Samstag, 26. März 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 16

Untot - Band 2 - Kapitel 16
Nach dem Tod von Lurdes war Enrique nicht mehr derselbe. Wortlos saß er auf der Couch im Erdgeschoß, umklammerte seine letzten Momente mit seiner innig geliebten Lurdes und ließ sie nicht mehr los. Für Enrique schien die Zeit auf dieser Couch stehenzubleiben. Solange er hier saß, würde die Erinnerung an Lurdes nicht verblassen. Er könnte die letzten Minuten mit ihr ein Leben lang im Herzen tragen, wenn er hier nur lange genug sitzen würde.
Enriques Söhne wurden vom Tod ihrer Mutter ebenfalls stark mitgenommen, waren aber in der Lage, ihre Trauer stärker zu kompensieren. Nach der schrecklichen Flucht aus Tepic waren sie auf alles gefasst. Sie hatten mit ansehen müssen, wie Nachbarn aus ihren Häusern gezerrt und aufgefressen wurden. Sie sahen sie Überreste eines Mitschülers über einen Zaun hängen, während sein Unterleib auf der anderen Seite aufgefressen wurde und wurden von einem Lehrer verfolgt, der ihnen die Kehle aufreißen wollte, wie zuvor einem ihrer Mitschüler.
Julio und Pablo hatten die letzten Tage genügend Scheiße für den Rest ihres Lebens gesehen und hatten mehr Tränen vergossen, als sie es jemals für möglich gehalten hätten. Das Gemetzel in Tepic war schrecklich. Hunderte Gläubige hatten sich in der Kathedrale verschanzt, als es zu den ersten Ausbrüchen kam. Dummerweise waren wohl einige Gläubige bereits infiziert und so kam es, dass die Kirchengemeinde nicht unwesentlich zur schnelleren Ausbreitung in Tepic beigetragen hatte.
Als nach Tagen keine Lebenszeichen aus der Kathedrale kamen, ließ der Bischof die Türen gewaltsam öffnen. Sie fanden ein wahnsinniges Gemetzel vor und hunderte Leichen, die sich alsbald über die ganze Stadt ergossen. Die ohnehin bereits am Anschlag agierenden Sicherheitskräfte wurden durch die Flut aus der Kirche komplett überrascht und schon am nächsten Tag hatte sich die Infektion überproportional schnell in der ganzen Stadt ausgebreitet.
Enrique hatte durch einen Bekannten bei der Polizei den Rat erhalten, sich so schnell wie möglich aus der Stadt zu begeben, weil sie nicht mehr lange zu halten sei, die Kontrolle bereits entglitten war und bald die komplette Abriegelung drohe. Enrique befolgte den Rat, packte seine Familie ins Auto, lud so viele Vorräte wie möglich auf, und fuhr einfach los. Ihr Ziel war eine mit Freunden gemeinsam genutzte Jagdhütte.
Sie hielten nicht an, für niemanden.
Mit etwas Glück und viel Hilfe seines Bekannten, erreichte Enrique unbehelligt die Stadtgrenze und lenkte sein Fahrzeug nach Osten, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Auf ihrer Flucht spielten sich grauenhafte Szenen ab. Eine Mutter mit ihrem Säugling auf dem Arm schrie und flehte um Hilfe, doch Enrique ignorierte ihre Hilferufe. Im Rückspiegel sah er noch, wie die Mutter von einer Horde Untoter attackiert und wahrscheinlich getötet wurde.
Enrique hatte kein schlechtes Gewissen deswegen. Er war nur für die Sicherheit seiner Familie verantwortlich und für sonst niemand. Sie hätte infiziert sein können. Über seinen Freund erfuhr er, was die Presse und die Regierung der Bevölkerung – warum auch immer – verschwiegen. Schon ein Kratzer konnte dich zu einem von diesen Kreaturen machen und nur ein zerstörtes Gehirn dich wieder davon erlösen.
Die Hütte war seine Rettung. Hier würden sie ausharren, bis die Lage wieder unter Kontrolle ist. Weit weg von Tepic, weit weg von den Kreaturen und weit weg von all den Infizierten. Enrique war zufrieden. Bis sie die ersten von ihnen sahen, während sie ihre Vorräte aus dem Auto holten. Mit den Fahrrädern waren sie ihnen gegenüber zum Glück im Vorteil, trotzdem waren sie entsetzt, auch in dieser Einöde auf die Monster zu stoßen und igelten sich in Folge in ihrer Hütte ein, bis zum Eintreffen von Juan.
Als die Nacht hereinbrach, verharrte Enrique weiter auf der Couch. Seine Gedanken kreisten um Lurdes und seine Söhne. Ohne seine Söhne hätte er sein Leben wahrscheinlich schon beendet. Seine Trauer war unbeschreiblich. Neben all den Freunden und Verwandten, die mittlerweile wahrscheinlich schon tot waren, hatte er seine Frau verloren. Seinen Anker. Die Person, die ihm den nötigen Halt und die Kraft gab, das Grauen durchzustehen.
Schwer lag die Pistole in seiner Hand. Seine Finger umspielten den Abzug, entsicherten und sicherten die Waffe wieder. Enrique drückte sich den kalten Stahl mit zitternden Händen gegen den Kopf. Eine Fingerbewegung, und alles wäre vorbei. Keine Schmerzen mehr, keine Trauer. Eine alles verschlingende Schwärze würde ihn einhüllen und alle Sorgen und Nöte von ihm nehmen. Sein Zeigefinger krümmte sich leicht und drückte den Abzug durch.

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