Samstag, 30. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 51

Untot - Band 2 - Kapitel 51
Carlos war über die Karten gebeugt und deutete auf einen Platz westlich von Juárez. General Montoya stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und nickte stumm.
„Bis wann glauben sie können sie dort die Menschen versammeln?“
„Wir werden zwei Tage benötigen. Wir haben alles organisiert, was fahren kann und werden alle Flüchtlinge heranschaffen, derer wir habhaft werden können. Ihr Plan wird funktionieren?“
„Mein lieber General… die besten Männer aus allen Kartellen arbeiten zusammen, um dieses Unternehmen zum Erfolg zu führen. Es ist essenziell, dass wir schnell vorgehen. Wie sieht es mit der Luftwaffe aus?“
„Wir haben alle Maschinen hier, die nicht versucht haben, sich abzusetzen, alles in allem etwa 40 Kampfjets und 25 Hubschrauber, darunter einige umgerüstete Transporthubschrauber.“
„Weniger als erwartet. Wie sieht es mit Bodentruppen aus?“
„Fast keine Artillerie, zweihundert Kampfpanzer,  ca. zweihundert Transportpanzer und um die 20.000 Mann.“
„Das ist nicht viel.“
„Das ist alles, was wir abziehen konnten, ohne die Flüchtlinge zu gefährden. Ohne die Kämpfe würden die Untoten zu schnell vorrücken. Außerdem wollen wir eine stabile Front im Westen zwischen Puerta Penasco und Sonoita etablieren, um dort die Flüchtlinge aus dem Westen aufzunehmen. Auch dafür werden Männer benötigt und natürlich für die Operation im Osten.“
„Ich verstehe.“
„Wie weit sind ihre Männer, Senor Cazzares?“
„Die Einsatzziele wurden erreicht, die Vorbereitungen größtenteils abgeschlossen. Wir haben noch einige Baustellen, aber sind guter Dinge diese bis spätestens morgen abgeschlossen zu haben.“
„Gut. Bis wann können sie die Stadt evakuieren?“
„Wir werden morgen die Leute vorbereiten und sofort nach Beginn der Operation die Menschen in Bewegung setzen. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass nichts davon nach außen dringt.“
„Keine Sorge. Die Truppenkonzentration erscheint für Außenstehende als notwendige Maßnahme. Die Flughäfen im Süden sind überrannt, die ständigen Starts und Landungen Routine.“
„Gibt es von amerikanischer Seite ein Einlenken? Wird man uns mit Hilfslieferungen oder militärisch unterstützen?“
„Immer noch negativ. Der amerikanische Botschafter und das Botschaftspersonal wurden schon vor längerem abgezogen. Auf offizielle Anfragen erhalten wir nicht einmal mehr eine Reaktion. Scheinbar wollen sie uns hier verrecken lassen.“
„Gut. Dann werden wir morgen die Einwohner informieren. Heute ist der 19. März, wir starten am 21. März um Punkt Mittag die Aktion. Punkt 12.05 werden ihre Flieger die ersten Angriffe fliegen und um 12.15 beginnt der Durchbruch. Ab 12.30 setzen sie den Marsch in Bewegung und ab 13.00 beginnen wir mit der Evakuierung der Stadt und schließen uns ihnen an.“
„Sehr gut. Wir bleiben über Funk in Kontakt. Sie wissen sicherlich, dass zehn-, oder hunderttausende von Menschenleben auf dem Spiel stehen? Dass diese Operation für die Zukunft der Bevölkerung unseres Landes essentiell sein wird?“
„Mein lieber General Montoya, selbstverständlich bin ich mir dessen bewusst. Auch mein eigenes Leben hängt davon ab, dass wir diese Operation erfolgreich beenden. Wir wissen, was auf dem Spiel steht.“
„Dann halten sie sich bereit. Einen schönen Tag noch.“
„Einen schönen Tag noch Herr General. Martinez, begleite den Herrn General bitte zu seinem Wagen.“
„Gerne. Hier entlang bitte Herr General.“
Als Martinez die Türe hinter sich schloss, verfinsterte sich Carlos‘ Gesichtsausdruck, während er auf die Karte starrte. Ihr Vorhaben war Wahnsinn, aber gleichzeitig ihre letzte Hoffnung. Nur so würde er auch in Zukunft mit Maria zusammen sein können. Carlos hatte bereits zwei LKWs organisiert, um wenigstens einen Teil seiner Besitztümer zu retten. Außerdem würde ein Subunternehmer eine ganz spezielle Lieferung durchführen, um Carlos auch zukünftig einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen.
Carlos stand auf und sah aus dem Fenster. Draußen verabschiedete sich gerade der General von Martinez, stieg in seinen Wagen und ließ sich aus der Stadt chauffieren. Wahrscheinlich zum letzten mal. Carlos sah dem Wagen nach und als sich das Tor hinter ihm schloss, rief er seine Männer zu sich, um mit diesen das weitere Vorgehen zu besprechen.

Freitag, 29. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 50

Untot - Band 2 - Kapitel 50
Die folgenden Tage verbrachte Juan auf seinem Zimmer. Felipe brachte ihm einen kleinen Fernseher und ein paar Bücher, sowie Essen und Trinken auf das Zimmer. Wann immer er einige Minuten Zeit fand, informierte er Juan über die jüngsten Entwicklungen. Inzwischen waren drei Sektoren, meist die um die Stadt verteilten Armensiedlungen, verloren, ein weiterer war umkämpft. Vor der Stadt standen zehntausende Flüchtlinge, verfolgt von abertausenden Zombies.
An den Stadtgrenzen kam es bereits zu ersten Feuergefechten mit bewaffneten Zivilisten, die sich nicht damit abfinden wollten, hier vor der Stadt zu krepieren. Die eilig errichteten Befestigungen konnten zwar vielleicht Untote abhalten, gegen einen halbwegs organisierten Angriff waren sie aber machtlos. Felipe befürchtete, dass in den nächsten Tagen das Gleichgewicht kippen würde, oder die Menschen vor der Stadt elendig krepierten und zu Untoten mutieren würden. So oder so beschissene Aussichten.
Aber Felipe hatte noch eine Überraschung in der Hinterhand. Der von Carlos des Grundstücks verwiesene General war seit einigen Tagen regelmäßiger Gast in Carlos‘ Anwesen. Scheinbar hatte man sich in irgendeiner Form geeinigt, denn inzwischen begegneten sie sich wesentlich freundschaftlicher, als noch zuvor, schmiedeten gemeinsame Pläne und planten einen Schlag, der den Druck von der Front nehmen soll, wie man sich einmal ausdrückte.
Das war auch schon die einzige Information, die den Kreis um Carlos, Martinez und den General verließ. Auffällig war nur, dass Leute aus Juárez abgezogen wurden, um zusammen mit dem Militär Operationen durchzuführen. Laut Felipe betraf dies Carlos‘ erfahrenste Männer, die bereits zuvor im Militär oder in Spezialeinheiten gedient hatten. Das Ziel dieser Operationen war Felipe nicht bekannt.
Das Verhältnis zwischen Carlos und Maria hatte sich dagegen kaum geändert. Noch immer war laut Felipe eine gewisse Spannung spürbar, aber zumindest Maria scheute sich davor, auf Carlos zuzugehen, oder seinem Werben nachzugeben. Zumindest dann, wenn sie  nicht alleine waren. Unter den Männern brodelte die Gerüchteküche, dass sie hinter verschlossenen Türen bereits miteinander schliefen. Eine Information, die Felipe Juan vorenthielt, weil er sah, dass er darunter litt.
Von Felipe hatte Juan Stadtkarten erhalten, in denen die Sektoren und die aktuelle Bedrohungslage eingezeichnet waren. Juans Entschluss, dem Schosse Carlos‘ zu entfliehen stand fest, nur der Weg und sein Ziel standen noch nicht fest. Felipe wusste noch zu berichten, dass man neben Landkarten alte Pläne der Stadt untersuchte, die aufgrund ihrer Beschaffenheit 100 Jahre oder älter waren, konnte sich darauf aber keinen Reim machen.
Es gab nichts, wohin er fliehen konnte. Im Süden rückte der untote Feind immer weiter vor und im Norden war die amerikanische Grenze, für die inzwischen ein Großteil der amerikanischen Streitkräfte aufgebracht wurde, um diese zu überwachen und zu beschützen. Speziell die zwischen El Paso und Juárez verlaufende Grenze wurde massiv überwacht und das Personal auf dem Biggs Army Airfield aufgestockt. Durch die Nähe galt Juárez für die USA als potenzieller Gefahrenherd. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation für eine Flucht.
Also blieb Juan nichts anderes übrig, als abzuwarten. Abzuwarten, bis sich eine Gelegenheit ergab, der Obhut des einstigen Weggefährten zu entfliehen. Er hatte sich in Carlos getäuscht, hatte sich von seiner Fassade blenden lassen, hatte seine wahren Absichten die ganze Zeit übersehen. Oh, wie naiv von Juan zu glauben, dass seine wahren Absichten darin bestanden, ihn zu retten. Er war nur ein Spielball. Der Schlüssel zum Schloss von Marias Herz.
Carlos hatte erkannt, dass Maria ihn bewunderte, zu ihm aufsah und zugleich, dass sie mit Juan eine Hassliebe verband und er bereit war, dies auszunutzen. Vielleicht gab es einen Moment der echten Dankbarkeit, aber irgendwann war Carlos‘ wahres Wesen zum Vorschein gekommen und hatte von Juan unbemerkt seine Dankbarkeit verdrängt. Es musste im Bus, oder kurz zuvor gewesen sein. Die Aussicht auf die Rückkehr musste in ihm einen Schalter umgelegt haben. Dessen war sich Juan ganz sicher.
Maria gehörte ihm. Er hatte sie zuerst gesehen, er hatte ihr und ihren Kindern das Leben gerettet. Er konnte nicht zulassen, dass Carlos ihm Maria entriss. Dafür empfand er zu viel, dafür hatte er nicht an ihrer Seite gestanden und dafür hatte er sich nicht in Lebensgefahr begeben. Er hätte auch alleine fliehen und sie mit ihren Kindern zurücklassen können. Nein, so schnell wollte er sie nicht aufgeben.

