Donnerstag, 24. März 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 14

Untot - Band 2 - Kapitel 14
„Wach auf.“
Juan hörte die Stimme nur leise und spürte eine Hand, die an ihm rüttelte. Müde blinzelte er mit den Augen. Durch die Fensterläden hindurch fallendes Sonnenlicht ließen ihn blinzeln und nur langsam fiel ihm wieder ein, wo sie sich befanden. Die Hütte, der Fremde… Juan sah nach oben und entdeckte über sich das Gesicht eines ihm unbekannten Mannes. Ein unordentlicher Bart zierte dessen narbiges Gesicht und die ungewaschenen Haare lagen ungekämmt am Kopf an.
„Was…“
Der Mann gestikulierte und bedeutete ihm, ruhig zu sein. Juan verstummte augenblicklich und sah den Mann an, der sich jetzt von ihm fort, hin zu Maria und den Kindern bewegte, um diese ebenfalls zu wecken. Juan rieb sich den Schlaf aus den Augen und betrachtete den Mann. Er war groß, ungefähr Mitte 40, muskulös, aber nicht aufgepumpt, und machte einen fitten Eindruck. Wortlos ging der Mann vom Sofa weg und bedeutete Juan, ihm zu folgen.
Juan tat ihm den Gefallen, nutzte aber die Gelegenheit, sich ihr Domizil näher anzusehen. Sie lagen in einer Art Wohnküche, neben dem Sofa gab es noch einen alten Herd, der mit Holz beheizt wurde, einen Tisch, zwei alte Holzbänke und herumstehende Kochutensilien – Töpfe, Pfannen und Teller. Vor dem Abwasch hatte man sich hier die letzten Tage wohl gedrückte, dachte sich Juan, während er weiter dem Fremden folgte.
Im anschließenden Raum sah Juan die Leiter, über die der Fremde am vorigen Tag nach oben stieg. Außer der Leiter beherbergte der Raum eine Art Rumpelkammer. In offenen Schränken waren Textilien und Schuhe aufbewahrt, auf dem Boden standen Kartons und Kisten mit unbestimmtem Inhalt. Die Leiter selbst schien fest verarbeitet, war oben und unten mit Schrauben fixiert.
Als der Fremde die ersten Sprossen erklomm, ging Juan zur Leiter, wartete noch, bis der Fremde in der Öffnung oben verschwand und kletterte ihm nach. Im oberen Geschoss wohnten der Fremde und seine unbekannte Begleiter offensichtlich. Ein Vorhang trennte den Raum und versperrte Juan die Sicht darauf, was sich dahinter befand. Der Fremde ging vorbei an Kisten, die, soweit Juan das beurteilen konnte, mit Lebensmittel befüllt waren und ein Auskommen hier oben ermöglichte. Der Mann ging weiter zu einem der oberen Fenster. Juan erkannte das Fenster, das ihnen den Weg hierher gelotst hatte und ging auf den Mann zu. Der bedeutete ihm wortlos nach unten zu sehen. Juan folgte der Richtung und fühlte, wie das Blut in seinen Adern gefror.
Mindestens zehn der Kreaturen hielten sich in unmittelbarer Nähe des Hauses auf. Juan starrte sie aufmerksam an, erkannte die Bisswunden, sah zerfetzte Haut und fehlende Gliedmaßen. Vier davon waren in ihrem früheren Leben Frauen gewesen und zwei wurden wohl im Schlaf von den Kreaturen überrascht, wenn die zur Schau getragenen Schlafanzüge diesen Schluss zuließen.
Juan sah den Fremden an und wollte gerade etwas sagen, als dieser abwiegelte und erneut darauf hinwies, ruhig zu sein. Juan verstand und schwieg. Gemeinsam mit dem Fremden starrten sie weiter auf die Kreaturen vor dem Haus. Waren sie ihnen gefolgt? Hatte Juan die Menschen in diesem Haus durch seine Anwesenheit zum Tode verurteilt? Wie würde der Fremde reagieren? Juan erschauerte bei dem Gedanken.
Die Kreaturen bewegten sich wieder, gingen weiter, schienen etwas zu folgen, dass für Juan unmöglich zu erkennen war, folgten einem Instinkt, der den Menschen fremd war. Als sie soweit entfernt waren, dass sie mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen waren, trat der Fremde einen Schritt vom Fenster zurück und sah zu Juan.
„Ihr habt sie hierher geführt.“
„Nein, das haben wir nicht. Wir haben uns leise davongeschlichen und auch unterwegs immer Ausschau gehalten. Wir waren definitiv alleine.“
„Diese Dinger hören und riechen euch kilometerweit. Sie sind euch gefolgt.“
„Und wohin sind sie jetzt?“
„Sie haben möglicherweise eine neue Spur. Das ist jetzt egal. Ihr müsst hier weg.“
„Was? Wenn es so ist, wie sie sagen, müssen sie uns noch einen Tag hierbleiben lassen. Wir haben unser eigenes Essen und werden auch keinen Lärm machen.“
„Das ist mir egal. Ich werde nicht meine  Sicherheit oder die meiner Familie wegen Fremden gefährden.“
„Ihre Familie?“
„Ja. Und jetzt verschwindet.“
„Lass sie doch bleiben.“
Die Stimme kam von hinter dem Vorhang. Es war eine Frau, die Stimme klang angestrengt und müde. Möglicherweise war sie krank.
„Nein. Sie werden uns heute noch verlassen. Jetzt!“
„Enrique Gustavo Postalez! Ich sage, sie bleiben hier. Sie können von unserem Essen haben und du wirst dich wie ein guter Gastgeber benehmen.“
Der Vorhang glitt zurück und hervor kam eine Frau, die Juan ein paar Jahre jünger als Enrique einschätzte. Ihr langes Haar war wie das von Enrique ungekämmt, klebte an ihrer Stirn und hing über ihre Schultern herab. Sie trug ein einfaches helles Kleid, das von Schweiß- und sonstigen Flecken bedeckt war. Noch im Schritt versuchte sie den verknitterten Stoff etwas glatt zu ziehen, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang.
Die Frau machte auf Juan keinen gesunden Eindruck. Sie schwitzte stark, obwohl noch etwas die Kühle der Nacht im Raum lag, und ihre Augen waren rot unterlaufen. Ihr Gesichtsausdruck war freundlich, herzlich, aber auch angestrengt. Sie hatte offensichtlich Schmerzen, die sie sich nicht anmerken lassen wollte. Sie kam weiter auf Juan zu und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. Als er die Geste erwiderte und ihre Hand ergriff, fiel ihm eine Verletzung auf, aus der, ähnlich wie bei einer Blutvergiftung, schwarze Adern hervorgingen und über den Arm verliefen.

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