Sonntag, 20. März 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 10

Untot - Band 2 - Kapitel 10
Es heißt, Kinder können Schicksalsschläge leichter wegstecken als Erwachsene. Es heißt, Kinder sind viel härter im nehmen, als man allgemein annimmt. Juan wusste nicht, ob das stimmt, aber als er in die Augen von Antonio und Carmen sah, bezweifelte er es. Beide sprachen kein Wort, brachen immer wieder in Tränen aus und verweigerten die Nahrungsaufnahme. Juan bedachen sie mit abfälligen und ängstlichen Blicken und Juan konnte es ihnen nicht übel nehmen.
Die zwei Kinder hatten in ihren jungen Jahren, innerhalb weniger Tage, mehr Grauen erleben müssen, als manche ihr ganzes Leben. Juan versuchte sich zu entschuldigen, versuchte sich zu erklären, versuchte den Kindern Trost zuzusprechen, setzte mehrmals an, konnte aber nicht zu den Kindern durchdringen. Er sah zu Maria. Maria erwiderte seinen Blick und signalisierte ihm mit schüttelndem Kopf, die Bemühungen vorerst einzustellen.
Juan ging zum Dachfenster und sah hinaus. So weit Juan sehen konnte, waren keine Untoten zu sehen. Dazu war der Hof wahrscheinlich zu abgelegen und selbst die Schüsse waren wohl nicht weit genug zu hören gewesen. Das Dach selbst war mit gebrannten Ziegeln bedeckt, von innen durch Bretter gestützt. Juan ging zurück, nahm den alten Schürhaken und setzte ihn unter einem Brett an. Die Spitze des Schürhakens bohrte sich zwischen Brett und Balken und hob das Brett leicht an.
Juan setzte den Schürhaken wie einen Hebel an, drückte ihn herab, erreichte damit aber nur, dass sich der Schürhaken weiter verbog. Juan nahm den Schürhaken heraus und legte ihn neben sich auf den Boden. Die Dachziegel. Das Gewicht der Dachziegel drückte auf die Bretter und erschwerte es Juan, die Bretter herauszuheben. Juan stand auf und sah wieder aus dem Dachfenster. Die Ziegel lagen auf dem Dach und Juan hasste sie. Es war nicht nur so, dass er sich den Hass einbildete, nein, er hasste diese verdammten Dachziegel mehr als alles andere auf der Welt.
Im Kopf formulierte Juan den Text für seinen Grabstein: Von Dachziegeln getötet. Möge er in Frieden und im Trockenen ruhen. Wenn er doch nur… Juan holte sich den Schürhaken und streckte einen Arm aus dem Fenster, versucht mit dem Schürhaken, Dachziegel aus dem Dach herauszubrechen, schaffte es aber nicht, ordentlich anzusetzen. Mehr als einen Arm bekam er auch nicht aus dem Fenster. Dieses verdammte Fenster war einfach zu klein für einen Erwachsenen. Juan zog seinen Kopf und den Arm wieder aus der Öffnung und blickte zu Carmen.
Carmen wollte nicht aus dem Fenster. Dafür war sie noch immer zu geschockt von dem, was vorgefallen war. Auch gutes Zureden half nichts.
„Wie viel haben wir noch an Vorräten?“
„Es ist noch Essen für drei, vier Tage da, aber das Wasser reicht höchstens noch morgen. Und wir trinken ohnehin schon nicht viel.“
„Wir müssen hier raus Maria. Kannst du bitte Carmen dazu überreden, dort aus dem Fenster zu steigen? Andernfalls werden wir hier drin krepieren, oder zu schwach sein, uns fortzubewegen.“
„Ich kann sie nicht zwingen. Ich kann sie nur bitten. Schätzchen, hast du gehört? Wenn du uns nicht hilfst, werden wir bald nichts mehr zu Essen und zu Trinken haben.“
Mit Tränen in den Augen schüttelte Carmen stumm den Kopf. Sie hatte Angst und zeigte es den Anwesenden auch. Juan zermarterte sich weiter das Gehirn.
„Habt ihr hier oben eine Säge, oder irgendwas, was man als Säge benutzen könnte?“
„Nein, ich glaube nicht. Der Werkzeugkasten steht unten in der Scheune.“
Juan wollte nicht aufgeben, sah aber momentan keinen Ausweg mehr. Sie waren hier oben gefangen. In Sicherheit, aber trotzdem schon so gut wie tot, wenn sie es nicht nach unten schaffen würden. Juan legte sich mit dem Rücken auf den Boden und begann mit den Füßen gegen das tragende Holz zu hämmern. Immer wieder trat er dagegen, bis die Füße schmerzten und darüber hinaus. Maria und die Kinder sahen ihn mit großen Augen an, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Immer wieder schlugen seine Füße gegen das Holz, bis ein klirrendes Geräusch vor draußen Juans Bemühungen belohnte.
„Was war das?“
„Ich glaube, eine der Ziegel hat sich gelöst. Maria, Antonio, helft mit!“
Gemeinsam schlugen sie gegen das Holz und mehr und mehr von den Ziegeln fielen auf den Boden. Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich, einige Bretter so weit zu lockern, dass Juan mit Hilfe des alten Schürhakens zwei Bretter so weit auseinanderziehen konnte, um zu erkennen, dass über das Dach angebrachte Bretter, auf denen die Ziegel lagen, der eigentliche Grund dafür waren, dass sich die inneren Bretter kaum bewegen ließen. Juan stand auf, und warf sich mit voller Wucht gegen die Bretter.
Seine Schulter schmerzte, aber einige Nägel gaben nach und erstmals keimte Hoffnung in Juan. Die Hoffnung, dass sie es schaffen könnten. Die Hoffnung währte solange, bis er seinen Blick draußen schweifen ließ. Mehrere Untote hatten sich angelockt durch den Lärm vor dem Haus versammelt und warteten darauf, dass sich jemand zeigen würde. Juan zählte sechs Stück, mindestens zwei kamen ihm bekannt vor, waren also aus dem Haus nach draußen gekrochen.

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