Dienstag, 12. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 33

Untot - Band 2 - Kapitel 33
„Carlos?“
Carlos erwachte aus seiner Starre und sah in die Gesichter von Juan, Maria, Carmen und Antonio, die ihn ängstlich anstarrten. Verschwunden waren Marco, Narbe und der für ihn namenlose Fahrer. Weg waren seine mit Sturmgewehren bewaffneten Begleiter und zurück blieben ein unerfahrener Grünschnabel, eine entschlossene Frau und zwei Kinder. Auf seinem schwer bewachten Anwesen würde er sich im Moment etwas sicherer fühlen.
Dummerweise standen zwischen hier und seinem Anwesen jede Menge Armee und Polizei, wie ihm sein Geschäftspartner am Handy berichtet hatte. Die Verwunderung darüber, dass er ihn „Papa“ nannte, wich schon bald der Erkenntnis, dass Carlos nicht frei reden konnte. Polizei und Armee hatten die Straßen nach Süden abgeriegelt und selbst mit viel Geld war kein Durchkommen möglich.
Carlos zwang sich ein Lächeln ab und ging zurück zu seinem Quad. Der Hund winselte leise, als Carlos an ihm vorbei ging. Carlos hielt inne, öffnete den Sack und zog eine Dose mit Hundefutter heraus, gab sie Carmen. Den Dosenöffner überreichte er Antonio, der ihn stolz an sich nahm und sofort begann, die Dose zu öffnen. Der Hund sah erwartungsvoll nach oben und wedelte mit seinem Schwanz.
„Macht das bitte unterwegs. Wir sollten hier schnellst möglichst verschwinden, bevor mehr von diesen Dingern kommen.“
„Carlos hat Recht. Los alle ins Auto. Wir verschwinden wieder.“
„Carlos?“
Marias Stimme ließ Carlos leicht zusammenzucken, bevor er sich zu ihr umdrehte.
„Was?“
„Hast du im Stall nachgesehen?“
„Ja…“
„Was ist mit den Tieren?“
„Das willst du nicht wissen. Diese Dinger ernähren sich aber offensichtlich nicht nur von Menschen.“
„Du meinst…?“
Wortlos wandte Carlos sich um und stieg auf sein Quad. Maria verstand die Antwort und stieg wortlos in den Pickup. Im Pickup stritten die beiden Geschwister darum, wer den Hund füttern dürfe. Weil sie sich nicht einigen konnten, einigten sie sich auf einen Kompromiss und fütterten ihn abwechselnd. Beim Namen wurden sie sich ebenfalls bald einig. Nachdem Antonio seiner Schwester belegen konnte, dass es sich um einen Rüden handelt, legten sie sich auf Perro fest.
Maria hörte ihren Kindern dabei zu und freute sich für die beiden, dass mit dem Hund  ein Stück Normalität in ihr Leben zurückgekommen war. Maria sah nach hinten und genoss den Anblick ihrer Kinder. Genoss es, dass sie für den Moment den Tod ihres Vaters und Bruders vergessen konnten und über den Hund neue Freude am Leben fanden. Freude, die ihnen die letzten Tage scheinbar abhanden gekommen war.
Marias Gedanken verloren sich und fanden sich wieder in einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Einer Zeit, in der die Familie abends zu Hause saß und nach getaner Feldarbeit die Zeit als Familie genoss. Die Farm warf nicht viel Geld ab, reichte aber aus, die Familie über die Runden zu bekommen. Während der Erntezeit halfen alle Farmen in der Umgebung zusammen, nur um am Ende zusammen eine große Erntefeier abzuhalten.
Dieses Jahr würde die Erntefeier ausfallen. Ihr Sohn Miguel liebte die Erntefeier. Die Erntefeier war die einzige Zeit im Jahr, in der Leben in das Dorf kam. Die einzige Zeit, in der sich alle Farmer der Umgebung versammelten und in einem großen Fest die Anstrengungen der letzten Tage und Wochen abstreiften. Es war eine Erntefeier, auf der Maria Emilio kennenlernte. Sie waren beide jung und auf unterschiedlichen Farmen aufgewachsen und verstanden sich auf Anhieb.
Noch vor der Hochzeit verstarb Emilios Vater und letztes Elternteil. Emilio stand alleine da und Maria wusste die hinterlassene Lücke zu füllen. Bald darauf gaben sie sich das Ja-Wort und mit Antonio entwuchs ihrer Liebe die erste Frucht. Juan war so stolz auf seinen Sohn und wünschte sich nichts mehr, als ihm beim aufwachsen zuzusehen. Auch seine Tochter und seinen zweiten Sohn liebte er über alles, versprach ihnen, immer für sie dazu sein. Ein Versprechen, das er nun nicht mehr halten konnte. Nun hatten sie Juan.
Maria sah zu ihm hinüber, empfand Verachtung zu zugleich Bewunderung. Trotz seiner unübersehbaren Schwächen hatte er es geschafft, dass sie noch am Leben waren, hatte es geschafft, sie wenigstens teilweise in Sicherheit zu bringen. Noch mehr bewunderte sie aber Carlos. Carlos umgab ein Geheimnis, das spürte sie. Carlos war kein Farmer, dafür waren seine Hände zu gepflegt, seine Umgangsformen zu gut und sein Umgang mit Waffen zu gewohnt. Carlos schmiegte das Gewehr an sich, als würde es schon immer ein Teil von ihm sein. Vielleicht war er Regierungsbeamter oder ein Verbrecher, momentan war er aber ihre einzige Hoffnung. Der einzige, der sie beschützen könnte. Mit dem Gedanken im Kopf verabschiedeten sich ihre Gedanken endgültig und Maria fiel in einen tiefen Schlaf.

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