Donnerstag, 28. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 49

Untot - Band 2 - Kapitel 49
„Wir sollen Ciudad Juárez öffnen.“ Carlos kam gleich zum Punkt.
 „Das Militär kann die Menschen nicht länger beschützen. Es fehlt an Männern und langsam auch an Nachschub. Zudem treten immer häufiger Infektionen im Hinterland auf. Das Militär will sich nach Ciudad Juárez zurückziehen und die Menschen da draußen ihrem Schicksal überlassen.“
„Was? Das kann doch nicht wahr sein?“
Maria war entsetzt und erbost darüber, konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte.
„Es kommt noch besser. Wir sollten dafür Zivilisten aus der Stadt werfen. Alte, Schwache, Behinderte… Sie wollten die übrigen Vorräte für die verwenden, die kämpfen können, die für die Zukunft des Landes… ich hab ihn aus meinem Haus geworfen. Ich kann diese Leute nicht dem Untergang preisgeben. Ich habe ihm gesagt, dass sie eine andere Lösung finden müssen. Dass wir nicht für sie die Scheiße wegräumen.“
„War er deswegen so erbost? Und was werden wir bereuen?“
„Dass wir sein Angebot ausgeschlagen haben. Er meinte, dass wir die Lage in der Stadt bald nicht mehr im Griff haben werden. Dass wir nur eine Chance haben, wenn wir die Stadt zu einer Festung ausbauen. Aber das ist nicht mein Weg.“
„Wie schlimm ist die Lage wirklich?“
„In zwei von neun Sektoren haben wir die Kontrolle so gut wie verloren. Wir sind aber zuversichtlich…“
„In zwei Sektoren? Aber wie wollt ihr ein Übergreifen verhindern?“
„Wir… wir haben die Sektoren abgeriegelt. Da kommt nichts und niemand raus.“
„Das heißt, dass da drin auch die Nicht-Infizierten krepieren?“
„Ja, das heißt es.“
„Ist das etwa dein Weg? Ist das der Weg, wie du uns… wie du die Stadt beschützen willst? Indem du sie krepieren lässt?“
„Nein… aber glaubst du, mit dem Militär wird’s besser? Glaubst du wirklich, wir könnten unsere Waffen behalten? Glaubst du wirklich, diese Versager könnten uns besser vor dem, was da draußen los ist, beschützen? Glaubst du das?“
„Die wurden dazu ausgebildet…“
„Dazu ausgebildet, lebende Tote zu bekämpfen? Mach dich doch nicht lächerlich. Die ganzen Niederlagen der letzten Tage und Wochen, die ganzen Strategien… das ist alles auf einen Krieg gegen einen menschlichen Feind ausgelegt, nicht gegen einen untoten Feind. Die sind genauso wenig ausgebildet, wie du oder sonst jemand aus dieser Stadt. Ich traue ihnen nicht und will sie nicht in meiner Stadt.“
„Also gut. Aber was willst du machen, wenn die Flüchtlinge vor der Tür stehen? Willst du sie wie die Amerikaner erschießen lassen? Willst du sie abschlachten?“
„Nein. Wir werden sie nur daran hindern, in die Stadt zu gelangen. Mit allen dazu nötigen Mitteln.“
„Du willst also Frauen und Kinder ihrem Schicksal überlassen?“ mischte sich Maria ein.
„Wenn es sein muss…“
Maria sah Carlos wütend an und er trat erschrocken einen Schritt zurück, bevor er zu seiner Verteidigung ansetzte.
„Wir haben nicht die Ressourcen, um tausende von Flüchtlingen zu überwachen und zu versorgen. Wir würden damit die Menschen in dieser Stadt gefährden.“
„Wie kannst du dann das Vorgehen der Amerikaner verurteilen, wenn du sogar gegen deine eigenen Landsleute vorgehen willst?“
„Ich habe das Vorgehen der Amerikaner nie verurteilt, das ward ihr. Ihr habt nicht verstanden, dass das Interesse vieler über dem Interesse von wenigen steht.“
„Und deswegen lebst du im Luxus? Dein Interesse steht doch über dem Interesse von hunderten oder tausenden Drogenabhängigen.“
„Verdammt Juan. Ich habe dir eine sichere Unterkunft gegeben und mein Essen mit dir geteilt. Wer bist du, dass du mich in meinem eigenen Haus angreifst? Hätten wir nicht Seite an Seite gekämpft, würde ich dich auf der Stelle erschießen.“
„Dann mach doch. Erschieß mich doch. Zeig uns deinen wahren Charakter.“
„Juan. In aller Freundschaft…“
„In aller Freundschaft? Mach dich doch nicht lächerlich. Du weißt doch nicht einmal, was Freundschaft bedeutet.“
„Halt jetzt den Mund. Halt den Mund, oder ich lass dich rausbringen.“
„Und dann? Wirfst du mich dann den Hunden vor? Oder lässt du mich von deinen Angestellten verprügeln?“
„Nein. Aber du kannst einige Zeit in deinem Zimmer verbringen, und darüber nachdenken, was ich hier für dich mache und wie man mit seinem Gastgeber umzugehen hat. Martinez, Felipe, bringt ihn auf sein Zimmer. Und du Juan… ich will dich nie wieder in meinem Haus sehen. Verschwinde.“
Martinez nahm eine Hand auf Juans Schulter und zog ihn erst sanft, dann zunehmend bestimmter nach hinten. Felipe griff unter Juans Arm und flüsterte ihm leise zu, dass es ihm leid täte und er besser keinen Widerstand leisten solle, weil ihm dann das, was dann kommen würde, noch viel mehr leid tun würde. Juan verstand, gab seinen Widerstand auf und ließ sich auf sein Zimmer begleiten. Innerlich kochte er vor Wut und hatte für sich den Entschluss gefasst, Carlos so schnell wie möglich zu verlassen.

