Mittwoch, 9. März 2011

Kapitel 67

Kapitel 67

Die Aktion war ein voller Erfolg. Innerhalb einer halben Stunde gelang es der Polizei, in einer deutschlandweiten Aktion so gut wie aller Generäle oder ihrer Familien habhaft zu werden. Die Gefangenen wurden in geheimen Orten, über das ganze Land verteilt, interniert. Die Bundeswehr war damit führungslos. Die Mannschaftsdienstgrade waren kaum dazu in der Lage, eine weit verzweigte Operation durchzuführen, die Bundeswehr damit ein kopfloser Löwe.

Generäle, derer man nicht habhaft werden konnte, wurden mit ihren Familien erpresst. Ein perfider Plan, aber notwendig, um die Einheit des Landes zu erhalten. Natürlich war man sich bewusst, dass man die Generäle später benötigen würde, um die Abwehr des Landes zu koordinieren. Trotzdem sah man im Führungskader des Innenministeriums keinen anderen Weg. Sobald das Verteidigungsministerium übernommen war, würde man sich darum kümmern müssen.

Jetzt, da die Bundeswehr entmachtet war, ging es darum, den Verteidigungsminister seines Amtes zu entheben. Noch bewachten schwer bewaffnete KSK-Truppen das eigens eingerichtete Ministerium und noch wollte man sich nicht auf eine direkte Konfrontation begeben. Stattdessen wurde damit begonnen, bisher geheim gehaltene Informationen über den Verteidigungsminister über die Medien zu streuen. Wie ein zahnloser Tiger war der Verteidigungsminister dagegen machtlos.

Nach und nach wurden Informationen gestreut, die dem Ruf des Ministers schadeten. Gleichzeitig wurde versucht, die jetzt brach liegende Kommandostruktur der Bundeswehr mit Führungspersonal aus der Bundespolizei zu besetzen, was nur teilweise gelang, und zur Folge hatte, dass sich auch die Bundeswehr langsam in zwei Lager spaltete, weil es einigen wenigen Generälen gelang, eine vorübergehende Kommandostruktur mit niedrigeren Dienstgraden einzurichten.

Die Situation im Land war verworren und die Stimmung explosiv. Ein Funke könnte das Fass zum explodieren bringen und das Land im Bürgerkrieg versinken. Von all dem drang nichts an die Bevölkerung. Die wurde mit Brot und Spielen ruhig gestellt. Lebensmittelrationen wurden vorübergehend erhöht, und mediale Ablenkung geschaffen, in dem Personen diskreditiert wurden und mehr oder weniger öffentlich medial hingerichtet wurden.

Das Verteidigungsministerium war eindeutig in der Defensive. Ohne Kontrolle über die Medien und ohne die großflächige Unterstützung durch die Bundeswehr war mittelfristig keine groß angelegte Aktion möglich. Nach gerade einmal drei Tagen kamen deswegen erste Signale aus dem Ministerium, dass man zu Gesprächen bereit sei, um eine Lösung zu finden, das Land gemeinsam wieder in eine Spur zu bringen, um gemeinsam das große Ziel weiterzuverfolgen.

Das Innenministerium sah das anders. Das Verteidigungsministerium sollte ab sofort dem Innenministerium unterstellt werden, die Generäle dem Innenminister verpflichtet. Der Vorschlag wurde postwendend abgelehnt. Ein von den meisten Generälen in Gefangenschaft unterzeichneter, offener Brief an das Verteidigungsministerium, in dem darum gebeten wurde, die Zukunft des Landes und nicht die eigene Position im Auge zu behalten, wurde als Verrat am Lande abgetan, die Generäle ihres Amts enthoben und in Abwesenheit wegen Hochverrats eine lebenslange Haft gemäß Notstandsverordnung ausgesprochen.

Paul fühlte sich nach der Aktion nicht gut. Er kam sich missbraucht vor und verurteilte die Vorgehensweise der Polizei, seine eigene Vorgehensweise, als verbrecherisch und unethisch. Selbst wenn das der einzige Weg war, das Verteidigungsministerium zum einlenken zu bewegen, war die Polizei im Unrecht. Sollte das die Zukunft Deutschlands sein? Ein noch stärkerer Schwenk hin zum Unrechtsstaat? Besser Unterdrückung als Zombie? Paul schüttelte sich, als könnte er dadurch die Schuld von sich abschütteln.

Intern sprach man von Selbstverteidigung, von Notwehr. Ähnlich der Notwehr seien außerordentliche Mittel ergriffen worden, um das Land vor Unheil zu beschützen, um das Innenministerium und die Polizei als ganzes vor äußerer Beeinflussung zu bewahren. Ein Hohn, angesichts dessen, dass man selbst den Präventivschlag gegen das Militär durchgeführt, und dieses über Nacht entmachtet hat.

Pauls Vorgesetzter, Bruno Herling, war dagegen zufrieden. Obwohl sich die Machtübernahme noch hinzog, wurden die gesteckten Ziele erreicht und teilweise noch übertroffen. Ranghohe Generäle konnten dank Einheiten der GSG9 und Hubschraubern teilweise aus stark gesicherten Bereichen entführt werden, der gesamte Verteidigungsapparat wurde stillgelegt, bevor er reagieren konnte. Mit rund 90 Toten und 245 Verletzten auf beiden Seiten, blieben die menschlichen Verluste auch noch im Rahmen des vertretbaren. Zumindest im vertretbaren dessen, was sich das Innenministerium zusammen mit den Landesinnenministerien als Ziel gesetzt hatte.

Gegenüber der Bevölkerung wurde der komplette Vorfall als Akt der Terrorbekämpfung verkauft. Als Akt zur Sicherung des Landes vor zerstörerischen Umtrieben und gegen die Schwächung der Verteidigungsbereitschaft, durchgeführt von Kräften der Polizei und der Landesverteidigung. Und die Menschen glaubten es bereitwillig, glaubten den Medien und ihren Vertretern und waren durch nichts in ihren Glauben an die oberste Landesführung zu erschüttern.

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