Dienstag, 19. April 2011

Untot - Band 2 - Kapitel 40

Untot - Band 2 - Kapitel 40
„Wo warst du?“
Maria sah Carlos fragend an, als dieser zurückkam.
„Ich war vorne beim Fahrer, habe etwas für uns organisiert und ich möchte euch einladen. Ich möchte, dass ihr mit mir kommt, und ein paar Tage bei mir übernachtet.“
„Wie ‚bei dir‘?“ warf Juan ein. „Ich dachte, deine Farm liegt im Süden?“
„Naja, nicht ganz. Sagen wir mal so: mein Hauptwohnsitz liegt etwas weiter nördlich, in Ciudad Juárez.“
„Ich dachte, dein Vater wohnt im Norden?“
„Lasst es mich so sagen: mein Vater ist seit ein paar Jahren tot. Ich war euch gegenüber die letzten Tage nicht ganz ehrlich. Ich hatte dazu meine Gründe, aber die Hauptsache ist, dass ihr mir jetzt vertraut.“
„Du hast uns belogen?“ spie Maria hervor. Ihre Augen funkelten ihn böse an.
„Ich hatte meine Gründe. Kommt schon, ich habe euch das Leben gerettet. Ohne mich würdet ihr doch immer noch in dem Kaff festsitzen, oder wärt schon aufgefressen worden. Ich habe euch viel zu verdanken und ich fühle mich euch gegenüber immer noch verpflichtet.“
Das Blitzen verschwand aus Marias Augen und ihre Gesichtszüge entspannten sich, wurden wieder weicher.
„Ich… ich hatte mir schon gedacht, dass du kein Farmer bist. So wie du mit dem Gewehr umgehst und alles. Was machst du wirklich?“
„Wenn ich euch das sagen würde, müsste ich euch leider umbringen.“
Sein Blick verfinsterte sich und er warf Maria und Juan drohende Blicke zu. Sekunden später erhellte sich sein Blick wieder und er fing zu lachen an. Juan und Maria, die vor Schreck die Luft angehalten hatten, nahmen dies erleichtert zur Kenntnis und atmeten wieder tief durch.
„Nein, umbringen nicht. Aber es ist besser, wenn ihr es nicht wisst.“
„Du bist im Drogengeschäft, oder? Die Geschichte mit der Drogenfarm war nicht ganz gelogen und mit Medikamenten kennst du dich auch gut aus.“
„Vielleicht bin ich ja auch Arzt. Nein, das tut jetzt nichts zur Sache. Die Hauptsache ist, dass ihr bei mir sicher seid, bis die ganze Scheiße vorbei ist. Ich habe ein paar Geschäftspartner, die sich um meine Sicherheit sorgen.“
„Leibwächter?“
„Geschäftspartner. Es ist mir lieber von Geschäftspartnern und Teilhabern zu sprechen. Aber genug jetzt. Ich biete euch eine sichere Unterkunft und verlange von euch keine Gegenleistung, außer der, dass ihr keine Fragen stellt. Verstanden?“
Maria und Juan nickten. Alles war besser, als in einem Flüchtlingscamp abzuwarten und schlimmer als die letzten Tage konnte es bei Carlos auch nicht sein. Maria mochte Carlos und genoss den Gedanken, weiterhin in seiner Nähe sein zu können. Es interessierte sie nicht wirklich, wer er war oder was er getan hatte, bevor sie ihn trafen. Er hatte ihnen geholfen und ihr Leben gerettet, das zählte für sie, aus dem Grund verzieh sie ihm. Ohne es sich selbst einzugestehen, empfand sie etwas für Carlos. Sie empfand etwas, was sie als falsch empfand, so kurz nach Emilios Tod und versuchte es zu verdrängen.
Carmen und Antonie schliefen bereits. Die Anstrengungen des Tages machten sich jetzt auch langsam bei den Erwachsenen bemerkbar. Maria war die erste, gefolgt von Juan und auch Carlos nutzte die Gelegenheit sich etwas auszuruhen. Perro hob den Kopf, hielt die Nase hoch und schnupperte. Kurz darauf schlief auch er. Auch die anderen Gespräche im Bus verstummten langsam und gespenstisch still bretterte der Bus über die Straße Richtung Norden.
Nach vier Stunden hatte der Bus sein Ziel erreicht. Die Sonne versank langsam am Horizont und im Zwielicht waren zivile Helfer dabei, aus Armeebeständen stammende Zelte aufzubauen und behelfsmäßige Verwaltungen und Essensausgaben zu errichten. Von außen war es schwer zu sagen, wie viele Leute dort schon untergebracht wurden, es war aber wohl Platz für Tausende. Scheinwerfer erhellten den Eingangsbereich und an den Aufnahmestellen standen die Leute Schlange.
Beamte registrierten die Neuankömmlinge, nahmen persönliche Daten auf und wiesen den Menschen eine Unterkunft zu. Noch sah alles organisiert aus, doch das könnte sich bald ändern. Als der Bus auf dem Platz wendete, forderte der Busfahrer die Reisenden auf, den Bus zu verlassen. Carlos wies seine Gruppe an, noch abzuwarten und sah zum Busfahrer. Der nickte zustimmend, und brachte die anderen Leute nach draußen.
Als alle außer der kleinen Gruppe den Bus verlassen hatten, wandte er sich an Carlos.
„Ich bringe sie jetzt zum Übergabepunkt. Die Zentrale hat mir bereits Anweisungen per Funk erteilt.“
„Ausgezeichnet.“
Maria und Juan sahen Carlos an, der sich wortlos erhob und sich zum Busfahrer gesellte. Auf die Dämmerung folgte Dunkelheit und die Scheinwerfer des Busses durchschnitten die Nacht. Nach einer Stunde Fahrt erreichten sie einen Parkplatz. Absperrbänder hinderten Fahrzeuge daran, in den Parkplatz einzufahren. Der Busfahrer betätigte dreimal die Lichthupe und aus dem Schatten löste sich eine Person, die die Absperrbänder entfernte.
Als der Bus in den Parkplatz einfuhr, brachte die Gestalt die Bänder wieder an und verschmolz wieder mit der Dunkelheit. Der Busfahrer stellte den Bus ab, löschte die Lichter und öffnete die Tür.
„Endstation. Bitte alle aussteigen.“

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