Montag, 18. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 39

Untot - Band 2 - Kapitel 39
Als sich der Bus in Bewegung setzte, warf Juan noch einen letzten Blick zurück. Vor der Sperre standen schon um die 100 Menschen und von hinten kamen weitere nach. Carlos hatte mit seiner Vorhersage Recht behalten. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Lage eskalieren wird. Auf einer fast leeren Straße polterte der Bus Richtung Norden. Von Zeit zu Zeit wurde gehalten, um unterwegs Flüchtlinge aufzunehmen, deren Auto den Strapazen nicht gewachsen war und auf dem Weg nach Norden liegenblieb.
Carlos ging nach vorne, drängte sich an den Leuten auf dem Boden vorbei und stellte sich neben den Fahrer.
 „Kann ich bitte ihr Funkgerät benutzen?“
„Da kommen sie nur bei der Zentrale raus.“
„Jaja, das lassen sie mal meine Sorge sein. Sie machen das auch nicht umsonst.“
„So? Was können sie mir denn anbieten?“
„Ich habe gerade nichts dabei, aber ich bin mir sicher, wir finden einen Weg, wie ich mich im Nachhinein bei ihnen revanchieren kann.“
„Einen Peso für jedes Mal, dass ich diesen Mist höre, und ich wäre bereits Millionär und bräuchte keine beschissenen Busse mehr zu lenken, Kumpel.“
„Hör mir gut zu. Ich bin nicht jedermann. Ich bin ein Mann, der nicht immer nach den Regeln des Gesetzes lebt, aber ich bin auch ein Mann, der seine Versprechen hält. Und wenn du mir nicht gleich das Funkgerät gibst, versprech ich dir, dass ich dich nach der ganzen Scheiße hier finden werde und dass ich dir beibringen werde, dass ich ein Mann bin, mit dem man sich nicht anlegt. Verstanden?“
„Schon gut Kumpel. Ich weiß aber nicht, ob’s dir was bringt.“
„Dann gib das Ding her.“
„Warte, ich kündige dich noch an.“
Der Busfahrer aktivierte das Funkgerät, nahm das Mikro heraus und drückte den Sprechknopf.
„Hallo Zentrale, hier Bus 43. Ich bin unterwegs ins Lager nördlich von Zacatecas. Ich habe hier einen Fahrgast, der dringend etwas loswerden will. Over.“
Das Gerät knisterte und kurz darauf rauschte die Antwort aus dem Gerät.
„Hier Zentrale an Bus 43. Bitte wiederholen. Over.“
 Carlos nahm dem Fahrer das Mikrofon aus der Hand.
„Hallo, hier spricht Carlos Cazzares. Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt und wenn sie sich selber etwas Gutes tun wollen, dann hören sie mir jetzt ganz genau zu. Verstanden? Over.“
Es vergingen Sekunden, in denen nichts geschah. Danach knackste es wieder und das gegenüber antwortete auf Carlos‘ Funkspruch.
„Verstanden. Over“
„Sehr gut. Dann hören sie mir jetzt gut zu.“
Carlos diktierte seinem Gegenüber die nötigen Anweisungen, ließ sie sich zwischendurch bestätigen und wartete neben dem Busfahrer auf Antwort, spürte die neugierigen Blicke des Fahrers auf sich.
„An ihrer Stelle würde ich mich lieber auf die Straße konzentrieren.“
„Äh, Entschuldigung, ja, natürlich.“
„Wenn alles gut läuft, dann müssen sie in ein paar Stunden keine Busse mehr lenken und jetzt halten sie ihre Klappe.“
„Natürlich…“
Minuten vergingen. Während hinten im Bus nach anfänglicher Ruhe zwischenzeitlich eifrig diskutiert wurde, herrschte vorne eisige Stille. Carlos war nach innen gekehrt, überlegte seine möglichen Optionen, wenn die Frau aus der Zentrale statt der angegebenen Nummer die Polizei anrief und starrte auf die Straße. Am Horizont zeichnete sich eine Ortschaft ab, Schilder am Straßenrand wiesen sie als Tlaltenango de Sánchez aus.
Da es keine Umgehungsstraße gab, musste der Bus quer durch die Stadt. Carlos fiel auf, dass die Stadt verlassen war. Die ganze Zivilbevölkerung musste evakuiert worden sein, nur vereinzelt sah er Militär und einige Beamte in Zivil. Carlos hatte mit diesen Zivilbeamten bereits beruflich zu tun. Ganz harte Kerle, unbestechlich und oft auch sonst so glatt wie nur irgendwie möglich. In den meisten Fällen fand sich noch nicht mal Verwandtschaft, über die man an diese Typen herankam. Momentan sah es aber so aus, als wären sie zusammen mit dem Militär anderweitig beschäftigt. Das Funkgerät weckte Carlos aus seinen Gedanken.
„Hallo Bus 43, hier Zentrale. Eine Nachricht für Herrn Cazzares. Over“
Carlos nahm das Mikro.
„Hallo, hier spricht Carlos Cazzares. Over.“
„Hallo Herr Cazzares, ich soll ihnen von ihrem Vater ausrichten, dass ihr Bett bereits gemacht ist und er sich sehr auf ihre Ankunft freut. Außerdem hat er eine kleine Aufmerksamkeit für mich und den Fahrer im Gepäck. Over“
„Danke. Noch ein schönes Leben. Over“
„Vielen Dank. Over“
Carlos legte das Mikrofon zurück und wandte sich wortlos vom Fahrer ab. Beim zurückgehen rieb er sich die Hände. Schon bald würde er wieder in seinem Haus in Ciudad Juárez sein. So hoch im Norden wären sie außer Gefahr. Außerdem glich sein Haus einer Festung. Das einzige Problem waren jetzt nur noch Maria und Juan, die ihn für einen einfachen Landarbeiter hielten. Es wurde Zeit für ein klärendes Gespräch.

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