Freitag, 4. März 2011

Kapitel 62

Kapitel 62

Nach dem Gespräch mit Bruno versuchte sich Paul so gut es ging nichts anmerken zu lassen. Bruno ließ keine Zweifel daran, dass man nichts überstürzen wolle, die Zeit aber dränge. Noch hätte man die Chance, einer Eskalation entgegenzuwirken, noch waren die Soldaten nicht auf der Straße. Die Bundeswehr hatte die Männer, das Material und die schweren Fahrzeuge, aber die Polizei hatte die Informationen.

War der militärische Abschirmdienst auch dazu übergegangen, die Polizei zu überwachen, so konnten sie doch nicht alle Beamten gleichzeitig beschatten und abhören. Ein inzwischen leer stehendes und dem Innenministerium unterstelltes Behandlungs-, bzw. Pflegezentrum diente fortan als Treffpunkt. Auf den fast menschenleeren Straßen waren Verfolger leicht auszumachen und konnten entsprechend einfach abgehängt werden. GPS- oder Mobilfunkgeräte wurden für die Dauer der konspirativen Treffen deaktiviert oder sicherheitshalber gar nicht mitgeführt.

Für Paul war es das erste Treffen. Aufgrund seiner Verbindungen zu Horst und der daraus resultierenden Überwachung durch den MAD konnte er erst spät ins Boot geholt werden. Spät, aber noch früh genug, um mit seinen Kollegen die letzten Nuancen des Plans auszuarbeiten. Der Umsturz sollte schnell und unblutig von statten gehen. Die Schusswaffen würden nur im äußersten Notfall zum Einsatz kommen, der Gebrauch würde aber den Beamten obliegen.

Durch die Einbindung der Bundespolizei war man erstmals auch an schwere Waffen gelangt. Die an den Waffen trainierten Einheiten der Bundespolizei würden für Sicherungszwecke eingesetzt, die Einheiten der GSG9 waren ebenfalls schon mit eingebunden. Entscheidende Faktoren für das Gelingen der Operation würden Geschwindigkeit und koordiniertes, abgestimmtes Vorgehen sein. Ein Zusammenspiel auf bundesweiter Ebene, mit der Herausforderung, am MAD vorbei zu operieren.

Das Treffen wurde in einem ehemaligen „Behandlungsraum“, der zu einer Art Vorführraum umgebaut wurde, durchgeführt. Wo zuvor Betten standen und Gehirne extrahiert wurden, wurden Klappstühle aufgestellt und am Ende des Raums eine kleine Bühne mit Podest und dahinter eine Leinwand errichtet. Auf der Leinwand wurden Details des Einsatzes visuell dargestellt, Ziele definiert und Pläne dargestellt.

Die teilnehmenden Beamten waren dazu aufgefordert, sich handschriftliche Notizen zu erstellen. Diese waren möglichst knapp zu halten und sollten nur die eigenen Befehle betreffen, um zu vermeiden, dass eine Enttarnung zum scheitern des gesamten Vorhabens führen könnte. Paul erkannte sich in einer Folie wieder und notierte sich Zeit, Ort, Erkennungszeichen und einen Teil des Einsatzbefehls.

Die Teile des Einsatzbefehls waren so formuliert, dass nur alle Mitglieder des Teams den kompletten Einsatzbefehl entschlüsseln konnten. Eine erneute Maßnahme, die Durchführung der Operation zu sichern und dem MAD nicht in die Hand zu spielen. Die Zielsetzung der Operation wurde erneut wiederholt. Schusswaffengebrauch nach eigenem Ermessen, aber möglichst nur im Notfall, schnelles Vorgehen und unbedingte Einhaltung der Zeitpläne waren die Schlüssel zum Erfolg, waren der Schlüssel für eine gesicherte Zukunft des Landes.

Um keinen Verdacht zu erregen, wurde die Versammlung nach und nach aufgelöst. Dabei wurde darauf geachtet, dass nicht zu viele Wagen gleichzeitig in eine Richtung abfuhren und sich die Autos langsam verloren. Paul wartete ab und schloss sich einer Gruppe von Beamten an, die sich offensichtlich schon kannten. Als Paul an die Gruppe herantrat, wurde er erst misstrauisch beäugt, bis einer aus der Gruppe, vielleicht Anfang 40, graue Ansätze in den Haaren mit kantigen Gesichtszügen und glatt rasiertem Gesicht sich an Paul wand.

„Hi, ich bin der Wolfgang. Die nennen mich hier alle Wolle. Dich hab ich hier noch nie gesehn.“

„Hallo Wolfgang.“ Paul streckte Wolfgang die Hand entgegen, der die Geste erwiderte und mit festem Druck quittierte. Paul verzog leicht das Gesicht, was bei Wolfgang ein kleines Lächeln provozierte.

„Fester Händedruck.“ Bemerkte Paul mit einer Grimasse, woraufhin beide lachen mussten.

„Ja, ich bin das erste Mal dabei. Ich wurde erst kürzlich ins Boot geholt, weil ich wohl schon seit längerem vom MAD überwacht werde.“

„Vom MAD? Scheiße, warum haben die dich denn auf dem Kieker?“

„Ach, das würde jetzt zu weit führen.“

„Hm, verstehe, ist auch kein Problem. Du bist bei der Einsatzpolizei?“

„Ja. Ihr schaut nach SEK aus.“

„Gut erkannt. Wir bekommen die härteren Brocken.“

Wolfgang lächelte wieder, ohne dabei aber überheblich zu wirken. Vielmehr konnte Paul in Wolfgangs Augen erkennen, dass er hinter seinen rauen Schale Angst hatte. Paul konnte das nachvollziehen. Er hatte auch Angst, wusste nicht, was auf ihn zukommen würde.

„Ihr schafft das schon. Hey, ihr seid die besten, die wir haben.“

Paul schenkte Wolfgang ein aufmunterndes Lächeln, das dieser quittierte. Wolfgang nahm Paul an der Schulter und zog ihn an die Gruppe heran.

„Hey Jungs, das ist Paul. Der ist in Ordnung. Und jetzt sagt alle schön hallo.“

Die Gruppe lachte und begrüßte ordentlich den Neuzugang in ihrer Gruppe.

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