Mittwoch, 16. März 2011

Untot – Band 2 – Kapitel 6

Untot – Band 2 – Kapitel 6

Emilios Zustand verschlechterte sich zusehends. Gegen Nachmittag trat schweres Fieber auf. Emilio schwitzte am ganzen Körper, wozu die heiße Luft auf dem Dachboden noch zusätzlich beitrug. Maria nutzte die ohnehin knappen Wasservorräte, um für Emilio nasse Umschläge zu erstellen. Die Bisswunde hatte sich weiter entzündet und schwarze Adern führten von der Wunde weg.
In der Gegenwart Emilios gab sich Maria stark und zuversichtlich, aber Juan hatte die andere Maria gesehen. Die Maria, die erkannte, dass es mit Emilio bald zu Ende gehen könnte. Die Maria, die in einer Ecke ihre Verzweiflung leise aus sich heraus geheult hat. Juan versuchte mehrmals Maria zu trösten, wurde aber immer wieder von ihr abgewiesen.
Als die Nacht hereinbrach, hatte sich der Zustand Emilio weiter verschlechtert. Hustend und fiebrig lag er auf seiner Matratze und reagierte nicht mehr auf äußere Einflüsse. Maria versuchte noch mehrmals, ihm Wasser einzuflößen, um den Flüssigkeitsverlust des Körpers auszugleichen, was ihr aber nicht gelang. Maria stellte das Glas neben Emilios Matratze und legte sich auf ihr Bett.
Juan beobachtete Maria noch einige Zeit, bis auch ihn die Müdigkeit übermannte und er erneut in einen unruhigen Schlaf fiel. Geweckt wurde Juan durch den Schrei des fünfjährigen Miguel. Als Juan die Augen öffnete, wurde aus dem Schrei ein Gurgeln und wurde begleitet von einem reißenden Geräusch. Jetzt schrien auch die anderen Kinder und Juan hörte Maria, die verzweifelt Miguels Namen rief.
Juan sah jetzt Emilio. Der hatte sich aus seinem Bett erhoben und war gerade dabei, seinen eigenen Sohn aufzufressen. Seine Zähne hatten fast den kompletten Hals seines Sohns zerrissen und waren gerade dabei, das Fleisch zu kauen, um es zu verschlucken. Das Blut sprudelte aus dem kleinen Körper hervor und benetzte Emilio, sowie die Matratze, auf der der kleine Miguel bis eben gelegen hatte.
Maria rannte auf Emilio zu und stieß ihn hart zur Seite, versuchte ihm ihren Miguel zu entreißen, versuchte ungeschehen zu machen, was eben passiert war. Juan sah, wie Emilio in eine Kiste geschleudert wurde, begleitet von einem krachenden Geräusch, als die Kiste unter Emilios Gewicht zusammenbrach. Maria hatte ihre Arme um ihr totes Kind geschlungen und drückte den leblosen Körper an sich, als könnte sie ihm dadurch wieder Leben einhauchen.
In der Zwischenzeit hatte sich Emilio wieder erhoben, und kam auf Antonio und Carmen zu. Juan tastete nach dem Gewehr, bekam es in die Hand, legte an und feuerte. Der Schuss ging glatt durch Emilios Brust, schüttelte ihn kurz durch, konnte ihn aber nicht aufhalten. Emilios Arme streckten sich nach Carmen aus. Juan sprang auf, prallte gegen Emilio und ließ ihn zu Boden gehen.
Noch bevor Emilio sich erheben konnte, drückte ihm Juan den Lauf des Gewehrs an die Stirn und drückte ab. Die Kugel trat an der Rückseite des Kopfes wieder aus und schlug in den Boden des Dachbodens. Hinter der Kugel folgten Blut und Gehirnmasse, die sich auf dem Boden unter dem Kopf langsam verteilten. Juan trat mit seinem Fuß gegen den leblosen Körper, um sich zu vergewissern, dass er nicht wieder aufstehen würde.
Juan vergewisserte sich, dass es den verängstigten und weinenden Kindern gut ging und stürmte zu Maria.
„Verdammt, Maria, lass Miguel los.”
Marias Gesicht war tränenüberströmt, ihr Kleid vom Blut ihres jüngsten Sohnes durchtränkt und ihre Seele gebrochen. Sie musste mit ansehen, wie ihr eigener Mann ihren Sohn getötet hat.
„Nein, nein, niemals, mein Baby, ich lasse mein Baby nie wieder los.“ schrie sie Juan hysterisch entgegen.
„Maria, hör mir zu. Er wird sich auch verwandeln und dir und deinen anderen Kindern das gleiche antun. Ich hab’s im Fernseher gehört. Die Toten kehren zurück, um die Lebenden zu holen. Lass ihn mich wenigstens mit irgendwas fesseln“
„Nein, nein, er ist tot. Und du hast meinen Mann getötet. Oh, mein Gott, warum, musste mir Gott das antun?“
„Maria! Bitte! Tu es nicht wegen mir, oder wegen dir, sondern wegen deiner anderen Kinder. Die brauchen dich.“
„Aber, aber… er ist mein Baby…“
Maria wog ihn in ihren Armen und küsste ihn auf die blasse Stirn, heulte weiter und zeigte keine Anzeichen, ihren Sohn loszulassen.
Juan stürmte auf Maria los und riss an dem leblose. Bündel Fleisch, das einmal ihr Sohn gewesen war, aber Maria dachte nicht daran loszulassen. Hartnäckig klammerte sie sich an ihren Sohn, als könnte sie ihn so ins Leben zurückholen. Juan wollte nicht, dass Maria auch noch infiziert wird. Juan wollte weiteres Blutvergießen vermeiden, wollte nicht, dass die Kinder nach ihrem Vater auch noch ihre Mutter verlieren und Juan wollte sie auch nicht verlieren.
Mit einem festen Ruck schaffte er es schließlich, Maria ihren toten Sohn zu entreißen. Noch bevor sie sich wieder auf ihn stürzen konnte, stieß er sie mit seiner Schulter zurück und warf den leblosen Körper auf den Boden. Maria wagte es nicht, sich wieder zu erheben. Schluchzend lag sie am Boden und sah Juan mit tränenüberfluteten Augen flehend an, schüttelte den Kopf und wollte nicht, dass Juan das tun würde, was zu tun war.
Juan ignorierte Maria, hob das Gewehr auf, lud durch, und richtete den Lauf auf Miguels Kopf. Noch einmal sah er in das Gesicht des Jungen, seine erschrocken aufgerissenen Augen, sein vor Schrecken verzerrter Mund, als er realisieren musste, dass sein eigener Vater dabei war, ihn umzubringen. Juan erschauerte bei dem Gedanken, drehte den Kopf weg und drückte ab. Nichts. Juan lud erneut durch, drückte wieder ab und genau wie zuvor passierte nichts. Nochmal und nochmal betätigte er den Abzug, ohne das Gewehr zu einer Reaktion zu bewegen.

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