Donnerstag, 3. März 2011

Kapitel 61

Kapitel 61
Was kommt danach? Wie fühlt es sich an? Wo geht man hin? Tritt man ein in die große Schwärze, oder sieht man ein Licht? Ein Bild? Verstummt die Welt, oder nimmt man die Geräusche noch wahr? Hat man noch Kontrolle über sich? Lebt man in dem toten Körper weiter, oder ist die Person, die man einst war, tot? Tritt man ein in neues Leben? Gibt es ein danach? Gibt es ein davor? Wann reift die Erkenntnis, dass man da ist, dass man lebt? Wann weiß ich, dass ich tot bin?
Ich drehe mich schlaflos im Bett. Die Fragen quälen mich und ich finde keine Antworten. Mir ist abwechseln heiß und kalt und meine Frau macht mir mit einem Brummen akustisch deutlich, dass ich ihren Schlaf störe. Weil an Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken ist, stehe ich auf und gehe ins Wohnzimmer, fahre meinen Laptop hoch und setze mich auf die Couch. Ich will die Fragen aufschreiben, will sie festhalten, um sie aus meinem Kopf zu bekommen.
Nachdem  der Rechner hochgefahren ist, starte ich meine Textverarbeitung und notiere mir meine Gedanken, notiere mir das, was mich jetzt Stunden vom Schlaf abgehalten hat, will die Gedanken von meinem Kopf in meinen Laptop verbannen. Soll der sich damit rumschlagen. Kurz nach vier hab ich meine Gedanken digital abgelegt und bin putzmunter. Ich gehe auf die Toilette, schaue nach meinem Sohn und gehe wieder ins Wohnzimmer.
Ich greife wahllos nach einem Buch, blättere darin und lege es wieder zur Seite. Ich kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen. Die Worte habe ich erfasst, allein ihren Sinn konnte ich nicht deuten. Ich nehme die Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. Das Fernsehprogramm wurde die letzten Wochen nicht besser, ganz im Gegenteil. Viele Sendungen wurden Wiederholungen ersetzt, Auslandsberichte quasi komplett eingestellt und durch Berichte über die 20 schönsten Flugzeugträger ersetzt.
Auf einem Nachrichtenkanal wird die Wiederholung einer Diskussion gezeigt, in der sich Regierungsvertreter über das Für und Wider einer Bürgerwehr in den Haaren liegen. Der Ton wird inzwischen schärfer. Kurz nach dem Regierungswechsel war die Regierung bemüht, Einigkeit und Stabilität zu zeigen, inzwischen zeichnen sich auf für Laien Widersprüchlichkeiten und Konflikte deutlich ab. Das erste Mal seit der großen Testwelle ist wieder massive Polizeipräsenz zu beobachten.
Die Diskussion geht langsam dem Ende entgegen. Der Moderator entflieht seiner Statistenrolle und versucht, eine Art Konsens herzustellen und verabschiedet die beiden Herren. Der Abspann läuft und geht über in die aktuellen Nachrichten, bzw. die Wiederholung der letzten aktuellen Nachrichten. Seit neuestem informiert eine Karte die Zuschauer über die aktuellen Entwicklungen. Länder, aus denen gesicherte Berichte vorliegen, werden anhand der Gefährdungsstufe von rot bis grün dargestellt. Länder, die eine Nachrichtensperre verhängt haben, oder keine Quellen vorhanden sind, werden schwarz dargestellt.
Anhand der Grafik weiß ich jetzt, warum Afrika der schwarze Kontinent genannt wird. Die Küsten der Mittelmeerstaaten sind rot und das erste Mal in meinem Leben bin ich froh, dass Deutschland nicht am Mittelmeer liegt.  Süd- und Mittelamerika ist rot bis dunkelrot und der Süden der USA geht ebenfalls ins rötliche. In Russland arbeitet sich die rote Farbe auch immer weiter westlich vor.  Aus China gibt es keine Berichte, die Einschätzung geht aber ins dunkelrote, und Indien strahlt immer noch grün hervor.
Südafrika hat damit begonnen, seine nördlichen Nachbarn anzugreifen. Ohne Kriegserklärung sind südafrikanische Truppen in fremdes Territorium eingedrungen und haben damit begonnen, Todesstreifen zu installieren. Gegenüber den anderen Regierungen wird angegeben, dass dies eine nötige Form der Selbstverteidigung sei und die Truppen keinen Unterschied zwischen Militär und Zivilsten machen würden. Verrückte Wichser, denk ich mir.
