Freitag, 11. März 2011

Untot – Band 2 – Kapitel 1

Untot – Band 2 – Kapitel 1
Juan Pablo Estevez stand an der Bar in einem kleinen mexikanischen Kaff, weit im Südwesten des Landes. Im Fernsehen liefen Berichte über Ausschreitungen im Süden und dass die Armee zur Niederschlagung der Ausschreitungen abkommandiert wurde. Juan und die anderen Gäste blickten gespannt auf den Fernseher, konnten nicht glauben, was sie da sahen. Der Reporter im Hintergrund sprach von lebenden Toten.

Die Stimme des Reporters überschlug sich, während neben ihm die Leute vorbeiliefen, Gewehrfeuer aufblitzte und schwere Kettenfahrzeuge vorbeirasselten. Das waren keine Ausschreitungen, das war Krieg. Krieg gegen lebende Tote. Der Reporter schrie dem Kameramann etwas zu, der daraufhin eine Szene einfing, die eine Gruppe von Menschen zeigte, die gierig ihre Zähne in den Körper eines um Hilfe flehenden Mannes schlugen und ihm dabei Fleischstücke herausrissen. 

Der Kameramann schwenkte wieder auf den Reporter, der erwähnte, dass überall in der Stadt Menschen begannen auf andere Menschen loszugehen, dass sich überall die Getöteten wieder erhoben, um ihrerseits Jagd auf die Lebenden zu machen. Eine Gruppe Soldaten bezog neben dem Kamerateam Stellung und eröffnete das Feuer. Der Reporter duckte sich und hielt sich die Ohren zu, der Kameramann verzog die Kamera und filmte den Himmel, bis er nach einiger Zeit den Reporter wieder im Fokus hatte.

Im Bild erschien ein Offizier, der das Team aufforderte, die Übertragung unverzüglich einzustellen. Der Reporter schrie, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf habe zu erfahren, was hier passiere und redete weiter auf den Offizier ein, der ohne weitere Worte zu verlieren seine Dienstwaffe zog und den Kameramann erschoss. Die Kamera fiel auf den Boden, schlug auf und blieb mit Blick auf die Füße des Reporters liegen. Die Übertragung lief weiter.
Ein zweiter, aus unmittelbarer Nähe abgegebener Schuss ertönte und das Bild zeigte den zusammenbrechenden Reporter. Unter seinem Kopf breitete sich langsam eine Blutlache aus. Das Bild wurde abgeschaltet und durch einen Hinweis auf eine technische Störung ersetzt. Die meisten Gäste starrten ungläubig auf den Fernseher, keiner konnte glauben, was sie soeben mit eigenen Augen gesehen hatten und keiner beachtete die Leute, die in die Bar kamen. 

Das änderte sich erst, als der an der Tür sitzende Jesus Gonzales, ein Bauer aus dem Umland, einen Hilfeschrei ausstieß. Juan nahm an, dass es sich dabei um einen Hilfeschrei handelte, denn im Schrei verwandelte sich Jesus‘ Stimme in ein gurgelndes Etwas. Als Juan den Kopf drehte, sah er, wie Jesus von mehreren Dorfbewohnern angefallen worden war. Juan erkannte seine Nachbarin und ihre zehnjährige Tochter, die sich beide in Jesus‘ Arm verbissen hatten und der Bürgermeister des Ortes, Jóse Pazarres, riss Jesus gerade ein Stück Fleisch aus seinem Hals. 

Juan stand wie angewurzelt weiter an seinem Platz. Einer der anderen Gäste, Carlos Martinez, sprang auf, um Jesus zur Hilfe zu kommen, wurde aber von einem Fremden überrascht, der in der Tür erschien und sich sofort auf Carlos warf. Beide gingen zu Boden und Juan sah, wie Carlos bemüht war, sich des Fremden zu erwehren. Carlos versuchte den Kopf des Fremden von sich wegzudrücken und hätte es auch beinahe geschafft. 

Carlos‘ kleiner Finger stand ein paar Zentimeter vorm Mund den Fremden, der plötzlich zubiss und Carlos‘ Finger von der Hand abtrennte. Carlos schrie auf und zog instinktiv die Hand zurück und riss den anderen Arm schützend hoch. Die Zähne des Fremden bohrten sich tief in das Fleisch von Carlos‘ Arm und zogen daran, bis sich mit einem reißenden Geräusch ein Fetzen Haut, Fleisch und Sehnen daraus lösten und im Maul des Fremden verschwanden. 

Weitere Gäste sprangen auf, versuchten aus der Türe zu gelangen und liefen direkt in die Arme von weiteren Dorfbewohnern und Fremden. Juan riss sich aus seiner Versteinerung und sprang über den Tresen. Dort kauerte der Wirt und betete. Juan schrie ihn an, schien aber nicht zu ihm durchzudringen. Blutüberströmt landete Emilio hinter der Bar, erblickte Juan und den Wirt und deutete auf die nach hinten führende Türe. 

Juan nickte Emilio zu und versuchte den Wirt hochzuziehen, ihn zu überreden, mitzukommen. Der reagierte nicht. Juan sah, wie sich einige der Kreaturen über die Bar beugten, sah, dass sie versuchten die drei Männer zu erreichen. Es war keine Zeit mehr. Juan sprang hoch, lief zur Tür und Emilio folgte. Die Tür war nicht verschlossen. Juan riss sie auf, stürmte in das Zimmer und ließ sie ins Schloss fallen, nachdem Emilio im Zimmer war. Juan entdeckte einen Schlüssel und verschloss die Tür. 

Das Zimmer diente dem Wirt als kleines Büro. Neben einigen Aktenschränken, einem kleinen Safe und einem Schreibtisch war das Zimmer fast leer. Ein Fenster führte nach draußen in einen kleinen Hof. Aus dem Gastraum ertönte ein Schrei. Juan erkannte die Stimme, es war die des Wirts. Kurz darauf wurde gegen die Tür geschlagen. Einmal, zweimal… Noch waren es einer oder zwei, aber es würden sicher bald mehr werden. 

Juan legte keinen Wert darauf, es zu erfahren. Er lief zum Schreibtisch, rief Emilio zu, ihm zu helfen und gemeinsam wuchteten sie den schweren Tisch gegen die Tür. Das würde sie lange genug aufhalten, um die weitere Flucht zu planen. Juan ging zum Fenster und sah hinaus. Der Hof war dunkel und ruhig. Juan zog das Fenster auf und sofort strömte warme Nachtluft in den Raum. Die Luft roch nach Verwesung und nach Feuer. Irgendwo musste es brennen, denn Juan sah ein flackerndes Licht, dass flackernde Schatten in den Hof warf.

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