Mittwoch, 9. März 2011

Kapitel 68

Kapitel 68

Es ist scheiße kalt draußen. Der nahende Frühling hat uns einen Streich gespielt und kurz vor Frühlingsbeginn die Temperaturen kräftig sinken lassen. Menschen frieren. Wer nicht noch einen vollen Öltank im Keller stehen hat, hat Pech gehabt. Heizöl wurde genau wie Erdgas streng rationiert. Die deutschen Erdgaslagerstätten sind fast leer und Nachschub kommt nur tröpfelnd. Die Nachrichten berichten darüber, dass die meisten russischen Erdgasförderstätten zwischenzeitlich überrannt wurden.

Der Nachschub aus anderen Ländern ist bei weitem nicht ausreichend und auch wenn es schon Bemühungen gibt, Erdgas aus anderen Quellen zu gewinnen, steht uns wenigstens noch ein kalter Winter bevor. Wir haben Glück. Unser Heizöltank wurde befüllt, bevor es zur großen Krise kam. Dieses Jahr schlafen wir noch im Warmen, aber an den kommenden Winter will ich lieber nicht denken. Der Renner diese Tage sind auf jeden Fall Elektroöfen und vielerorts bereits ausverkauft.

Wenigstens der Strom fließt noch aus den Steckdosen. Zu verdanken haben wir das der Atomenergie. Die Stärkung der Atomenergie ist eines der Dinge, die sich unsere Übergangsregierung ganz groß auf die Fahnen geschrieben hat. Scheinbar hat man es sich auch auf die Fahnen geschrieben, das Verteidigungsministerium mit Spott und Schande zu überziehen. Die größte Tageszeitung des Landes feierte dann auch seinen Rücktritt entsprechend mit den Worten „Heute ist ein Gutter Tag.“.

Keiner weiß, woher der Stimmungsumschwung kam. Nachdem die Übergangsregierung gebildet wurde, wurden die beiden Ministerien nicht müde darin, sich gegenseitig in den Himmel zu loben, bis die Stimmung vor einigen Tagen umschwenkte. Angeblich gab es Meinungsverschiedenheiten, Angehörige von Soldaten berichten, dass es Schießereien zwischen Polizisten und Einheiten der Bundeswehr gekommen sei. Ein absurder Gedanke, den ich gar nicht weiter verfolge.

Ich stehe auf, schließe das Fenster und gehe in die Küche. Meine Frau steht dort und brüht sich gerade einen Kaffee auf. Ich schließe mich an und brühe mir einen starken Kaffe auf. Die Albträume lassen mich kaum noch eine Nacht ruhig durchschlafen und die Ringe unter meinen Augen wachsen. Fast jede Nacht wache ich schwitzend, manchmal schreiend, auf. Ich bin kurz davor einen Psychiater aufzusuchen, habe aber Angst als Idiot dazustehen.

Mit dem Kaffee in der Hand schlurfe ich ins Wohnzimmer. Mein Sohn spielt auf dem Boden mit seinen Dinosauriern und ich staune immer wieder, welche Energie der Kleine in aller Herrgottsfrühe schon aufbringt. Ich schlurfe weiter zur Couch, stelle die Tasse auf den Tisch und setze mich hin. Meine Frau schlürft gerade an ihrem Kaffee. Draußen peitscht der Wind Schneeregen gegen das Fenster und die Bäume biegen sich im Wind.

Ich bin froh, dass Wochenende ist, und ich heute im Haus bleiben kann. Bei dem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür und ich will schon gar nicht. Die, die draußen sind, werden vom Wind gepeitscht und scheinen teils Mühe zu haben, auf den Füssen zu bleiben. Meine Frau fragt mich, ob ich wieder einen Albtraum hatte, was ich bejahe. Eigentlich wär meine Antwort überflüssig, bin ich doch wieder schreiend aufgewacht.

Meine Frau bittet mich, doch endlich Hilfe aufzusuchen. Bittet mich, mich in Behandlung zu geben, weil es so nicht weitergehen könne. Ich habe schreckliches gesehen und kann das nicht alleine verarbeiten. Ich würde nicht nur mich, sondern meine ganze Familie damit belasten. Ich könne so nicht weitermachen. Es ist dieselbe Ansprache, wie fast jeden Tag, seitdem ich von den Albträumen heimgesucht werde. Es ist wie ein Mantra, wie ein Morgenritual.

Das Brüllen meines Sohns reißt mich aus meinen Gedanken. Sein Tyrannosaurus attackiert den Triceratops und auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers entbrennt eine tosende Schlacht um Leben und Tod. Selbst Millionen von Jahre nach ihrem Aussterben kämpfen diese Urzeitwesen noch immer um ihr Überleben, denk ich mir und lache aufgrund des absurden Gedanken über mich selber. Einige Zeit beobachte ich meinen Sohn und kann den Triumph des Triceratops miterleben.

Der Schwächere hat über den Stärkeren triumphiert. Ob der Kampf vor Millionen Jahren ähnlich ausgegangen wäre? Ob der Triceratops mit seinen Hörnern den scharfen Reißzähnen des Tyrannosaurus tatsächlich hätte Paroli hätte bieten können? Können denn wir Menschen diesen Infizierten Paroli bieten? Was können unsere Waffen gegen Wesen ausrichten, die schon tot sind? Was nutzen uns Flugzeuge, Hubschrauber, Flugzeugträger und Massenvernichtungswaffen jetzt? Gegen wen sollen wir sie einsetzen?

Wir bauen tolle Mauern und igeln uns ein, während um uns herum die Welt verreckt. Wir bunkern Lebensmittel und bereiten uns so gut es geht auf das Unvermeidliche vor. Irgendwann wird die Seuche vor unserer Tür stehen und irgendwann werden wir uns dem stellen müssen. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Nachrichtensendungen die Karte um uns herum rot oder schwarz einfärben werden. Mir wird kalt und ich bin wieder allein mit meinen Gedanken.

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