Mittwoch, 27. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 48

Untot - Band 2 - Kapitel 48
Die folgenden Tage vergingen wie im Fluge. Juans Zorn verrauchte angesichts des Luxuslebens und der Sicherheit, die Carlos ihnen bot. Um die Sicherheit gewährleisten zu können, organisierte Carlos einen neuen Test aus den USA, mit dem sich eine Infektion bereits im Frühstadium nachweisen ließ. Für temporäre Besucher wurden Hunde angeschafft, die jeden Besucher des Grundstücks kontrollierten, bevor er es betreten durfte. Die Anzahl der ständig anwesenden Wachen wurde ebenfalls dramatisch erhöht.
Felipe wurde komplett dafür abgestellt, sich um Juan zu kümmern und ihm den Umgang mit Waffen beizubringen. Felipe war ein ungeduldiger und schlechter Lehrer, kannte sich aber gut mit Feuerwaffen aller Gattungen aus. Nach zwei Wochen erhielt Juan von Carlos eine Handfeuerwaffe mit Laserzielvisier. Für Kopfschüsse die erste Wahl, wie Carlos anmerkte.
Während Juan in dem von Carlos abgeschirmten Kokon saß, ging draußen die Welt vor die Hunde.  Der Süden Mexikos war schon längst von den Untoten überrannt und im Norden versuchte das Militär so gut es ging die Ordnung aufrechtzuerhalten. Für die Dauer der Notlage hatte man sogar einen Waffenstillstand mit den Drogenkartellen geschlossen und konzentrierte sich darauf, die von Süden her vorrückenden Zombiehorden aufzuhalten, geriet aber zusehends unter Druck, weil in den Flüchtlingslägern immer häufiger die Infektion ausbrach und für kleinere Ausbrüche oft keine Eindämmungsmaßnahmen eingeleitet werden konnten.
Über die Lage in Ciudad Juárez war Juan nichts bekannt. Nur selten verließ er in Begleitung Felipes die schützende Behausung und noch seltener kam er über das Carlos Anwesen umgebende abgeriegelte Viertel hinaus. Nur einmal chauffierte Felipe ihn in ein außerhalb liegendes Kaufhaus, um Juan mit neuen Schuhen einzukleiden. Das einzige, was Juan auffiel, war das vollständige Fehlen von Ordnungsbeamten des Staates und die Dominanz von bewaffneten Zivilisten.
Scheinbar hatte sich die Staatsmacht komplett auf Ciudad Juárez zurückgezogen und den Kartellen die Macht über die Stadt überlassen. Angesichts der an mehreren Fronten kämpfenden und ohnehin überlasteten Staatsmacht eine nachvollziehbare Entscheidung. Dies hatte aber auch zur Folge, dass es keine Berichterstattung aus Ciudad Juárez gab. Ohne die schützende Staatsmacht konnten die Kartelle die lokale Presse mundtot machen und die Informationsflut steuern.
In den letzten Tagen hatte Juan seinen Fluchtplan endgültig ad acta gelegt, nachdem bekannt wurde, dass die USA Schiffe nicht mehr zurückwies, sondern ohne Warnung das Feuer eröffnete. Zahlreiche Flüchtlingsboote wurden seitdem versenkt. Wie viele Tausend Menschen dabei umkamen, ist nicht bekannt. Die USA rechtfertigten dies damit, dass die Interessen des Volks der USA über den Interessen des Volks von Mexiko anzusiedeln seien.
Die provisorische Regierung Mexikos verurteilte dieses Vorgehen und forderte die USA dazu auf, dieses Vorgehen zu unterlassen und im Sinne der Menschenwürde die Flüchtlinge festzusetzen, um sie anschließend an Mexiko zu übergeben. Ein Vorgehen, das von der US-Regierung grundlos abgewiesen wurde. Ein Sprecher nannte dieses Vorgehen als „nicht durchführbar“ und ein unnötiges Risiko für das Wohlergehen des amerikanischen Volks, welches sich angesichts dieser Bedrohung bisher ungekannten Ausmaßes nicht kompromissbereit zeigen werde.
Juan war wie das restliche mexikanische Volk über die Arroganz des nördlichen Nachbars entsetzt. Entsetzt und unglaublich wütend, doch sämtliche Proteste blieben ungehört. Nur wenige Staaten stellten sich auf die Seite Mexikos und noch weniger Staaten boten eine aktive Unterstützung von Maßnahmen und selbst diese würden wirkungslos verpuffen, angesichts der aktuellen, weltweiten Bedrohungslage.
Lautes Hundegebell ließ Juan aus einem unruhigen Schlaf hochschrecken. Er war wie so oft in den letzten Tagen auf dem Sofa vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen. Das Zimmer wurde nur schwach von einer Lampe aus dem Flur und dem flackernden Licht des Fernsehers beleuchtet und war bis auf Juan leer. Von den anderen Bewohnern, die Juan nach und nach kennenlernen durfte, war niemand zu sehen. Auch Felipe, der wie ein Schatten an Juan klebte, war nicht zu sehen.
Juan stand langsam auf und warf einen Blick auf das laufende Programm. Ein Sprecher des Militärs war gerade dabei, die aktuelle Lage darzustellen und klang dabei wenig erfreut. Abertausende Menschen waren auf der Flucht, das Militär nicht mehr länger dazu in der Lage, die Menschen zu beschützen, die Lage im Land außer Kontrolle. Juan rieb sich die Augen. Das Hundegebell hielt an und so beschloss er, nach draußen zu gehen, um dort nach dem rechten zu schauen.
Vor dem Haus stand ein Militärfahrzeug, darin ein Fahrer und herumstehend fünf von Carlos Angestellten, die dem Fahrer indirekt zu verstehen gaben, keine unnötigen Bewegungen zu machen. Einer der Männer hatte einen der Hunde an der Leine, der unerlässlich den Soldaten anbellte. Juan überlegte, ob der Mann möglicherweise infiziert war, aber das Bellen könnte auch einfach nur einschüchternd gemeint sein.
Während Juan auf das Fahrzeug sah, ging die Tür von Carlos Villa auf und ein mit vielen Abzeichen behangener Soldat trat heraus. Sein Kopf war knallrot und kaum aus der Tür drehte er sich nochmal um, deutete mit dem Finger hinein und brüllte, dass sie das noch bereuen würden, dass man so nicht mit einem General der mexikanischen Streitkräfte umginge. Juan sah Martinez, der den General am Arm packte und von der Tür die Stufen hinunter brachte.
Scheinbar ging er dabei wenig zimperlich vor, denn der General war bemüht, ihn abzuschütteln, war von dieser Art Behandlung wenig angetan. Der Fahrer zuckte nur kurz, ließ seine Hände aber auf dem Lenkrad des Wagens. Der würde nicht einmal eingreifen, wenn sie den General erschießen würden, dachte sich Juan. Als Martinez den General zu seinem Wagen zurückgeschleift hatte, flüsterte er ihm noch etwas ins Ohr, was den General sofort verstummen ließ. Stattdessen stieg er unverzüglich in sein Fahrzeug und gab dem Fahrer die Anweisung zur Abfahrt. Der zögerte nicht lange, und lenkte das Auto aus dem Grundstück hinaus.

