Samstag, 9. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 30

Untot - Band 2 - Kapitel 30
Das Haus war verlassen, die Einwohner weg oder lagen jetzt tot davor. So oder so war niemand hier, der Carlos daran hindern konnte, die Schränke und Kisten zu durchwühlen. Nach einiger Zeit fand er, wonach er gesucht hatte. Er steckte sich ein paar Dosen in einen herumliegenden Sack, fand tatsächlich auch noch einen Dosenöffner und ging damit wieder nach draußen.
Draußen schien alles friedlich, aber Carlos hatte gesehen, wie schnell sich eine ruhige Situation in den blanken Horror verwandeln konnte. Das hatte er schon gesehen, bevor die ganze Scheiße losging. Ja, er hatte schon viel Scheiße in seinem Leben gesehen, aber das hier toppte alles. Was für eine Scheiße, dass es ihn gerade in der Provinz in den Knast verschlagen hatte. Aber wer konnte auch ahnen, dass es ausgerechnet hier schwer bewachte Straßensperren geben würde?
Als Carlos vor einer Woche seine Reise antrat, wollte er nur bei einigen seiner Lieferbetriebe nach dem rechten schauen. Natürlich hatte er von seltsamen Vorfällen gehört und natürlich berichteten seine Kontakte aus dem Süden von Aufständen, Militär- und Polizeieinsätzen. Aber was interessierte es Carlos? Carlos stand über dem Gesetz. In seiner Heimatstadt war er gefürchtet und geliebt. Die, die ihm Essen und ein Dach über dem Kopf zu verdanken hatten, die liebten ihn. Die, die bei ihm in Ungnade fielen, fürchteten ihn und die Polizei hasste ihn.
Zumindest die wenigen, die nicht auf seiner Gehaltsliste standen.
Das Geschäft lief gut, die Lieferbetriebe lieferten zuverlässig und in guter Qualität. Seine Abnehmer speziell in den USA waren begeistert und die Preise stiegen seit der totalen Grenzüberwachung ins uferlose. Natürlich stiegen auch seine Unkosten, aber dadurch, dass viele Konkurrenten mit schlechteren Verbindungen ihre Exporte fast ganz einstellen mussten, katapultieren Carlos‘ Betrieb innerhalb weniger Wochen ganz nach oben.
Dann kamen keine Lieferungen mehr. Erst ganz im Süden. Der Kontakt brach von einem Tag auf den anderen ab. Carlos sorgte sich um seine Lieferanten und schickte Männer los, die sich um seine Lieferanten kümmern sollten. Die ihnen gut zureden sollten und sie davon überzeugen, wieder für ihn zu arbeiten. Viele kamen nicht durch und vom Rest hörte er nichts mehr. Bevor er seine gesamten Lieferanten verlor, wollte er selbst nach dem Rechten sehen und ausgerechnet in dem Kaff Milpillas geriet er in eine Straßensperre mit Beamten, die kein Interesse an einem Zusatzverdienst hatten.
Wobei jetzt im Nachhinein war er gar nicht so unfroh darüber, gerade bei dem Gedanken an seinen Leibwächter Marco, der die Zelle neben ihm belegt hatte. Wer konnte auch ahnen, dass ein kleiner Biss so eine große Wirkung haben würde. Was hatte Marco geflucht, bevor er dem kleinen Mädchen den Kopf weggeblasen hatte. Er hatte zu lange gezögert, sah das Mädchen und konnte nicht abdrücken. Ein böser Fehler. Carlos verzieh normal keine Fehler, aber im Falle von Marco rächte sich die Unachtsamkeit von selbst.
Armer Marco. Ein guter Mann. Es geschah bei der Hütte eines seiner Lieferanten. Carlos hatte sich vor zwei Wochen angemeldet und stand vor der Tür, wollte mit ihm reden, wollte ihn überzeugen, dass es seine Vorteile hat für Carlos zu arbeiten und dass es keine gute Idee sei, sich neue Freunde zu suchen. Nur Carlos konnte für Schutz garantieren. Never change a winning team, war Carlos‘ Lieblingsfloskel, bevor er abtrünnigen Lieferanten die Finger brechen ließ. Meistens nur die Finger, die sie nicht für die Arbeit unbedingt benötigten. Carlos war kein Unmensch, Carlos war Geschäftsmann.
Als sie vor der Tür der Farm standen war noch alles unauffällig. Es kam nicht selten vor, dass bei Carlos‘ Ankunft die Türen verschlossen waren. Carlos ließ Marco und einen seiner vielen namenlosen Angestellten zur Tür vorgehen, um sich mit Jesus zu unterhalten. Meistens war es ganz gut, wenn seine Mitarbeiter vorab ein klärendes Gespräch mit den Lieferanten führten, um die Wellen der Emotionen zu glätten. Um die Leute davon zu überzeugen, dass Carlos nur ihr bestes wollte und meistens war das ihre Ware. Mit toten Lieferanten konnte Carlos nichts anfangen.
Marco positionierte sich schräg hinter dem namenlosen Mann, den alle nur Narbe nannten. Eine lange Narbe vom linken Auge ging quer über das Gesicht bis zum Kinn und von dort wieder nach oben bis hinein in die rechte Wange. Die Männer erzählten, dass Narbe für die Regierung tätig war, bevor er ins freie Gewerbe wechselte. Narbe selbst erzählte nie etwas, nicht einmal seinen Namen. Narbe war der Mann fürs Grobe und der Mann, den Carlos gerne neben Marco auf Geschäftstermine mitnahm.
Während er sich mit Marco noch unterhalten konnte, waren Gespräche mit Narbe ähnlich wie Gespräche mit einer Wand, mit dem Unterschied, dass Narbe von Zeit zu Zeit wenigstens so tat, als würde er zuhören. Vor allem ließ Narbe nie den Augenkontakt abbrechen, suchte immer nach den Augen seines Gesprächspartners und schien darin zu lesen wie in einem Buch. Carlos fand das immer etwas unheimlich, schätzte diese Eigenschaft aber umso mehr. Er hatte schon Männer unter diesem Blick zusammenbrechen sehen, noch bevor Narbe seine anderen Talente zeigen konnte.
Wen störte es da, dass dieser Koloss von einem Mann nicht sprach? In diesem Gewerbe zählten andere Kriterien und so auch für Carlos. Mit Marco und Narbe an seiner Seite konnte eigentlich nichts schiefgehen und wenn doch, warteten im zweiten Wagen noch vier Angestellte mit durchschlagenden Argumenten der Marke 7,62 Millimeter. Vertrauen war gut, Vorsicht noch besser. Vor allem nachdem so viele Angestellte in letzter Zeit völlig wortlos ihr Angestelltenverhältnis hingeworfen hatten.
„Eine traurige Zeit, in der wir leben“ dachte Carlos, als sich Narbe gegen die Haustür warf.

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