Mittwoch, 23. März 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 13

Untot - Band 2 - Kapitel 13
Juans Augen konzentrierten sich auf den Lauf der Waffe, nur langsam wagte er es seinen Blick abzuwenden und auf die dahinter stehende Gestalt zu werfen. Die lag fast vollständig im dunklen, die erkennbaren Umrisse ließen aber auf einen Mann schließen. Ein Mann, der offensichtlich bemüht war am Leben zu bleiben und alles dafür nötige zu unternehmen.
„Sag was!“
„Was…?“
„Sag was. Irgendwas. Los!“
„Ich… ich bin Juan.“
„Ok, das reicht. Du bist keiner von denen, oder? Du bist nicht gekommen, um uns aufzufressen?“
„Nein. Wir sind nur auf der Durchreise und suchen ein Dach für die Nacht.“
„Wer ist ‚wir‘?“
„Ich habe noch eine Frau und zwei Kinder dabei. Hören sie, es wäre angenehm, wenn sie die Waffe runternehmen könnten und wir uns normal weiterunterhalten.“
Schier endlose Sekunden vergingen, in denen die Pistole weiter vor Juans Kopf herumhing. Der Fremde sprach kein Wort, schien seine Optionen zu überdenken. Juan wurde langsam nervös und überlegte schon, ob er es schaffen würde, sein Gewehr abzufeuern und gleichzeitig der Kugel aus der Pistole auszuweichen, als der Lauf gesenkt wurde.
„Ok. Reden wir. Ich schlage vor, du bringst deine Freunde rein. Aber vorher verschließt du den Kellereingang.“
„In Ordnung. Womit?“
„Ich habe oben noch ein Schloss. Geh raus!“
Juan ging an dem Mann vorbei und roch seinen Schweiß. Das war nicht nur der Schweiß eines Tages. Der Mann musste hier schon länger ausharren und hatte offensichtlich schon längere Zeit keine Gelegenheit mehr, seiner Körperpflege nachzukommen. Damit unterschied er sich nicht stark von Juan und seinen Begleitern. Juan folgte der Handbewegung des unsichtbaren Fremden und sah den hellen Rahmen der Tür.
„Du musst den Riegel zurückziehen.“
Juan tat wie befohlen, zog den Riegel zurück und die Tür nach innen. Draußen warteten schon seine Begleiter und sahen ihn erwartungsvoll an.
„Geht schon mal rein. Drinnen wartet ein Empfangskomitee, ich glaube aber nicht, dass er uns was antut.“
„Du… du glaubst?“
„Alles ist besser, als die Nacht hier draußen zu verbringen. Bring die Kinder rein, ich muss noch was erledigen. Und lasst die leeren Wasserflaschen da.“
Während Maria, Carmen und Antonio ins Haus gingen, ging Juan erneut um das Haus, schloss die Klappe zum Keller und brachte das neue Schloss an. Das war auch nichts für die Ewigkeit, würde aber zumindest Tiere und einzelne dieser Dinger abhalten. Nachdem er sich versichert hatte, dass das Schloss fest saß, ging er zurück und füllte die leeren Wasserflaschen auf, bevor er zurück ins Haus ging. Die Sonne war mittlerweile fast komplett hinter den Hügeln verschwunden und warf nur noch einen schwachen Schein auf die Hütte.
„Reden wir!“
Die Stimme kam aus dem Dunkeln. Juans Augen brauchten wieder einige Zeit, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnten und der Stimme einem Umriss zuordnen konnten. Juan sah auch die Umrisse seiner Begleiter, die aber stumm blieben.
„Woher kommt ihr?“
„Wir kommen aus einem Dorf ein paar Kilometer nördlich von hier und sind auf dem Weg nach Guadalajara.”
“Was wollt ihr da?”
“Unser Dorf wurde von Kreaturen angegriffen. Kreaturen, die wie lebende Tote aussahen. Sie haben die Lebenden getötet und gefressen, die sich dann ebenfalls wieder erhoben, um Jagd auf die Lebenden zu machen.“
„Ja, das passiert gerade überall. Hört ihr denn kein Radio?“
„Doch schon. An dem Tag, als alles anfing, lief ein Bericht über Unruhen in Villahermosa oder irgendwo anders dort unten im Süden. Noch während der Bericht lief, wurde die Bar von diesen Dingern überrannt.“
„Wie gesagt. Das passiert momentan überall.“ Der Mann überlegte kurz, bevor er fortfuhr. „Ihr könnt die Nacht bleiben, morgen seid ihr verschwunden.“
 „Was wissen sie darüber?“
„Nichts. Wir sind vor den Dingern geflohen. Mussten die letzten Kilometer laufen, weil unser Auto kaputt ging und verstecken uns hier, bis alles vorbei ist. Wir haben genug Lebensmittel für uns, aber wir können auch nicht auch noch durchfüttern.“
„Wer ist denn noch da?“
„Niemand, der euch zu interessieren hat.“
„Woher kommt ihr?“
„Aus dem Westen, in der Nähe von Tepic. Die Stadt gehört den Toten.“
„Haben sie etwas aus Guadalajara gehört?“
„Nein, und es interessiert mich auch nicht. Wir wollen hier nur unsere Ruhe.“
„Aber…“
„Nichts aber, verdammt. Wir sind einen weiten Weg hierher gekommen, um unsere Ruhe zu haben. Wer garantiert mir, dass ihr euch nicht auch in diese Kreaturen verwandelt? Ihr bleibt heute Nacht hier unten. Macht keinen Lärm, lasst Türen und Fenster geschlossen und bleibt hier. Wenn ihr die Treppe hochkommt, erschieße ich euch. Verstanden?“
„Ja, ich glaube schon.“
Zwischenzeitlich hatte die Nacht die Hütte eingehüllt und es war noch dunkler, als zuvor. Trotzdem glaubte Juan Maria nicken zu sehen. Der Fremde drehte sich um, ging in ein anderes Zimmer und stieg an einer Leiter nach oben. Juan meinte ein Sofa zu erkennen und bewegte sich langsam darauf zu. Ein kurzer Druck auf die Oberfläche bestätigte seine Vermutung.
„Maria. Ihr könnt hier auf dem Sofa schlafen.“ Flüsterte er.
„Danke. Kommt Kinder.“
Antonio und Carmen folgten ihrer Mutter und legten sich auf das Sofa. Die Federn knirschten leicht und ein unangenehmer Geruch stieg von den Polstern auf. Als Nachtlager würde es aber gute Dienste leisten. Juan legte sich auf den Boden. Das Gewehr hielt er so nahe, dass er es im Notfall schnell erreichen konnte. Noch während er überlegte, Maria und den Kindern eine gute Nacht zu wünschen, fiel er in einen tiefen traumlosen Schlaf, der auch durch die stickige Luft im Haus nicht gestört wurde.

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