Sonntag, 17. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 38

Untot - Band 2 - Kapitel 38
Carlos schien unendliche Energiereserven zu besitzen. Nachdem Juan nicht mehr konnte, nahm er die Kinder abwechselnd auf die Schulter, ständig darauf bedacht, keine Zeit zur verlieren. Dabei verlor er kein Wort, schien die ganze Zeit über in sich gekehrt und Maria hatte das Gefühl, dass er sich vor etwas fürchtete. Maria wusste nicht, ob die Quelle für seine Furcht vor oder hinten ihnen lag.
Während ihres Vormarschs hörten sie immer häufiger Explosionen, teilweise waren auch schon Schüsse zu hören. Nicht mehr nur hinter ihnen, auch abseits der Straße wurde geschossen. Östlich und westlich kreisten Helikopter und lautes Brummen wie von gepanzerten Fahrzeugen war zu vernehmen. Scheinbar war das Militär bemüht, die Flüchtlingsroute solange wie möglich zu beschützen und der näher kommende Lärm verhieß nichts Gutes.
Das ging auch an den anderen Flüchtlingen nicht spurlos vorüber. Der Paniklevel sprang sprunghaft an und immer häufiger kam es zu kurzen Schießereien, Kämpfen und Auseinandersetzungen, bei denen sich jeder der nächste war. Die Panikwelle war mittlerweile an der Gruppe vorbeigezogen war und sie waren gezwungen, die Köpfe einzuziehen. Carlos setzte sich das Gewehr an die Schulter und rannte schussbereit voran. Auch Juan hatte sein Gewehr abgenommen und trug es sichtbar vor sich her.
So erreichten sie nach drei Stunden schnellen Fußmarschs eine Straßensperre. Vor der Straßensperre patrouillierten schwer bewaffnete Hundestaffeln, die Flanken wurden durch MG-Stellungen und gepanzerte Fahrzeuge gesichert, während hinter der Straßensperre Zelte, LKWs und eine Art Auffangcamp aufgebaut waren. Gepanzerte Fahrzeuge deckten die Sperre in Richtung der umgebenden Hügel.
Die ankommenden Autos wurden angehalten, die Fahrzeuginsassen von den Hundestaffeln kontrolliert, anschließend hinter die Absperrung gebracht, wo sie von medizinischem Personal einer Leibesvisitation unterzogen wurden. Wenn die Hunde reagierten, oder am Körper Auffälligkeiten auszumachen waren, wie z. B. Bissverletzungen, wurden die so aufgefallenen Personen in dem Auffangcamp zur weiteren Beobachtung untergebracht. Hinter dem Auffangcamp stapelten sich schwarze Leichensäcke.
Noch war es ruhig, aber schon bald würden hier tausende Flüchtlinge aufschlagen. Carlos zögerte nicht, sondern ging geradewegs auf die Straßensperre zu. Jeder Meter, den er der Sperre näherkam, beunruhigte ihn mehr. Wenn sie ihn erkennen würden, wäre seine Reise hier zu Ende und die seiner Begleiter möglicherweise auch. Es gab aber keine andere Möglichkeit. Hinter und neben ihnen gab es nichts. Nur diese Dinger. Er ging weiter.
Als sie die Hundestaffeln erreichten, kam ein Hundeführer auf sie zu. Der Hund war gut dressiert, roch an allen und blieb selbst dann ruhig, als Perro ihn wütend anknurrte. Wenn Perro jetzt Ärger machen würde, hätten sie ein Problem. Sie hatten auch keine Hundeleine, um ihn mitzuziehen. Doch zum Glück blieb es bei dieser einmaligen Reaktion und Perro folgte ihnen, als der Staffelführer den Weg freigab.
Hinter der Straßensperre wurden sie einzeln in die Zelte geleitet und mussten dort eine komplette Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Irgendjemand brüllte etwas in das Zelt, dass Juan nicht verstand, was das Personal aber offensichtlich nervös werden ließ. Die Untersuchung war oberflächlich und so trafen sie sich kurz darauf hinter dem Zelt wieder. Hinter den LKWs standen noch Busse, die die aufnahmen, die ohne fahrbaren Untersatz waren. Carlos drängte darauf, den nächsten, fast vollen Bus anzusteuern.
„Warum nehmen wir nicht den leeren Bus dort drüben“ warf Juan ein.
„Weil hier bald die Hölle losbricht und ich dann nicht mehr hier sein will. Hast du nicht gemerkt, wie nervös hier alle sind? Hast du nicht die Explosionen, die Schüsse gehört? Da draußen ist die Kacke am dampfen und die, die noch da draußen sind, die werden das auch bald begreifen und dann, dann mein lieber Freund, ist hier die Hölle los und ich will das nicht erleben. Du etwa?“
Juan sah kleinlaut zu Carlos und blieb stumm, nickte nur und ging zu dem Bus.
„Wohin fährt der Bus?“ erkundigte sich Carlos beim einsteigen.
„Wir fahren zu einem Camp weiter nördlich. Dort werden Unterkünfte und Nahrung vom Militär bereitgestellt.“
„Haben sie ein Telefon?“
„Hier? Nein. Könnten sie jetzt weitergehen? Mit euch wär die Fuhre voll und ich kann losfahren.“
Carlos nickte und ging weiter, dicht gefolgt von den Kindern, Maria und zum Abschluss Juan. Der Bus war bereits voll und sie mussten auf dem Boden Platz nehmen. Durch gutes Zureden erreichte Carlos aber, dass ein jüngerer Herr seinen Platz für Carmen und Antonio frei machte. Als Juan sein kalkweißes Gesicht sah, kam in ihm der Verdacht auf, dass dies möglicherweise nicht ganz freiwillig geschah. Carlos sah Juans Blick und lächelte. Das Lächeln war freundlich, und doch so kalt, dass Juan spontan erschauderte.

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