Dienstag, 26. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 47

Untot - Band 2 - Kapitel 47
Nach dem Essen erzählte Juan Carlos von seinem Plan, während Maria mit den Kindern ins Haus zurückging, um sich umzuziehen. Carlos wirkte dabei interessiert, wollte sich aber nicht davon überzeugen lassen,  Ciudad Juárez zu verlassen. Das hier war sein Zuhause. Hier hatte er das sagen, hier war er in Sicherheit. Dort drüben, in Amerika, da war er nichts. Dort hatte er nicht die Kontrolle. Dort drüber war er einer von vielen. Dazu kam auch noch, dass die Luftwege nicht mehr sicher waren. Die Amerikaner hatten die Luftüberwachung verstärkt und Carlos hatte bereits zwei Maschinen verloren. Aufgrund des fehlenden Nachschubs würde es bald aber ohnehin keine Flüge mehr geben.
„Was ist mit dem Seeweg?“
„Ich habe noch zwei Schnellboote, mit denen wir es riskieren könnten. Allerdings haben mir meine Kontakte berichtete, dass die US Marine verstärkt an den Küsten patrouilliert. Angeblich werden auch keine zivilen Schiffe mehr durchgelassen. Es ist sehr, sehr schwer, nach Amerika hineinzukommen, selbst wenn ich es wollte.“
„Könntest du nur uns rüberbringen?“
„Was gefällt euch hier eigentlich nicht? Ihr seid hier in Sicherheit. Meine Männer kümmern sich um eure Sicherheit. In Amerika interessiert sich niemand für euch. Über kurz oder lang, werden die Amerikaner auch Probleme bekommen. Was macht ihr dann? Sucht ihr euch dann einen amerikanischen Drogenboss, der euch unter seine Fittiche nimmt?“
Die letzte Bemerkung kränkte Juan und er sah Carlos böse an. Der begriff, dass er Juan verletzt hatte und versuchte ihn zu beschwichtigen.
„Hör mal, das war nicht böse gemeint. Ich will nur nicht, dass ihr geht. Bleibt hier, und es wird euch an nichts mangeln. Geht weg und ich kann nicht mehr für eure Sicherheit garantieren.“
„Du… du willst nicht, dass wir gehen?“
Juan war über diese Aussage von Carlos verwundert, hätte sie so nicht erwartet.
„Nein… komm schon Juan, wir haben einiges zusammen durchgemacht und ohne euch wär ich wahrscheinlich in dieser beschissenen Zelle draufgegangen. Also bleibt hier und leistet mir Gesellschaft. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich hier Freunde im Überfluss habe.“
„Also gut…“
Weiter kam Juan nicht. Einer von Carlos‘ Mitarbeitern, Martinez, kam aufgeregt auf den Tisch zugelaufen und rief nach Carlos.
„Verdammt, was gibt’s. Ich sitz hier mit meinen Freunden.“
Juan fühlte sich geschmeichelt.
„Boss, ich glaube, wir haben ein Problem. Können wir unter vier Augen sprechen?“
Martinez sah aus den Augenwinkeln zu Juan, richtete dann seinen Blick wieder auf Carlos. Carlos nickte, stand auf und folgte Martinez ein paar Meter, bevor Martinez Bericht erstattete. Juan versuchte ein paar Gesprächsfetzen aufzufangen, konnte nicht wirklich dem Gesprächsverlauf folgen, aber er konnte erkennen, dass Carlos verärgert war. Verärgert und aufgeregt, denn plötzlich wurde er lauter.“
„Dann schick ein paar Männer und sorg dafür, dass es erledigt wird. Verdammt nochmal.“
Carlos machte kehrt, ließ Martinez einfach stehen und kam zu Juan zurück.
„Was… was ist denn los?“
„Ach, nur eine Kleinigkeit. Es gibt Ärger in der Stadt. Nichts, womit wir nicht fertig werden würden.“
„Zombies? Ist die Seuche hier auch ausgebrochen? Carlos verdammt…“
„Es ist nur ein kleiner, lokaler Ausbruch. Wir haben viele Leute, wir haben Waffen. Es ist überhaupt kein Problem. Also ganz ruhig Juan, entspann dich, genieße dein kaltes Bier und überlass den Rest uns.“
„Was ist los Carlos?“
„Das geht dich nichts an. Es ist meine Angelegenheit und ich werde es nicht zu deiner Angelegenheit machen.“
Carlos wurde während des Gesprächs lauter und den letzten Satz schrie er Juan förmlich ins Gesicht und traf Juan wie ein Schlag, ließ in verbal straucheln und beendete das Wortduell zu Carlos Gunsten. Juan dagegen fand Carlos‘ Auffassung von Freundschaft sehr außergewöhnlich und befürchtete eine leere Worthülse. Er wollte Maria und spielte ihr den netten Mann vor und dazu gehörte es, auch zu ihm nett zu sein.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein zweiter Schlag und machte ihn zornig. Er war nur Mittel zum Zweck, damit er an sie herankam. So tickte er also, dieser edle Drogenboss, dieser Ehrenmann. Bevor sich Juan in seine Gedanken vertiefen konnte, trat Maria aus dem Haus. Sie hatte sich umgezogen. Für den Pool. Ein dünner Hauch von nichts umspielte ihren Körper und ließ den Blick auf den Badeanzug zu. Der war knallrot, schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper und zeigte noch deutlicher Marias umwerfende Figur. Die großen Brüste wirkten in dem Badeanzug leicht eingequetscht und kamen besser denn je zur Geltung.
Als sie sich nach ihren Kindern umdrehte, wanderten Juans Augen auf ihren Po, der in dem Badeanzug klein, fest und verlockender denn je erschien. Aus den Augenwinkeln sah er Carlos und erkannte, dass Carlos ähnlichen Gedanken nachzugehen schien. Auch der verlor sich in Marias Anblick und schien sie mehr denn je zu begehren. Wieder kamen die dunklen Gedanken in Juan hoch. Wieder wurde er auf Carlos wütend.
Carlos dagegen hatte anscheinend wieder seine Maske auf und wandte sich an Juan.
„Was hältst du davon, wenn wir uns auch umziehen und den drei im Pool Gesellschaft leisten?“
Juan nickte stumm.

