Sonntag, 6. März 2011

Kapitel 64

Kapitel 64

Paul und Eva gingen die Straße entlang und begannen ein Gespräch. Um nicht verdächtig zu wirken, dämpften sie die Lautstärke ihrer Unterhaltung nur unwesentlich und wirkten dadurch wie ein Paar auf dem Nachhauseweg. Als sie in die Straße einbogen, spürten sie Mehmets Blick im Rücken und waren selbst bemüht, alle Details zu erfassen. Die Straße war ca. 500 Meter lang, auf beiden Seiten gesäumt von zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern.

Am Straßenrand standen einige Autos, viele davon wahrscheinlich schon seit Wochen nicht mehr bewegt, trotzdem alle auf Hochglanz poliert. Die Häuser selbst waren eine bunte Mischung aus Neubauten und Gebäuden, die hier schon seit mindestens 30 Jahren standen. Waren sie auch gepflegt, so wirkte manche Designentscheidung einfach nicht mehr zeitgemäß. Manch Dach oder Balkon war scheinbar so aus den 60ern oder 70ern in die Moderne gerettet worden.

Das relevante Gebäude stand ungefähr in der Mitte der Straße, davor ein ca. sechs Meter breiter Garten und eine Garageneinfahrt. Der Garten ging in einem schmalen Streifen um das Haus und führte in einen größeren Garten auf der Rückseite des Gebäudes. Der Garten war durch einen schulterhohen Zaun von den Nachbaranwesen getrennt. Im Garten selbst waren einige Sträucher und wahrscheinlich Obstbäume, was aufgrund der Jahreszeit für Paul nicht eindeutig zu erkennen war.

Auf der anderen Straßenseite entdeckte Paul einen Lieferwagen mit hinten abgedunkelten Scheiben.  Mit einem flüchtigen Blick auf das Kennzeichen stellte Paul fest, dass der Wagen mit seinem Berliner Kennzeichen in der Nachbarschaft etwas fehlplatziert wirkte. Um nicht aufzufallen, verlangsamte Paul seinen Schritt nicht merklich, und richtete seinen Blick wieder nach vorne, deutete Eva aber an, einen Augenblick ruhig zu sein. 

Angestrengt horchte Paul in die Nacht, konnte aber keine verdächtigen Geräusche wahrnehmen. Gespielt kitzelte er Eva an der Hüfte, die ihn dafür an der Schulter knuffte und zog mit ihr scherzend weiter. Als sie am Ende der Straße angekommen waren, bogen sie nach rechts ab, um auf einer Parallelstraße zum Team zurückzukehren. Beim Rückweg gaben sie sich unauffälliger. Zwischen zwei Häusern konnte Paul den Lieferwagen entdecken. 

Schnell ging er nach unten in die Hocke und bedeutete Eva, es ihm gleich zu tun. So vor eventuellen Blicken geschützt, beobachtete Paul den Lieferwagen. Der lag wie zuvor still und bewegungslos da. Paul überlegte sich, wie er näher an den Wagen herankommen könnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. In dem Haus, an dem er stand, brannte Licht, Rollläden verhinderten aber, dass die Anwohner in den Garten sehen konnten. 

In dem dahinter liegenden Haus flimmerte ein Fernsehgerät. Das Risiko, von Anwohnern entdeckt zu werden, war relativ gering und so entschied sich Paul, sich dem Lieferwagen durch die Gärten zu nähern. Einige dichte, aber blattlose Büsche, würden genug Deckung bieten. Zusätzlich zog sich Paul die Sturmmaske ins Gesicht, ging ein paar Meter zurück, und sprang leise über den Zaun. Auf der anderen Seite ging er wieder nach unten und näherte sich so unauffällig wie möglich dem Lieferwagen. 

Der lag wie zuvor still und ruhig da und wären da nicht die getönten Scheiben, hätte Paul seine Existenz als natürlich abgetan. Paul hoffte, dass eventuelle Insassen keine Wärmebildkameras verwendeten, oder Bewegungssensoren einsetzten, um die Gegend zu sichern. Am Ende des Gartens angekommen, kniete er sich auf den Boden und verharrte dort und hielt die Luft an. Aus dem Haus dröhnte der Fernseher. Schüsse fielen und ein Maschinengewehr feuerte auf einen unbekannten Angreifer. 

Wenn das heute in die Hose ging, würden hier noch richtige Schüsse fallen, dachte sich Paul und verharrte weiter. Nichts. Kein Geräusch. Doch. Da. Ein Knarzen. Einbildung? Nein, schon wieder. Etwas in dem Lieferwagen musste sich bewegt haben. Kaum merklich, aber doch hörbar dämpften die Stoßdämpfer des Wagens eine Bewegung im Inneren ab. Also doch. Auf dem gleichen Weg, wie er hingekommen war, schlich sich Paul zurück und sprang zurück auf die Straße. 

Den restlichen Weg legten sie geduckt zurück und gingen hinter dem Gestrüpp in Deckung. Dort fanden sie nach ein paar Metern Mehmet. 

„Und?“

„Der Lieferwagen.“

„Mhm, dachte ich mir schon. Habt ihr was gesehen?“

„Nein, aber ich hab mich von der anderen Seite angeschlichen und ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass der Wagen geknarzt hat.“

„Geknarzt?“

„Naja, du weißt schon, die Stoßdämpfer haben kurz aufgeächzt. Irgendjemand muss sich da drin bewegt haben. Der ist mit Sicherheit nicht leer.“

„Ok. Sonst noch was?“

„Ja, der Garten vorm Haus ist vom Nachbargrundstück aus erreichbar. Wir könnten also von der anderen, unbewachten Seite aus vorgehen.“

„Klingt gut. Eva. Was meinst du?“

„Wenn im Lieferwagen jemand sitzt, dann müssen wir uns auf ein Feuergefecht einstellen. So oder so. Ich wäre dafür, den Lieferwagen hochzunehmen und dann das Haus zu stürmen.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen