Freitag, 15. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 36

Untot - Band 2 - Kapitel 36
Ein paar Minuten später konnten sie beobachten, wie ein Wagen von der Straße geschoben wurde. Die Insassen wurden weiter nach vorne gebracht, wahrscheinlich auf einen Transporter geladen. Juan überlegte, ob das möglicherweise eine Möglichkeit war, schneller hier wegzukommen. Perro würden sie dann aber zurücklassen müssen und das wollte er den Kindern nicht antun. Er hatte ihnen ihren Vater und ihren Bruder genommen. Nein, den Hund sollten sie behalten und Juan verwarf den Gedanken wieder.
So verging der Tag. Die Schlange bewegte sich nur langsam einige Meter vorwärts und sie taten es anderen gleich, die ihren Wagen entgegen den Anweisungen lieber die paar Meter schoben, statt die Batterie zu belasten. Die Soldaten ließen die Menschen gewähren. Lieber so, als später hunderte liegengebliebener Fahrzeuge, die den Weg für die nachfolgenden Fahrzeuge blockieren würden.
Die Nacht blieb ereignislos. Maria, Juan und Carlos wechselten sich mit der Nachtwache ab, während immer zwei von ihnen die wenige Zeit für etwas Schlaf nutzten. Als der Morgen graute, kam etwas Bewegung in den Konvoi und in Schrittgeschwindigkeit konnten sie in vier Stunden einige Kilometer zurücklegen. Gemessen an der noch vor ihnen liegenden Strecke leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Je weiter sie nach vorne kamen, desto mehr Autos standen neben der Straße oder lagen eilig weggeschoben auf der Wiese. Viele hatten offensichtlich die Leistung ihrer Batterie überschätzt, oder wollten auch in Zeiten der höchsten Not nicht auf ihre Klimaanlage verzichten. Juan schüttelte den Kopf, während die Karawane wieder zum Stillstand kam. Carlos schaltete den Motor ab und legte den Kopf auf das Lenkrad.
Die Sonne heizte den Wagen auf steigerte den Wasserverbrauch. Zudem hatte Juan langsam ein dringendes menschliches Bedürfnis. Mit dem einen menschlichen Bedürfnis hatten sie sich mit Flaschen beholfen, die aus dem Fenster gekippt wurden. Andere waren dabei nicht so diskret und urinierten direkt aus dem Fahrzeug. Nicht zuletzt deshalb stank die ganze Straße atemberaubend nach Urin und Fäkalien. Die Fenster zu schließen war keine Option, wollten sie nicht gekocht werden.
So saß Juan mit Blähungen in einem überhitzten Auto und atmete dabei den beißenden Uringestank von hunderten Menschen ein. Juan überlegte, wie es noch schlimmer kommen könnte, nur um im gleichen Augenblick von der Realität überholt zu werden. Maria bemerkte es als erste. Ein Funkspruch löste bei den begleitenden Soldaten und Polizeibeamten eine Unruhe aus. Schnell fanden sie sich in Gruppen zusammen und berieten sich.
Maria informierte die anderen über ihre Beobachtungen aber wenigstens Carlos war auch schon aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Die Gruppe stand zu weit vom Wagen entfernt, um etwas von dem Gespräch mitzubekommen, aber was auch immer es war, es war nicht gut. Dazu wirkten die Soldaten und die Polizisten zu nervös. Vor allem die jüngeren, noch unerfahrenen Soldaten hatten einen Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verhieß.
Maria sah zu Carlos und Carlos sah zu Juan und als sich ihre Blicke trafen, wussten sie, dass sie das gleiche dachten, aber keiner wagte es auszusprechen. Sie wähnten sich in Sicherheit, sie glaubten daran, dass sie es schaffen würden und sie dachten, dass der Horror für sie zu Ende wäre. Doch die Reaktion der Soldaten ließ keine Zweifel aufkommen, ließ keinen Spielraum für Interpretationen. Sie waren hier.
Für Juan stieg die Innentemperatur gefühlt um weitere 50 Grad an. Sie saßen hier fest, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Dieser Autokonvoi war wie ein riesiger Zombieselbstbedienungsladen. Von hier gab es kein Entkommen, niemand der sie aufhalten würde und sie würden sich weiter vermehren, je weiter sie nach vorne kamen. Mit jedem Toten würde ihre Zahl steigen. Schließlich war es Carlos, der die Stille durchkreuzte.
„Wir müssen hier weg. Schnell.“
„Und wohin? Vielleicht haben sie es noch unter Kontrolle. Ich meine… die stehen da noch rum. Wenn’s wirklich gefährlich wäre, wären die doch schon weg, oder?“
„Mach dich nicht lächerlich. Du hast doch am meisten Angst hier drin. Wenn wir jetzt losgehen, haben wir einen Vorsprung vor all denen, die jetzt noch in ihren Autos verharren.“
„Und wenn sie uns aufhalten?“
„Dann können wir immer noch zurückgehen. Hier auf unseren Tot zu warten, halte ich für keine gute Idee.“
„Ich auch nicht.“ Mischte sich Maria ein. „Und ich finde auch nicht, dass wir auf diesen kleinen Feigling hier hören sollten.“
„Es steht zwei zu eins Stimmen. Es ist also beschlossen. Juan, pack du hinten die Vorräte und die Waffen zusammen. Vor dem Abmarsch sollten wir uns nochmal stärken. Ich weiß nicht, wann wir die nächste Mahlzeit zu uns nehmen können.“
Juan tat wie im geheißen und packte etwas Essen und Trinken für die Mitreisenden und den Hund aus. Während sie die Mahlzeit zu sich nahmen, beschlossen sie das weitere Vorgehen. Carlos würde einen Motordefekt vortäuschen und sich zusammen mit den Begleitern auf den Weg machen. So oder so gab es nur ein Ziel und das lag nördlich. Nördlich lag Juans Anwesen. Juans Anwesen war sicher und dort würden sie ausharren, bis die ganze Scheiße vorbei war.

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