Montag, 25. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 46

Untot - Band 2 - Kapitel 46
Starke Hände rüttelten an Juan und rissen ihn aus einem tiefen Schlaf. Als er die Augen öffnete, fand er sich auf der Couch wieder. Die Hände gehörten Felipe, der ihn emotionslos ansah.
„Los aufstehen. Der Boss hat mich gebeten, dich rüberzubringen.“
Schlagartig kam die Erinnerung zurück und Juan richtete sich langsam auf. Dem Stand der Sonne nach, musste es Mittag sein. Der Schlaf hatte ihn übermannt, die Kaffeetasse stand noch immer halb voll auf dem kleinen Abstelltisch und war mittlerweile wohl schon kalt. Juan streckte die Hand nach der Tasse aus und nahm einen kleinen Schluck, spuckte ihn angewidert in die Tasse zurück und erhob sich aus dem Sofa.
„Jetzt gleich?“
„Ja, ich soll dich gleich rüberbringen. Der Mittagstisch wurde angerichtet und der Boss besteht auf deiner Anwesenheit.“
„Jaja, schon gut. Ich stell nur noch die Tasse zurück. Schläfst du eigentlich nie?“
„Ich schlafe dann, wenn ich Zeit habe zu schlafen.“
Juan stellte die Tasse ab, gähnte herzhaft und gab Felipe dabei einen Wink. Der ging zur Tür, zog sie auf und heiße Luft strömte in das Haus. Draußen war es mindestens zehn Grad wärmer, als im Haus. Juan hob die Hand schützend vor die Augen und trat hinaus in den Tag. Bei hellem Licht kam der Garten erst richtig zur Geltung. Die weißen Säulen reflektierten hell die Sonne und im Boden versteckte Rasensprenger befeuchteten die Blumenpracht im Garten und zauberten kleine Regenbögen auf den Rasen. Es war wie im Paradies.
Felipe ging schnellen Schrittes voran und Juan hatte seine liebe Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Statt zum Eingang zu gehen, hielt Felipe sich leicht links und ging auf einen Weg um das Haus herum.
„Hey, lauf doch nicht so. Wohin gehst du eigentlich? Essen wir nicht im Haus?“
„Nein. Der Boss hat das Essen beim Pool auftischen lassen.“
Also doch ein Pool. Juan grinste leicht in sich hinein. Jetzt fehlte nur noch die Garage mit den teuren Importautos aus den USA, Italien und Deutschland. Beim Gang um das Haus entdeckte er eine Gruppe Handwerker, die dabei waren, einen Zwinger zu errichten. Oder etwas, das wie ein Zwinger aussah und kurz darauf sah er auch schon Carlos. Carlos war kaum mehr wieder zu erkennen.
Er war geduscht, rasiert und steckte in einem hellen, teuer aussehenden Anzug. Die zuletzt eher lustlos wirkenden Haare wurden mit Gel in Form gebracht und sauber nach hinten gekämmt. Zum ersten Mal wurde Juan in Carlos‘ Nähe mulmig zumute. Die letzten Tage war er einer von ihnen. Die Situation hatte sie zusammengeschweißt. Aber jetzt, hier und heute war ein anderer Carlos. Hier war er der Boss und sie waren nichts. Er hatte seine Schuldigkeit getan und sie waren ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Eher unerwartet kam Carlos auf Juan zu, breitete die Arme aus und noch bevor Juan protestieren konnte, umarmte er ihn und zog ihn an sich.
„Juan! Schön dich zu sehen. Und noch schöner, dich sauber in ordentlichen Klamotten zu sehen.“
„Hallo Carlos. Auch schön dich zu sehen. Du… schaust gut aus.“
„Hahaha, danke. Dein Blick verrät mir, dass du dich fürchtest. Hast du Angst vor mir?“
Carlos‘ Miene wurde ernst. Eindringlich sah er Juan an, der sich nach der Frage noch unwohler fühlte, als zuvor.
„Nein… doch… schon etwas. Du bist jetzt nicht mehr auf uns angewiesen und du… du bist…“
„Ein Verbrecher? War es das, was du sagen wolltest?“
„Nicht so direkt…“
„Aber gemeint hast du es, oder? Ja, Juan, ich bin ein Verbrecher. Ich handle mit Drogen, ich lasse Leute erschießen und ich habe Sachen gemacht, auf die ich nicht stolz bin. Aber ich bin auch ein Ehrenmann und ich war nie, ich wiederhole nie, auf euch angewiesen. Ohne mich hättet ihr da draußen nicht überlebt. Aber ihr habt mich aus der Zelle befreit und das werde ich euch nicht vergessen. Nein Juan, du brauchst vor mir keine Angst haben. Und jetzt komm, setz dich und genieße ein kaltes Bier.“
Juan nickte und ging zu einem Tisch, auf dem mit Eiswürfel und Bierflaschen befüllte Wannen standen. Juan nahm sich eine Flasche heraus, drehte den Deckel ab und drehte sich, um Carlos zuzuprosten. Statt Carlos fiel sein Blick auf Maria. Maria kam aus dem Haupthaus heraus und sah umwerfend aus. Sie hatte sich zurechtgemacht, trug ihr Haar nach hinten gekämmt und ein atemberaubendes, ihre Figur betonendes Outfit, das sie 15 Jahre jünger erscheinen ließ.
Juan vergas zu atmen und räusperte sich, während Carlos Maria bereits in die Arme schloss und sah zu, wie sich ihre Blicke trafen. Er sah die Sehnsucht in Marias Augen und die Begierde in den Augen von Carlos. Für eine Sekunde schien die Zeit stillzustehen und die Luft war wie elektrisiert, nur um in dem Moment zu zerstäuben, in dem Perro aus dem Haus gerannt kam. Perro hielt direkt auf Carlos zu, der von Maria abließ und sich dem Hund widmete.
Hinter dem Hund kamen Carmen und Antonio aus dem Haus. Antonio war wie ein kleiner Gentleman gekleidet. Wer auch immer die Auswahl für die Kleidung getroffen hatte, hatte guten Geschmack bewiesen. Carmen wirkte dagegen wie eine kleine Prinzessin, ohne dabei kitschig auszusehen. Carlos beschäftige offensichtlich neben Auftragskillern und Bodyguards auch noch mindestens eine Person, die Ahnung von guter Kleidung hatte. Juan rückte seinen Anzug gerade und ging auf Maria zu, die ihm erfreut die Hand schüttelte und sich halbherzig von ihm umarmen ließ.
„Los, los, setzt euch, dann können wir endlich anfangen zu essen. Ich habe Hunger wie ein Bär und könnte einen ganzen Stier hinunterschlingen.“

Sonntag, 24. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 45

Untot - Band 2 - Kapitel 45
Als Juan nach unten ging, fand er den Halbaffen auch der Couch vor. Im Fernsehen liefen durchgehend Berichte, in denen die Untotenseuche thematisiert wurde. Neben dem Reporter wurden immer wieder Hinweise für die Bevölkerung eingeblendet, wie lokale Ausbrüche, Sicherheitszonen oder Evakuierungshinweise. Auf einer Karte im Hintergrund wurde der aktuelle Stand eingeblendet und immer wieder von einer Gesamtübersicht auf einzelne Staaten herunter gebrochen.
Guadalajara war inzwischen so tiefschwarz, wie andere Gebiete Mexikos. In Zacatecas war die Bedrohung ebenfalls angestiegen. Für die Flüchtlinge im Norden hieß das wohl, dass sie es entweder nicht geschafft hatten, der Bedrohung zu entkommen, oder dass sie erneut auf der Flucht waren. Vielleicht ging die Bedrohung auch von dem Flüchtlingslager aus. Ein bestechlicher Grenzbeamter konnte Verderben über hunderte oder tausende von denen bringen, die in diesen Camps dicht an dicht und ohne Fluchtmöglichkeiten ausharrten.
Felipe stand vom Sofa auf und ging zum Kaffeeautomaten.
„Für dich auch einen Kaffee?“
„Oh, ja, bitte. Schön stark, wenn’s geht. Schwarz und ohne Zucker.“
„Kommt sofort… Ihr kommt aus dem Süden, oder?“
„Was?“
„Na, du, die Frau und die Kinder. Ihr kommt aus dem Süden.“
„Naja, nicht direkt. Also schon südlicher, als Ciudad Juárez, aber nicht von ganz unten, nein. Warum?“
„Meine Familie wohnt im Süden und ich hab schon seit Tagen nichts mehr von ihnen gehört. Meine Schwester wurde vorgestern 16 und… und… ich konnte ihr nicht gratulieren. Da unten ist es schlimm, oder?“
Die neue Seite an Felipe überraschte Juan. Schien er noch zuvor ein emotionsloser Fels zu sein, zeigte er plötzlich eine menschliche Seite und gab sich gegenüber einem Fremden verwundbar. Es ließ Felipe von einer Sekunde auf die andere plötzlich menschlich erscheinen und schon bereute Juan, ihn gedanklich als Halbaffen eingestuft zu haben.
„Ich weiß nicht, wir haben nicht viel gesehen. Ich komme aus einem kleinen Dorf und haben auf unserer Flucht nicht viel gesehen“ log Juan.
„Ah, ok. Weiß du… meine Schwester ging noch zur Schule. Ich habe jedes Monat Geld nach Hause geschickt, damit sie es im Leben zu etwas bringt. Dass sie nicht so endet, wie mein Bruder oder ich. Ich bin nicht stolz darauf, wie ich mein Geld verdiene, aber ich war bisher immer stolz darauf, dass ich wenigstens meiner Schwester ein besseres Leben verschaffen würde. Und jetzt? Soll jetzt alles umsonst gewesen sein? Ist meine Schwester jetzt eins… eins dieser Zombiedinger?“
„Hör mal Felipe… ich bin sicher, deiner Schwester geht’s gut. Viele Menschen konnten evakuiert werden, das Militär ist unermüdlich dabei, gegen die Zombies vorzugehen und auch in den schwarzen Gebieten wird es noch Überlebende geben, die sich von den Dingern in Sicherheit bringen konnten.“
„Das mag schon sein, aber glaube nicht an Wunder. Sie hätte sich sicher schon bei mir gemeldet. Verdammt… keiner hat sich bei mir gemeldet, keiner meiner Anrufe konnte durchgestellt werden.“
„Die Telefonleitungen sind tot, die Vermittlungsstellen wahrscheinlich schon lange nicht mehr besetzt, oder ohne Strom. Das heißt aber nicht, dass alle tot sind.“
Felipe blickte auf und für einen kurzen Moment meinte Juan, eine Träne in seinem linken Auge zu sehen, bevor er sich von ihm abwandte.
„Hast du Familie?“
„Nein. Meine Familie ist tot. Ich schlage mich seit einigen Jahren auf eigene Faust durch. Mehr schlecht als recht, um ehrlich zu sein.“
 Felipe reichte Juan eine Tasse.
„Vorsicht, heiß. Schwarz und ohne Zucker.“
„Danke. Der letzte Kaffee ist jetzt schon ein paar Tage her.“
Juan nippte kurz und brummte anerkennend, genoss jeden Schluck. Es war ein verdammt guter Kaffee. Mit dem Kaffee in der Hand ging er um das Sofa herum und setzte sich. Das Sofa sah etwas abgenutzt aus, war aber urgemütlich, man schien darin förmlich zu versinken und das Leben schien für den Moment perfekt. Wie würde es weitergehen? Konnte das Militär die Sache wieder in den Griff bekommen?
Den Staaten südlich von Mexiko war dies nicht gelungen. Guatemala, Honduras, El Salvador und größtenteils Nicaragua waren von den Zombies überrannt worden. Wenige Menschen konnten sich in Bunker oder notdürftig befestigte Anlagen retten, standen jetzt aber vor der Wahl gefressen zu werden, oder über kurz oder lang zu verhungern. Nur wenige Gruppen konnten sich retten und ein Umfeld gestalten, in dem sie für längere Zeit überleben konnten.
Was würde passieren, wenn Ciudad Juárez eingekesselt war? Wenn es gelingen würde, die Stadt zu verteidigen, anderen Orten aber nicht? Wären sie kurz oder lang dem Hungertod ausgeliefert? Könnte man Lebensmittel für über eine Million Einwohner für einen längeren Zeitraum bereitstellen? Was würde passieren, wenn die Lebensmittel zur Neige gingen? Wer sollte ihnen dann helfen? Die USA? Oder waren die mit sich selbst beschäftigt? Juan fiel auf, dass es keine Berichte über die Lage in den USA gab, also hatten sie die Lage möglicherweise im Griff.
Dann war das möglicherweise die Rettung. Eine Flucht in die USA. Die Mauer würde sie vor der Bedrohung schützen. Sie und viele Millionen US Amerikaner. Natürlich würden die USA sie nicht ohne weiteres einreisen lassen, aber er hatte jetzt Kontakte. Zu einem Mann, dessen Aufgabe es war, seit Jahren Drogen in die USA zu schmuggeln. Juan fand die Idee hervorragend und würde sie Carlos näher bringen, sobald er ihn wieder zu Gesicht bekäme.

