Mittwoch, 9. März 2011

Kapitel 69

Kapitel 69

Die Kapitulation des Verteidigungsministeriums kam überraschend. Pauls Zweifel wurden durch die aufkeimende gute Stimmung auf Arbeit leicht zerstreut. Nach dem Abgang des Verteidigungsministers übernahm der Innenminister die Ämter und setzte einen neuen, ihm direkt unterstellten Innenminister ein, der forthin die Geschicke des Amtes leiten sollte. Den Generälen wurde das Angebot unterbreitet, ihren Diensteid auf den neuen Verteidigungsminister zu schwören, oder unter militärischen Ehren und vollen Dienstbezügen abzutreten.

Über 90 % der obersten Dienstränge nahmen das Angebot wahr und beschlossen, dass sie dem Land auch unter neuer Führung dienlich sein mussten, dass sie es nicht leisten konnten, Deutschland und seine Bürger jetzt im Stich zu lassen und dass sie die einzigen waren, die Deutschland in der Krise beschützen könnten. So gesehen kehrte langsam wieder Ruhe ein. Als erste Amtsmaßnahme wurden die Mitarbeiter aller Sicherheits- und Abschirmdienste dem Innenministerium unterstellt.

Damit kastrierte der neue Verteidigungsminister zwar augenscheinlich seine eigene Macht, hatte aber das Innenministerium noch unter sich und damit die totale Macht im Land. Man munkelte auch schon spaßeshalber, dass er über kurz oder lang den Posten des Verteidigungsminister ebenfalls anderweitig besetzen und sich auf Grundlage eines neuen Gesetzes zum vorübergehenden Alleinherrscher aufschwingen würde.

Paul fand das gar nicht witzig und sogar im Rahmen des möglichen, stellte der Verteidigungsminister doch momentan das höchste zu bekleidende Amt in Deutschland dar, mit absoluter Macht über alle Bereiche. Beschlüsse mussten nicht mehr verifiziert oder abgesegnet werden und Gesetze konnten über Nacht neu beschlossen werden. Die Regierungen der Bundesländer waren nur noch Staffage und dienten nur noch zur Wahrung des Scheins. Wer Militär und Polizei hinter sich vereint weiß, kann dieses Land regieren.

Für die Polizei waren die Ereignisse prinzipiell positiv. Die Dienstpläne konnten entzerrt und viele Bewachungsaufgaben an die Bundeswehr delegiert werden. Urlaube konnten genommen und Überstunden abgetragen werden. Paul hatte das Glück, zwei Wochen Urlaub am Stück genießen zu können. Das heißt, er hätte sie genießen können, wenn das Wetter mitgespielt hätte. Stattdessen setzte nass kaltes Wetter mit gelegentlichem Frost über Nacht ein.

Paul wollte die nächsten Tage nicht weiter auffallen und teilte dies auch Horst mit. Dies und das, was er von Bruno erfahren hatte. Horst warnte Paul vor Bruno, erklärte ihm, dass der alles für seine Karriere machen würde und er sich vorsehen solle. Paul bedankte sich und verabschiedete sich auf dem Revier. Bei den meisten Kollegen kam wenig Neid auf. Sommer, Sonne, Party und Meer waren aufgrund der aktuellen Lage unmöglich und in Deutschland regierte das schlechte Wetter.

Paul beschloss die Zeit zu nutzen, um seine Familie zu besuchen und drei Wochen die Füße still zu halten. Des Weiteren würde er die Zeit nutzen, seine Kopfschmerzen auszukurieren, ohne fortlaufend auf Schmerzmittel zurückgreifen zu müssen. Möglicherweise würde er auch den Polizeipsychiater aufsuchen, um die Ereignisse der letzten Wochen aufzuarbeiten, oder ein Date mit seiner Kollegin Martina klarmachen.

Als Paul die Wache verließ, fiel ihm auf, dass von vielen Kollegen eine seit Wochen herrschende Anspannung abgefallen war. Viele Kollegen standen zusammen, unterhielten sich und Lachen tönte über die Gänge. Über die Gänge, in denen die letzten Wochen meist nur gedämpfte Unterhaltungen getätigt wurden oder Kollegen wortlos aneinander vorbeihuschten. Der Knoten war geplatzt, die Stimmung gelöst und eine allgemeine positive Haltung überall erkennbar.

Trotz seiner Vorbehalte konnte Paul nicht anders, als sich von der Stimmung mitreißen zu lassen. Als beim verlassen des Reviers auch noch der Himmel aufriss und Sonnenstrahlen einen Weg durch die Wolken fanden, vergaß Paul für einen Moment die ganze Scheiße der letzten Wochen. Für einen Moment schien die Welt in Ordnung zu sein, für einen Moment war alles normal und schön, für diesen einen Moment lohnte es sich, zu überleben.

Noch im gehen holte Paul sein Mobiltelefon aus der Tasche und schaltete es an und noch während er überlegte, wen er anrufen könnte, vibrierte das Gerät, um eingehende Benachrichtigungen anzuzeigen. Eine, zwei, drei… Paul hörte auf mitzuzählen. Am Ende wurden 11 unbeantwortete Anrufe und acht Textmitteilungen angezeigt. Paul überlegte kurz, wann er sein Mobiltelefon zum letzten Mal eingeschaltet hatte und konnte sich nicht wirklich erinnern.

Er öffnete den Nachrichteneingang und fand Nachrichten seiner Mutter und seiner Cousine. Er öffnete die erste seiner Cousine und fand dort die Bitte um Rückruf. Bei der zweiten ebenfalls, nur mit dem Hinweis, dass es dringend sei. In der dritten flehte sie Paul förmlich an, sich zu melden und als er die Nachricht seiner Mutter öffnete, wurde ihm klar warum. Von einem Moment auf den anderen verwandelte sich der eben noch als so normal empfundene Tag zu etwas abgrundtief bösem, zu einem Monster, das Paul zu verschlingen schien.

Sein Blick richtete sich wieder und wieder auf das Display, als würde er darauf vertrauen, dass sich die Nachricht ändern würde. Aber die Nachricht blieb die gleiche. „paul ruf bitte zurück. dein vater wurde gestern in das kkh eingeliefert und ist heute nacht verstorben. ich liebe dich deine mutter“ Paul kämpfte gegen die Tränen an so lange es ging, musste sich dann aber geschlagen geben und brach auf offener Straße in Tränen aus.

Ende

Buch 1 - Dämmerung - ist damit abgeschlossen. Für Band 2 hab ich schon die nächsten Kapitel vorbereitet.

Jedes Ende ist ein neuer Anfang. Danke an alle Leser, ich hoffe, ihr seid auch beim nächsten "Buch" mit dabei. Mehr dazu morgen.

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