Der Sprecher erwähnt erneut die große Gefahr aus dem Osten. Im Mittelmeerraum sei dagegen der Vormarsch unter Kontrolle. Neben den Mittelmeerstaaten wurden Flottenteile aus Polen, England, der Niederlande und Deutschland ins Mittelmeer befohlen, um Abwehrmaßnahmen der Mittelmeerstaaten zu unterstützen. Mittels Netzen, Minen und gezielter Ablenkung versucht man den Vormarsch aufzuhalten, umzuleiten oder komplett aufzulösen. Der Sprecher gibt sich optimistisch und lobt die Bemühungen.
Durch die Unterstützung Frankreichs und Spaniens ist Marokko ein gelber Fleck auf dem nördlichen schwarzen Kontinent. Vielerorts konnte der Vormarsch verlangsamt oder ganz aufgehalten werden. Das gelang nicht zuletzt  dadurch, dass die Flüchtlingsströme nach Süden abgewandert sind und so die Masse der Untoten an Marokko vorüberging. In einem anderen Bericht geht es darum, dass die USA in Grönland und Alaska damit beginnt, Familien in speziellen Versuchseinheiten anzusiedeln. Ziel ist es, in den lebensfeindlichen Umgebungen mittels moderner Wissenschaft Biotope zu erschaffen, die einer begrenzten Anzahl von Menschen für viele Jahre das Überleben sichern sollen.
Ob es bei uns ähnliche Pläne geben mag? Der Rest der Nachrichtensendung ist unspektakulär, der Wirtschaftsbericht nicht wirklich überraschend. Ich zappe noch ein wenig herum, finde aber nichts mehr, dass mich interessiert. Ich lasse einen Bericht über Feldhaubitzen laufen und leg mich auf die Couch. Nach zwei Minuten bin ich eingeschlafen.
Ich sehe ein Licht, gehe auf das Licht zu. Das Licht entpuppt sich als Fenster. Als ich hinausschaue, sehe ich meine Frau. Sie liegt unter dem Fenster. Meine Perspektive dreht sich und ich sehe aus meinen Augen wieder meine Frau. Sie blutet. Meine Hände sind ebenfalls voller Blut und mein Mund kaut, kaut das Fleisch, das ich meiner Frau aus dem Hals gerissen habe. Ich will schreien, aber ich bleibe stumm. Ich will meine Hände auf die offene Wunde drücken, aber meine Hände gehorchen mir nicht. Ich will meine Augen schließen, aber sie bleiben offen.
 Mein Kopf senkt sich wieder auf ihren Hals, reißt daran und ich sehe, wie sich das Fleisch aus ihrem Hals löst, sehe wie die Haut sich spannt und mit einem unangenehmen Geräusch reißt.  Meine Frau reagiert nicht darauf, muss tot sein. Ihre aufgerissenen, vor Schreck geweiteten Augen sind stumpf und leer, ihre Lippen auseinandergerissen, gefangen in einem letzten, stummen Schrei der Verzweiflung. Ihre Hände liegen schlaff auf der Seite, an einer Hand fehlen zwei Finger.
Ich rieche. Ich rieche deutlich das Blut meiner Frau und noch etwas anderes. Ich höre. Ich höre das Schlagen eines Herzes. Ich fühle. Ich fühle einen anderen Menschen. Einen lebenden Menschen. Ich erhebe mich, verlasse das Zimmer, nähere mich einer Tür und drücke dagegen. Der Geruch kommt aus der Tür, es riecht nach Mensch, nach Nahrung. Mein Verlangen wächst. Ich drücke weiter gegen die Tür, aber die Tür hält. Nein, ich will nicht in das Zimmer. Ich wehre mich dagegen, aber ich bin nur ein stiller Beobachter, gefangen in meinem Körper.
Ich lasse die Witterung nicht los. Ich schlage gegen die Tür und sie hält. Aus dem Raum höre ich eine Stimme. Es ist die Stimme meines Sohns. Ich versuche ihn zu warnen, aber ich bleibe stumm. Er weint. Seine Stimme treibt meinen Körper weiter an, steigert den Appetit. Ein Schlag trifft die Türklinke und die Tür schwenkt nach innen. Mein Sohn sitzt auf dem Bett und heult. Als er mich sieht, ruft er seinen Papa, ruft er mich, aber ich antworte ihm nicht, kann ihm nicht antworten.
Ich möchte ihn anschreien davonzulaufen, möchte ihn warnen, möchte ihm helfen. Ich strecke meine blutigen Hände nach ihm aus. Der Geruch treibt mich in den Wahnsinn. Er riecht so gut. Sein Herz pocht ohrenbetäubend laut. Es schmerzt schon fast in den Ohren. Es muss aufhören. Ich greife zu, ziehe ihn heran und… wache schweißgebadet auf. In meinem Rachen ist der Geschmack nach Magensäure. Ich habe im Schlaf gewürgt. Die Uhr zeigt kurz vor sechs. Ich stehe auf und überzeuge mich davon, dass es meiner Familie gut geht und bin erleichtert, beide gesund in ihren Betten anzutreffen.

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