Samstag, 23. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 44

Untot - Band 2 - Kapitel 44
Juan war während der mehrstündigen Fahrt eingeschlafen. Zuletzt war Carlos damit beschäftigt, Telefonate zu führen und über seltsame Codewörter Anweisungen zu verteilen. Juan verstand kein Wort und nach ein paar Minuten übermannte ihn die Müdigkeit und er fiel in einen unruhigen Schlaf, bis er schließlich unsanft aus seinem Schlaf gerissen wurde.
Er blinzelte kurz und sah einen muskulösen Mann, Typ Halbaffe, der an ihm rüttelte. Der Mann war zu ihm heruntergebeugt und Juan konnte unter seinem Jackett eine Waffe erkennen. Erschrocken setzte er sich auf.
„Was… was…?“
„Los, aufstehen. Der Boss hat gesagt, ich soll dich ins Haus bringen, bevor du die ganze Nacht im Auto verbringst.“
„Der Boss? Carlos?“
Der Halbaffe nickte kurz und wartete darauf, dass Juan aus dem Auto stieg. Draußen war es noch dunkel, aber die Morgendämmerung stand kurz bevor. Juan konnte bereits die ersten Strahlen der Sonne am Horizont erkennen, die es aber noch schwer hatten, gegen die Dunkelheit anzukämpfen. Doch auch ohne Sonne konnte er erkennen, dass der Wagen vor einem Haus mit riesigem Garten stand. Eine hohe Mauer umgab das Grundstück und Juan konnte noch mindestens zwei Nebengebäude entdecken.
Das Haus war eher ein Palast. Eine große Marmortreppe führte zum Eingang und war von Säulen gesäumt, die den darüber hängenden Balkon in der Luft hielten. Eine große schwer aussehende Tür stand halb offen da und Licht drang aus dem Inneren nach außen. An den Seiten waren große Fenster, die tagsüber den Räumen mit Sicherheit eine angenehme Helligkeit spendeten.
Juan war tief beeindruckt. Solche Häuser hatte er bisher nur auf MTV als Behausung von Rockstars gesehen. Hinter dem Haus lag mit Sicherheit der Pool und eine Garage mit kostspieligen Autos würde es sicher auch geben. Juan wollte nach seinem Sack greifen, griff aber ins Leere. Er sah sich daraufhin im Wagen um, konnte aber nichts entdecken. Für einen kurzen Moment brandete in ihm Panik auf, bis er begriff, dass er den Sack hier nicht mehr benötigen würde.
„Wird’s bald? Ich hab nicht den ganzen Morgen Zeit.“
„Entschuldigung, ich war nur so… so beeindruckt.“
„Das sind die meisten. Los jetzt, komm mit.“
Juan stieg aus und ging an dem Halbaffen vorbei auf die Stufen des Hauses.
„Hey, wo willst du hin?“
„Hinein. Du sagtest doch…“ Der Halbaffe unterbrach ihn unwirsch.
„Ich sagte, du sollst mir folgen. Also runter da und mir nach.“
„Und wohin?“
„Das wirst du schon sehen.“
Juan folgte dem Mann. Ihr Weg führte weg von den Stufen, die das Glück verhießen und führte stattdessen zu einem der Nebengebäude. Das Gebäude war grösser als Juans bisherige Behausungen, von außen sauber und auch sonst ganz schön, aber weit von dem Prunk des Hauptgebäudes entfernt. In Juan machte sich etwas Enttäuschung breit. Enttäuschung darüber, dass man ihm das Paradies gezeigt hatte, es ihm aber im letzten Moment verwehrt blieb.
Der Halbaffe ging zur Tür und hielt sie für Juan auf. Die Tür führte in ein großes Zimmer, in dem neben drei gemütlichen Sofas ein Fernseher, ein paar Schränke, Tische und Stühle standen. Am Ende des Zimmers war eine kleine Küche.
„Das hier ist unser Wohnraum. Wenn du Hunger hast, fühl dich frei und hol dir was aus dem Kühlschrank. Wenn du Durst hast, findest du was hinter der Tür da.“ Sein Finger wanderte in Richtung einer Tür neben der Küche.
„Komm weiter jetzt. Ich zeig dir dein Zimmer.“
Juan trottete weiter dem Halbaffen hinterher, der eine Tür öffnete, die in einen Flur mündete. Sie gingen über eine Treppe nach oben und dort bis an das Ende des Flurs.
„Das hier ist dein Zimmer. WC und Dusche sind im Zimmer. Der Boss hat dir ein paar Anziehsachen raufbringen lassen. Schau mal, was dir passt. Du kannst dich jetzt saubermachen und noch etwas hinlegen. Gegen Mittag rum schau ich nochmal nach dir. Hast du noch Fragen, oder brauchst du noch was?“
„Ja… wann seh ich Carlos und Maria und die Kinder?“
„Wenn es der Boss will. Gute Nacht.“
Damit verließ er Juan und ließ ihn an der Tür stehen. Juan öffnete die Tür und fand ein mittelgroßes Zimmer vor, in dem ein gemütlich wirkendes Bett stand, sowie ein kleines Sofa, eine Kommode, darauf ein kleiner etwas älterer TV und ein Schrank. Im Schrank hingen ein paar Anzüge, sowie Freizeitkleidung in Juans Größe. Juans Müdigkeit war verflogen und so beschloss er eine Dusche zu nehmen und später ein paar Kleinigkeiten aus dem Kühlschrank zu besorgen.
Im Badezimmer fand er Seife, Handtücher und Rasierutensilien vor. Eine Rasur würde sicher gut tun, fing das Kinn doch schon langsam zu jucken an. Juan betrat die Dusche und drehte das Wasser voll auf und verbrühte sich fast am heißen Wasser. Schnell gab er kaltes Wasser bei und erfreute sich an der ersten heißen Dusche seit Jahren. Das Wasser perlte an ihm herab und vermischte sich mit dem Schaum der Seife, tropfte auf den Boden und lief in den Ausguss der Dusche.
Als er den Schaum abgespült hatte, blieb er noch ein paar Minuten unter dem fließenden Wasser, genoss es, wie es an ihm herunterlief und spülte damit die Ereignisse der letzten Tage von sich. Zumindest für den Moment. Nachdem der Bart ab war, fischte er sich aus dem Schrank einen bequemen, aber trotzdem durchaus ansprechenden Anzug in hellen Farben, streifte ihn sich über und setzte sich kurz aufs Bett, legte den Kopf in die Hände und ließ die letzten Tage Revue passieren. In etwas mehr als einer Woche hatte sich sein Leben und die Welt da draußen komplett verändert. Halb Mexiko ist vor die Hunde gegangen und das Militär wirkt so, als würde es der Bedrohung hilflos gegenüber stehen.

