm dann aber trotzdem die Karten, weil der Film als nächstes anlief und er ohnehin keine Zeit haben würde, sich auf den Film zu konzentrieren. Dazu gab es viel zu viel zu besprechen.

Als der Film startete, begann Paul Horst über die jüngsten Ereignisse in Kenntnis zu setzen. Paul hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich Fragen, hakte bei dem einen oder anderen Fakt nochmal nach und versuchte über den Lärm des Films hinweg Paul Erläuterungen zu folgen. Als die Überlebenden das erste Mal auf Erkundungstour durch das Einkaufszentrum gingen, war Paul gerade mit seiner Erzählung durch.

„Ja, ich hab schon gehört, dass bei der Bundeswehr irgendwas nicht richtig läuft. Meine Kontakte berichten mir, dass viele mit der momentanen Führung nicht einverstanden sind, dass das Militär mehr Kompetenzen will und dafür die Kompetenzen der Polizei einschränken möchte. Es scheint auch, dass solche Aktionen mitunter von teilweise weit oben genehmigt oder zumindest toleriert werden.“

„Hast du denn schon etwas zu dieser Geschichte gehört?“

„Nein, zu der Geschichte jetzt noch gar nichts. Dass die Kommandos los schicken, war selbst mir neu.“

„Kommandos? Also für mich klangen die beiden eher wie zwei traumatisierte Häufchen Elend.“

„Ja, Kommandos ist vielleicht das falsche Wort. Aber die Waffen müssen sie ja irgendwoher haben, die werden normal jeden Abend einkassiert. Hast du was mitbekommen bezüglich der Seriennummer?“

„Ach, verdammt, das hab ich vergessen. Ist ja normalerweise Sache der Ermittler. Die beiden Täter waren aber jeweils mit einer P8 bewaffnet. Würde mich nicht wundern, wenn die Seriennummer ausgeätzt worden ist, oder die Waffen nicht registriert sind.“

„Geht mir genauso. Aber dafür braucht man jemand mit Einfluss. Deswegen sag ich auch ‚Kommando‘. Auch wenn sie nicht explizit ausgesendet werden, machen sie das, was sie machen, doch mit Billigung eines höheren Dienstgrads, der die Männer mit Waffen, Munition und der nötigen Vernetzungstechnik versorgt.“

„Das wär ja ein großes Ding. Aber das hieße ja, dass Führungspersonal der Bundeswehr den Mord an unschuldigen Zivilisten toleriert. Dass bewusst der Tod von Unschuldigen in Kauf genommen wird.“

„Das heißt vielleicht sogar, dass innerhalb der Bundeswehr die Tatsachen falsch wiedergegeben werden, dass man unschuldige Personengruppen für die Katastrophe verantwortlich macht.“

„Mein Gott, das könnte einen zweiten Holocaust auslösen.“

„Na, jetzt lass mal die Kirche im Dorf. Soviel Idioten kann doch nicht mal die Bundeswehr aufbieten.“

„Was will man denn dann damit bezwecken?“

„Keine Ahnung. Die Moral der Truppe festigen, durch ein klares Feindbild? Unruhe stiften, um die Kompetenz der Polizei zu untergraben?“

Auf der Leinwand sind die Darsteller gerade dabei, das Einkaufszentrum zu säubern und sich darin häuslich einzurichten. Ein Kopf explodiert in 3D und digital nachbearbeitet. Paul schüttelte sich und wandte sich wieder Horst zu.

„Und dann? Militärputsch?“

„Ach komm Paul, den Militärputsch haben wir schon hinter uns.“

„Wie würdest du das dann nennen?“

„Kompetenzgerangel vielleicht? Ach, was weiß ich, keine Ahnung. Fakt ist, dass es kriselt und wir mittendrin stecken. Wenn’s zur Konfrontation kommt, sitzen wir am kürzeren Hebel.“

„Du sprichst von Bürgerkrieg?“

„Ja, das käme eher hin. Aber ehrlich: mir ist es scheißegal, wer da oben die Befehle gibt. Solange es eine unrechtmäßige Regierung ist, ist es eine unrechtmäßige Regierung. Nur weil ich Polizist bin, schlägt mein Herz nicht für den Innenminister. Ich habe meinen Eid auf das Grundgesetz und die bayrische Verfassung geleistet und momentan scheißen die auf unser Grundgesetz. Achja, ich weiß nicht, ob du’s schon gehört hast, aber das Bundesverfassungsgericht ‚pausiert‘ momentan. Mit anderen Worten: wurde faktisch aufgelöst.“

Paul bedeutete Horst, seine Stimme zu senken. Von hinten kamen bereits Beschwerden von Kinobesuchern und ein, zwei Leute schauten die beiden verdutzt an. Die restliche Zeit schwiegen sie und schauten den Film zu Ende. An einigen Stellen musste Paul lachen. Wer das wahre Grauen erlebt hat, kann über Filmzombies nur noch lachen.

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