Freitag, 22. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 43

Untot - Band 2 - Kapitel 43
Bestürzt starrten sie auf den Fernseher, während weitere Berichte über Ausbrüche im Norden gezeigt wurden, die laut Sprecher aber schnell eingedämmt werden konnten. Sorgen machte Juan aber der Bericht über den Checkpoint südlich von San Luis, der vom Aufbau her dem Checkpoint nicht unähnlich war, durch den sie gekommen waren. Ob es dort auch so abgelaufen war? Juan wollte nicht daran denken, was aus den Familien geworden war, aus den anderen Leuten, mit denen sie stundenlang im Stau festgesessen hatten.
Es war auch erschreckend, wie nutzlos modernes Kriegsgerät gegen diese Monster ist. All die Waffen, gebaut um Menschen zu töten, zu verletzen und zu verstümmeln… sie alle versagen gegen diese Plage. All die Taktiken, all die Strategien, die erdacht wurden, um gegen einen menschlichen Feind zu kämpfen sind nutzlos im Kampf gegen die lebenden Toten. Die lebenden Toten scheren sich nicht um Kriegsführung, benötigen keinen Nachschub und keine Verpflegung.
Sie kennen keine Motivation und weichen nie zurück. Sie befolgen keine Befehle und ihre Befehlskette lässt sich auch nicht unterbrechen. Sie werden nur von der Gier nach menschlichem Fleisch angetrieben. Wie Maschinen. Unerbittliche Maschinen ohne Moral und ohne Verstand, nur ihren Instinkten folgend und mit Sinnen ausgestattet, die denen von Menschen offensichtlich in manchen Belangen überlegen waren.
Eine Kamera zeigte Bilder von San Luis. Einwohner wurden eilig evakuiert. Der Sprecher berichtete davon, dass die Bewohner in Busse verfrachtet wurden, um ein Verkehrschaos, wie bei vorhergehenden Evakuierungen zu vermeiden. Gezeigt wurden Menschenmassen, die verzweifelt auf die Ankunft eines Busses oder irgendwas warteten, während im Hintergrund bereits Kampfgeräusche zu hören waren.
Es wurde auf einen Hubschrauber umgeschaltet, der ein Luftbild von San Luis lieferte. Zu sehen waren gepanzerte Fahrzeuge, die sich zurückzogen und dabei auf die anrückenden Zombiehorden feuerten. Kopftreffer gelangen dabei offensichtlich weniger, die Masse wurde kaum kleiner und folgte den sich zurückziehenden Fahrzeugen. Dass die sich auf die Stadt zubewegten und damit die Zombies geradewegs hin auf die Menschen zuführten, konnte aber nicht im Sinne der Militärführung gewesen sein.
Der Bericht wurde abgebrochen mit dem Hinweis, dass der Hubschrauber abdrehen musste, weil die mexikanische Luftwaffe gedroht hatte, ihn andernfalls abzuschießen. Auch aus San Luis konnte kein weiteres Material mehr gesendet werden und man mit dem Herzen bei den Menschen in San Luis sei. Ein neuer Bericht zeigte die Grenze zu den USA, an der unangekündigt begonnen wurde, eine Mauer zu errichten. Offiziell wurde dies als Maßnahme gegen den Drogenkrieg begründet, obwohl der Drogenhandel die letzten Wochen stetig zurückgegangen war.
Ein Regierungssprecher der USA wollte sich dazu nicht weiter äußern und verwies auf das Selbstbestimmungsrecht der USA, wie es seine Grenzen zu sichern gedachte. Mexiko betrachtete dies als Affront und wies darauf hin, dass darunter auch der grenzübergreifende Handel leiden würde und Mexiko derzeit mehr denn je auf Lieferungen aus den USA angewiesen sei. Eine bei der UN eingereichte Petition wurde aber angesichts der weltweiten katastrophalen Ereignisse als wenig aussichtsreich angesehen.
Auch die von Mexiko angeforderte Unterstützung durch UN-Truppen versandete angesichts dessen, dass die meisten Staaten begannen, die Armee zur Eindämmung im eigenen Land einzusetzen. Mexiko war auf sich allein gestellt und musste sich selber wieder aus dem Dreck ziehen war das abschließende Resümee des Sprechers und betonte, wie stolz er sei, aus dieser glorreichen Nation zu stammen. Viva la México!
Carlos war der erste, der die Stille im Auto durchbrach.
„Schöne Scheiße, was? Ich hätte nicht gedacht, dass wir so sehr am Arsch sind.“
„Aber wir können das doch aufhalten. Diese Zombiedinger da.“ Juan sah Carlos fragend an.
„Ich weiß es nicht. Ich bin kein Militär, aber du hast ja gesehen, was unsere Waffen dagegen ausrichten. Natürlich wird es gelingen, sie an einigen Orten aufzuhalten, aber nicht überall. Dazu kommen noch die vielen Infizierten, die heute durch Checkpoints quer über das Land kamen und die Seuche an andere weitergeben. Also selbst, wenn die Untoten aufgehalten werden können, wird das Problem im Hinterland weiter zunehmen. Martinez?“
Martinez drehte sich nach hinten.
„Was gibt’s Carlos?“
„Wurde Ciudad Juárez abgeriegelt?“
„Was meinst du mit abgeriegelt?“
„Habt ihr dafür Sorge getragen, dass da keiner rein kommt?“
„Nein, natürlich nicht. Wir kontrollieren die Straße, wir greifen bei Problemen ein, aber wir haben bisher nicht daran gedacht, die ganze Stadt abzuriegeln.“
„Dann wird’s jetzt Zeit. Durch die Flüchtlinge wird sich die Infektion im Norden rasant ausbreiten. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Stadtgrenzen gesichert werden. Wir müssen Quarantänecamps einrichten und wir brauchen Hunde. Hunde können es spüren, wenn man die Infektion in sich trägt. Ich weiß nicht, in welchem Stadium, aber sie spüren es. Ich muss mich mit einigen Leuten treffen. Martinez, ich will, dass du ein Treffen arrangierst.“
„Kein Problem. Sonst noch etwas?“
„Wir brauchen Nahrungsmittel. Viele Nahrungsmittel. Für uns und für die Stadt. Und wir brauchen Waffen. Waffen und Munition. Wir müssen Leute rekrutieren. Und wir müssen Evakuierungszonen bilden, wenn die Stadt nicht mehr zu halten ist.“
„Sonst noch was?“
„Ja. Wir sollten anfangen zu beten.“

Donnerstag, 21. April 2011

Untot: Dämmerung ab sofort bei Amazon.de

Ganz überrascht habe ich eben entdeckt, dass Kindle eBooks zwischenzeitlich auch bei Amazon.de verfügbar sind. Darunter natürlich auch Untot: Dämmerung und diesmal zum korrekten Preis von 99 Cent.

Selbstverständlich gibt's das PDF weiterhin kostenlos zum Download.

Untot - Band 2 - Kapitel 42

Untot - Band 2 - Kapitel 42
Mit dem Einstieg in Carlos‘ Wagen öffnete sich für Juan eine neue Welt. Der Wagen war nicht übermäßig groß, bat aber hinten Platz für vier bis sechs Personen. Maria nahm neben Carlos Platz und Juan teilte sich seine Sitzbank mit Carmen und Antonio. Martinez hatte den Wagen gut vorbereitet und neben Essen standen auch gekühlte Getränke bereit. Juan kam sich vor wie in einem Film.
Gierig verspeiste er die angebotenen Häppchen, spülte sie mit einem Glas Sekt hinunter und staunte nicht schlecht, als sich ein Fernseher von oben löste. Ein Nachrichtensender erschien und ein aufgeregt wirkender Sprecher verlas offizielle Verlautbarungen der Regierung zum Umgang mit der Seuche. Dabei war explizit die Rede von Infizierten. Eine Landkarte Mexikos wurde eingeblendet und anhand eines Farbenschemas die Grade der Infektion dargestellt.
Schwarze Gebiete waren aufgegeben und wahrscheinlich menschenleer, dunkelrote Gebiete überrannt, aber noch von Militäreinheiten umkämpft, rote Gebiete umkämpft und hellrote Gebiete wiesen vereinzelte Infektionsherde auf. Grüne Bereiche dagegen waren „sauber“, was hieß, dass dort seit mindestens einer Woche keine Infektion aufgetreten ist. Fast der komplette Norden war noch grün, während der Süden Mexikos ein schwarzer Fleck war.
Juan wurde übel bei dem Gedanken, dass der komplette Süden des Landes verloren war… Die Gegend um Guadalajara wurde dunkelrot dargestellt, Zacatecas war hellrot. Was lag nach der Straßensperre, durch die sie gekommen waren? Was wäre, wenn diese nicht mehr zu halten sein würde? Wenn die Infizierten weiter nach Norden vorstoßen? Wer sollte sie noch aufhalten? Der Nachrichtensender hatte wohl ähnliche Fragen, denn der Sprecher kündigte als Gast General Leonardo Gonzáles García von der mexikanischen Luftwaffe an.
„General Garcia, wir haben besorgniserregende Bilder aus dem Süden Mexikos gesehen. Viele Städte gleichen Geisterstädten, die Bevölkerung ist auf der Flucht und es scheint, als wären die Untoten nicht aufzuhalten. Was unternimmt das mexikanische Militär, um die Zivilbevölkerung vor dieser Bedrohung zu beschützen?“
„Die mexikanische Luftwaffe fliegt unermüdlich Angriffe in dem infizierten Gebiet und unterstützt unsere tapferen Kämpfer am Boden. Wir werden keinen Meter zurückweichen und nicht einen weiteren Meter mexikanischen Bodens an die Infizierten opfern.“
„Man spricht davon, dass im Süden Eindämmungsversuche fehlgeschlagen sind, tausende Menschen durch die Kontrollen schlüpfen konnten und darunter viele Infizierte.“
„Das sind unbestätigte Gerüchte. Die Zivilbevölkerung verhält sich kooperativ und schenkt den Anweisungen der Behörden Gehör. Wir können mit Sicherheit sagen, dass entsprechende Berichte dem Bereich der Phantasie zuzuordnen sind. Ja, es wurden Fehler gemacht und ja, wir haben die Bedrohung lange Zeit unterschätzt. Aber jetzt schlagen wir zurück. Jetzt sind wir dabei, den Krieg für uns zu entscheiden. Für Mexiko.“
„Wir haben hier ein Video, das vor ein paar Stunden an einem ihrer Checkpoints an der südlichen Verteidigungslinie aufgenommen wurde. Möglicherweise möchten sie die Szenen in dem Video kommentieren. Beitrag einspielen.“
Es wurde das Video eines Checkpoints eingespielt, der dem südlich von Zacatecas nicht ganz unähnlich war. Mit dem Unterschied, dass hunderte Menschen auf den Eingang zuströmten, nur kurz dahinter langsam aber bestimmt dahin wankende Gestalten, die sich der Ansammlung näherten. Wie aus dem Nichts schien die Situation zu eskalieren. Es begann mit einem Soldaten, der einen Warnschuss abgegeben hatte, was mit einem Schuss aus der Menge beantwortet wurde.
Der Soldat presste sich die Hand an den Hals und brach zusammen. Eine Schrecksekunde später strömten die Menschen über die Absperrungen hinweg. Einige Soldaten eröffneten das Feuer und wurden ihrerseits von Zivilisten beschossen. Unschuldige gingen zu Boden, Frauen, Kinder und Alte. Andere Soldaten legten die Waffen nieder und schlossen sich den Flüchtenden an, andere hielten die Stellung, feuerten aber nicht auf die Zivilisten.
Kurze Zeit später strömten die Menschen hinter der Absperrung zu den Bussen und LKWs und versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Die zurückgebliebenen Soldaten eröffneten das Feuer auf die vorrückenden Untoten, konnten der Masse aber nicht lange etwas entgegensetzen. Viele verloren die Nerven, liefen einfach davon. Andere brachen weinend zusammen, andere erlösten sich mit ihrer eigenen Waffe, bevor sie von den anrückenden Horden zerrissen würden.
Die Situation war völlig außer Kontrolle. Aus gepanzerten Fahrzeugen wurde noch auf die Angreifer gefeuert, aufgrund der Streuwirkung verfehlten die meisten Schüsse aber die Köpfe, bzw. vermochten nicht das Gehirn zu zerstören und konnten sie die Reihen der Untoten nicht merklich lichten. Kampfhubschrauber kamen ins Bild und feuerten ihre Raketen in die angreifenden Massen. Kampfbomber warfen Brandbomben in die Menge, aber trotz aller Bemühungen schien die Masse eher zu- als abzunehmen.
Die Kamera wurde von dem unbekannten Kameramann hochgenommen. Das Bild wurde schief und verschwand am Ende. Der Bildschirm war schwarz. Eine Karte wurde eingeblendet und auf der Karte eine Stelle markiert. Die Karte zoomte leicht heraus und zeigte, dass die Stelle ungefähr 30 KM südlich von San Luis lag. Unter der Karte wurde das heutige Datum und eine Uhrzeit, die auf frühen Nachmittag hindeutete eingeblendet. Der Sprecher ergriff wieder das Wort.
„Heute Nachmittag wurde begonnen, San Luis zu evakuieren. Möglicherweise zu spät. General Garcia, würden sie mit mir übereinstimmen, dass das mexikanische Militär dabei versagt, ihre eigene Bevölkerung vor dieser Bedrohung zu beschützen?“
„Woher haben sie das Video? Dieses Video war nicht freigegeben. Ich fordere sie hiermit auf, das Video sofort den Behörden zu übergeben. Sie sind verpflichtet unseren Anweisungen Folge zu leisten.“
„Vielen Dank für ihren Besuch bei uns im Studio. Ich habe keine weiteren Fragen.“